Corona-Epidemie

Profitiert die Türkei?

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Die Türkei ist das drittwichtigste Lieferland für deutsche Modeanbieter.
Die Türkei ist das drittwichtigste Lieferland für deutsche Modeanbieter.

Die Unsicherheit bezüglich der Lieferketten in China durch die Corona-Epidemie könnte der Türkei in die Hände spielen. Es werde mit einer Auftragssteigerung in Höhe von bis zu 2 Mrd. Dollar gerechnet, zitiert das Handelsblatt aus einer Stellungnahme des Verbands der türkischen Bekleidungshersteller (TGSD).

 "Viele bekannte Marken haben bereits Verhandlungen für die Produktion neuer Ware mit uns aufgenommen", berichtet Verbandspräsident Hadi Karasu.

Für die deutschen Modeanbieter ist die Türkei das drittwichtigste Lieferland nach China und Bangladesch. Im ersten Halbjahr 2019 kam Bekleidung im Wert von 1,5 Mrd. Euro vom Bosporus nach Deutschland, hat der Modeindustrie verband GermanFashion errechnet. Das waren allerdings über 10% weniger als in den ersten sechs Monaten 2018.

Laut der jüngsten Sourcing-Studie von Kurt Salmon aus dem Herbst 2019 könnte der Stern der Türkei noch viel weiter sinken. Das Beratungsunternehmen hat errechnet, dass die Türkei im Jahr 2022 nur noch einen Anteil von 9,8% an der Beschaffung der europäischen Modeanbieter haben wird. 2018 waren es noch 11% gewesen.

Allerdings wurde die Kurt Salmon-Studie einige Monate vor dem Ausbruch des Coronavirus erstellt. Die Lage könnte sich, sollte die Epidemie lange anhalten, durchaus noch zugunsten der Türkei verändern.

Zuletzt liefen die Geschäfte der türkischen Bekleidungsproduzenten allerdings schleppend. Auch wenn TGSD-Präsident  Karasu in einem öffentlichen Brief an die Mitglieder schreibt, im Jahr 2019 sei der "Meilenstein von 18 Mrd. Dollar im Export fast erreicht worden". Zudem sei die Zahl der Beschäftigten in der türkischen Bekleidungsindustrie zum September vergangenen Jahres auf über 560.000 angestiegen. Karasu spricht allerdings auch von einem herausfordernden Jahr, in dem die Kunden lieber Dienstleistungen als Produkte "mit einem Mehrwert zu niedrigen Preisen" kaufen wollten.

Die Industrie des Landes müsse sich umstellen und künftig für Marken im oberen Segment attraktiver werden und gleichzeitig auch die Fertigung niedrigerer Stückzahlen anbieten. Hinzu kommen teilweise veraltete Maschinenparks bzw. die veralteten Technologien. Karasu schreibt in seinem Brief: "Auch wenn wir nur eine Kapazitätsauslastung von 85% haben, müssen wir 20% der Aufträge aus dem Ausland ablehnen". Schuld daran sind offenbar die veralteten Anlagen.

Das Land, in dem auch das Gros der deutschen Modeunternehmen zumindest teilweise fertigen lässt oder gar eigene Produktionsstätten unterhält, ist nach China der größte Full-Package-Anbieter weltweit. Top-Export-Warengruppen sind T-Shirts, Kostüme und Anzüge. Um Vollgeschäft anbieten zu können, müssen die Türken aber Rohmaterialien wie Baumwolle, Garne und Zutaten kaufen. Vieles davon kommt aus China. Und diese Lieferungen sind seit dem Ausbruch des Corona-Virus ebenfalls ins Stocken geraten.
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