Interview mit dem Secondhand-Investor Christian Wegner

"Ich will mich nicht aufdrängen"

Reverse Retail
Christian Wegner (links) zusammen mit Reverse Retail-Geschäftsführer Marcus Schönhart und Markenbotschafterin Cathy Hummels.
Christian Wegner (links) zusammen mit Reverse Retail-Geschäftsführer Marcus Schönhart und Markenbotschafterin Cathy Hummels.

Oops, he did it again! Nur vier Monate nach seinem Einstieg bei der Re-Commerce-Plattform Mädchenflohmarkt hat der Momox-Gründer Christian Wegner in den Multichannel-Secondhand-Händler Reverse Retail investiert. Im Interview mit der TextilWirtschaft erklärt der 42-Jährige, was er mit seinem kleinen Re-Commerce-Reich vorhat, wie er den Ausstieg bei Momox im Nachhinein bewertet und welche große Vision er mit seinem Gebrauchtwaren-Engagement verfolgt.

TextilWirtschaft: Sie betreiben mit Wisemarkt selbst eine Secondhand-Plattform und sind in letzter Zeit bei zwei Plattformen als Investor eingestiegen. Welche Strategie steckt dahinter? Wollen Sie ein Secondhand-Imperium aufbauen?
Christian Wegner:
Ich habe meine gesamte berufliche Laufbahn dem Re-Commerce gewidmet. Deshalb ist es für mich ein logischer Schritt, all das zu nutzen, was ich mir dabei in den vergangenen 20 Jahren angeeignet habe. Ich möchte meine Erfahrung, mein Wissen, meine Ressourcen und Kontakte einbringen, um für mich selbst in diesem Segment Exzellenz aufzubauen und gleichzeitig den Re-Commerce als Ganzes voranzubringen. Dazu habe ich Wisemarkt mitgegründet und beteilige mich an verschiedenen anderen Re-Commerce-Modellen, die allesamt sehr gut für die Zukunft aufgestellt sind.


Haben Sie bestimmte Pläne für Reserve Retail und Mädchenflohmarkt. Oder sehen sie sich eher als stiller Teilhaber?
Ich möchte beide Unternehmen bestmöglich mit meinem Know-how und meinen Ideen unterstützen – und so bei beiden deutlich zur Ergebnisverbesserung beitragen.

Mädchenflohmarkt hat im August vergangenen Jahres den Break-even geschafft. Reverse Retail schreibt seit 2016 rote Zahlen, ist aber eigenen Angaben zufolge sehr zuversichtlich, 2022 wieder in die Gewinnzone zurückzukehren, nachdem sich der Umsatz 2021 trotz des langen Lockdowns um 20% erhöht habe und die Kosten durch die Verlagerung der Logistik und Content-Produktion deutlich gesunken seien.

Der Konkurrenzkampf wird im Secondhand-Markt immer härter, insbesondere nach dem Einstieg von H&M, Zalando und About You 2020. Warum glauben Sie, dass Reverse Retail und Mädchenflohmarkt dennoch gute Erfolgschancen haben?
Meine Vision ist es, dass eines Tages mehr gebrauchte als neue Dinge verkauft werden. Bis dahin ist es noch ein sehr weiter Weg. Aktuell erreicht der Secondhand-Markt über die meisten Kategorien hinweg etwa 10% der Größe des Neumarkts. Im Buchbereich konnten wir mit Momox, das ich 2004 gegründet habe, den Anteil bereits erhöhen. Heute lesen mehr Menschen gebrauchte Bücher als vorher. Das Ziel war und ist es nicht, anderen Mitbewerbern etwas wegzunehmen. Weder damals mit Momox noch heute mit Wisemarkt, Reverse Retail und Mädchenflohmarkt.
Das Geschäftsmodell von Reverse Retail
Das Hamburger Unternehmen hat zwei Secondhand-Formate im Portfolio, die sich hauptsächlich an stationäre Modehändler richten. Diese können entweder Ankaufstationen der Reverse Retail-Ableger Buddy & Selly in ihren Läden einrichten, an denen Kunden aussortierte Kleidungsstücke gegen Einkaufsgutscheine umtauschen können. Oder die Händler schaffen Verkaufsflächen, auf denen der Reverse Retail-Ableger Vite En Vogue gebrauchte Modeteile anbietet, die er zuvor über die Website Buddy & Selly bei Verbrauchern erworben hat – oder bei hochwertig positionierten Secondhand-Boutiquen und Markenherstellern.

Die Liste der Modehandelspartner umfasst über 100 Unternehmen. Sie reicht vom Department Store-Filialisten Breuninger in Karlsruhe, Stuttgart und Freiburg über Ludwig Beck und Lodenfrey in München bis hin zum KaDeWe in Berlin und mehreren Standorten von P&C Hamburg und Wöhrl.

Vertriebskanäle von Vite En Vogue sind neben dem eigenen Online-Shop und den stationären Modehändlern unter anderem Ebay, About You und die Secondhand-Plattformen Vestiaire Collective und Rebelle.

