Britischer Einzelhandel

Corona-Krise: Druck auf Online-Retailer steigt

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Next hat sämtliche Stores bereits vor mehreren Wochen geschlossen. Hier zu sehen: der Laden in Leicester.
Next hat sämtliche Stores bereits vor mehreren Wochen geschlossen. Hier zu sehen: der Laden in Leicester.

Der Verkauf von nicht lebensnotwendiger Mode steht in Großbritannien zunehmend in der Kritik. So reagieren etwa Next, Marks & Spencer und John Lewis auf die Vorwürfe.

Der Corona-Ausnahmezustand hat den britischen Einzelhandel lahmgelegt. Nach dem von der Regierung verordneten Lockdown am 23. März hofften viele Retailer, noch über ihre Online-Operationen retten zu können, was zu retten ist. Das hat aber selbst die Modegruppe Next, die zu den erfolgreichsten der Branche gehört und inzwischen 2,15 Mrd. Pfund (2,5 Mrd. Euro) ihres Gesamtumsatzes von 4,4 Mrd. Pfund mit E-Commerce macht, nur wenige Tage durchgehalten.


Nachdem Next vor einer Woche nach der längst vollzogenen Schließung seiner 493 Stores und 361 Concessions auch die Stilllegung der Online-, Warehousing- und Distributions-Operationen bekanntgab, soll das Unternehmen nun seine Hauptverwaltung in Leicester sowie drei Warehouses zum Verkauf stellen. Britische Medien berichten, dass der Immobilien-Spezialist Savills mit der Suche nach einem Käufer für die Hauptverwaltung und der Immobilien-Agent Acre mit der Suche nach Interessenten für die Warehouses beauftragt wurden. Next hat diese Meldungen auf TW-Anfrage noch nicht bestätigt.


Next-Chef Lord Wolfson hatte bereits bei der Bilanz-Vorlage im März gesagt, dass potenziell bis zu 100 Mio. Pfund durch Verkauf und Leaseback von Immobilien erzielt werden könnten, um die Umsatzeinbrüche infolge der Corona-Krise abzumildern. Der Multichannel-Retailer hat in einem „Stress-Test“ die Kosten der Corona-Pandemie hochgerechnet. Bei drei „Stress-Szenarien“ wurde im schlimmsten Fall ein Umsatzrückgang von bis 1 Mrd. Pfund angenommen und damit fast ein Viertel des Jahresumsatzes.

Mitbewerber ringen noch mit der Frage, ob sie dem Beispiel von Next folgen und ihre Logistik-Operationen während der Covid-19-Krise schließen sollen. Andere verteidigen ihre Entscheidung, den Online-Verkauf fortzuführen. In der Debatte zwischen dem Wohl der Wirtschaft und dem Wohl der Menschen wächst der Druck auf die Online-Retailer. Die Gewerkschaften werfen den Firmen vor, die Gesundheit und das Leben ihrer Mitarbeiter zu riskieren, um Produkte zu verkaufen, die nicht lebensnotwendig sind.

„Virus-Bonus“: Marks & Spencers Team an der Front

Die Warenhauskette Marks & Spencer, die bereits vor dem Shutdown eine Gewinnwarnung herausgegeben hat und die Dividende streichen wird, betreibt das Online-Geschäft mit Bekleidung weiter. In den Stores eines der größten Bekleidungseinzelhändlers auf der Insel sind nur die Lebensmittelabteilungen geöffnet. Personal aus dem Clothing & Home-Team unterstützt die Kollegen der Food-Teams bei der starken Nachfrage. Zudem wurden zusätzliche Social Dictancing- und Hygiene-Maßnahmen getroffen.

Den Mitarbeitern an vorderster Front zahlt Marks & Spencer sozusagen einen „Virus-Bonus“. So werden die Beschäftigten in den Stores und der Lieferkette 15% zusätzlich zum Gehalt für die zwischen dem 5. April und 31. Mai geleisteten Stunden bekommen. Andere können Urlaub nehmen und auf ihr volles Gehalt rechnen, um sie vor den finanziellen Folgen des Coronavirus-Ausbruchs zu schützen. Zudem werden Kollegen, die sich für sieben bis vierzehn Tage in Quarantäne begeben müssen, voll weiterbezahlt.

Auch bei der Department Store-Kette John Lewis sind die Läden vorübergehend geschlossen, es kann aber nach wie vor Online oder via App eingekauft werden. Wie bei den Mitbewerbern wird argumentiert, dass die Gesundheit absoluten Vorrang hat, zusätzliche Social Distancing-Maßnahmen getroffen wurden und die finanzielle Unterstützung der Mitarbeiter gesichert ist. Online kaufen die Kunden bei John Lewis während der Covid-19-Krise vor allem Unterwäsche, Baby- und Kidswear sowie alles rund ums Bett. 

Beim Nobel-Kaufhaus Harvey Nichols steht die Website unter der Prämisse „At Home with Harvey Nicks“. In der neuen Welt des Social Distancing wird die zu Hausarrest verurteilte Kundschaft mit allem angesprochen, was das Leben zu Hause angenehm macht und nebenbei gibt es aufmunternde Unterhaltung. Bei der Luxusmode-Plattform Matchesfashion.com kann sich die betuchte Klientel während der Zwangspause nach wie vor mit feinster Fashion und Accesoires eindecken.


Genauso wie die großen Anbieter ihren Online-Verkauf in dieser Krise verteidigen, heißt es bei den Modeketten, dass ihr Überleben jetzt von diesen Einnahmen abhängen könnte. Die Forderung der Gewerkschaft, alle Mitarbeiter in den nicht lebenswichtigen Bereichen des E-Commerce sollten zu Hause bleiben, bezeichnet ein Chief Executive als unrealistisch. „Solange es möglich ist, versuchen wir Einnahmen zu erzielen, statt uns auf Kredite des Staates zu verlassen.“ Und die Auswirkungen des Coronavirus könnten noch lang über der Lockdown-Periode fortdauern.

Bei kleineren Modeketten, die weiter über ihre Websites verkaufen, gleichen die Online-Umsätze längst nicht den Verlust aus, den sie durch die Schließungen ihrer Geschäfte haben. Ihre Online-Einnahmen machen meist rund 30% des Gesamtumsatzes aus und damit könne man sich auch nur schwer über Wasser halten. Wer jetzt noch seine Online-Operation betreibt, muss sich im Zweifel beschimpfen lassen, mit unnötigen, luxuriösen oder gar frivolen Produkten nicht nur die Gesundheit seiner Mitarbeiter, sondern auch die der Kuriere aufs Spiel zu setzen, die die Pakete zu den Kunden bringen. Doch je länger der erzwungene Stillstand andauert, desto größer wird der Druck, zu retten, was zu retten ist.   

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