Worum geht es dann?
Es geht darum, den Gebrauchtmarkt mindestens fünfmal so groß zu machen wie heute. Da darf es gern noch weitere Marktteilnehmer geben, die dabei mithelfen. Dass H&M, Zalando und Co auch Secondhand probieren, hat aus meiner Sicht Vor- und Nachteile. Es gibt die Gefahr des Greenwashings, und natürlich können solche Player andere Preise anbieten als wir. Dafür haben aber auch wir unsere Stärken und können gegen diese Konkurrenz bestehen. Und wenn diese Unternehmen dazu beitragen, bei den Kund:innen Berührungsängste gegenüber Secondhand abzubauen, profitieren wir alle.

Sind weitere Investitionen in Secondhand-Anbieter geplant?
Das prüfe ich derzeit und möchte es nicht ausschließen. Der Markt kann wie gesagt noch einige weitere Teilnehmer vertragen.

Wem gehört Reverse Retail?

Der 2012 gegründete Secondhand-Spezialist Reverse Retail ist eine 100-prozentige Tochter der Hamburger Kappavest GmbH. Dort ist Reverse Retail-Geschäftsführer Marcus Schönhart nach TW-Recherchen mit einem Anteil von knapp 20% größter Einzelgesellschafter. Wegner gehört laut Schönhart zum "Kreis der größeren Einzelgesellschafter". Wegner selbst schreibt auf seinem Linked in-Profil, dass er nun "einer der Hauptgesellschafter" sei. Zu Details will er sich nicht äußern.

Weitere Kappavest-Gesellschafter sind unter anderem RR-Geschäftsführer Harald Sippe (knapp 7% der Anteile), Gründer Alexander P. Sator (13%) sowie zahlreiche Beteiligungsgesellschaften und mehrere Privatinvestoren.

Nach TW-Informationen ist auch der ehemalige Reverse Retail-Geschäftsführer Arndt Brockmann noch investiert. Der frühere Esprit- und Zara-Topmanager hatte das Hamburger Unternehmen im März 2018 nach nur sieben Monaten verlassen.

Werden Sie dafür sorgen, dass die Unternehmen, in die Sie investiert haben, stärker zusammenarbeiten, um Synergien zu heben?
Das möchte ich nicht forcieren. Ich will helfen, wo ich gebraucht werde und wo ich helfen kann. Ich werde mich aber nicht aufdrängen. Wenn ich vermitteln kann, mache ich das gern.

In einem Linkedin-Beitrag (s.u.) prahlt Wegner damit, dass er Momox mit einem Invest von nur 1500 Euro bis zur ersten Finanzierungsrunde und über 10 Mio. Euro gebracht habe. Insgesamt habe Momox weniger als 10 Mio. Euro an Fremdkapital gebraucht, um "hochprofitabel" und auf 312 Mio. Euro Umsatz zu wachsen. Bei Reverse Retail sei die Ausgangslage "weitaus komfortabler". Die Gründe seien u.a. ein "eingespieltes Team, ein cleverer Omnichannel-Ansatz und ein "geiles Sortiment".
In welche Unternehmen haben Sie sonst noch investiert?
Ich persönliche fokussiere mich auf den Re-Commerce-Bereich. Es gibt noch einige weitere Investments, die aber nicht von mir, sondern vom Berliner Family Office F4 getätigt wurden. Die Investments von F4 sind vielfältig und beschränken sich nicht auf einzelne Start-ups.

Laut Handelsregister ist F4 Haupteigner der Gebrauchtwaren-Plattform Wisemarkt, die Wegner gegründet hat. F4 hält 70% der Wisemarkt-Anteile. Der Rest befindet sich im Besitz der Berliner Beteiligungsgesellschaften GE und NK. Geschäftsführer von Wisemarkt ist der ehemalige Momox-General Manager Gordon Eckert.

Warum sind Sie 2019 bei Momox ausgestiegen? Bereuen Sie die Entscheidung inzwischen? Schließlich läuft das Geschäft bei Momox derzeit sehr gut. 2020 stieg der Umsatz um 25% auf 312 Mio. Euro.
Für mich persönlich war und ist Momox ausentwickelt. Momox soll und wird weiter wachsen Für mich war es aber an der Zeit zu gehen, weil ich überzeugt bin, mit meinen jetzigen Aktivitäten einen viel größeren Impact im Re-Commerce erzielen zu können, als das bei Momox für mich möglich gewesen wäre. Rein finanziell hätten sich weitere Jahre bei Momox sicher gelohnt. Aber Geld ist nicht das, was mich antreibt. Im Gegenteil: Dinge nur aus finanziellen Gesichtspunkten zu tun, ist mir suspekt.

Wird der Secondhand-Boom auch nach dem Ende der Pandemie anhalten?
Mir geht es um die Vision, dass eines Tages mehr gebraucht als neu gekauft wird. Ob es dafür einen Boom braucht, weiß ich nicht. Ein echtes Re-Commerce-Geschäft zu betreiben, also keinen Marktplatz, ist analog zum E-Commerce ein Marathon und kein Sprint. Bei Momox brauchten wir auch keinen Boom, um zu wachsen. Und ich bin sicher, dass der Re-Commerce insgesamt weiter wachsen wird.

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