Corona-Krise: Interview mit Reserved-Chef Martin Kanngiesser

„Lieber kürzer öffnen als komplett dichtmachen”

Foto: Reserved
Martin Kanngiesser: "Wir müssen flexibel reagieren und sehr genau überlegen, welche Investitionen jetzt nötig sind oder erstmal hintenan gestellt werden können."
Martin Kanngiesser: "Wir müssen flexibel reagieren und sehr genau überlegen, welche Investitionen jetzt nötig sind oder erstmal hintenan gestellt werden können."

Mittwoch, 12. März, am frühen Nachmittag: Wir erreichen Martin Kanngiesser in seinem Büro in der Hamburger Speicherstadt. Kanngiesser ist Deutschlandchef des Fast Fashion-Filialisten Reserved. 19 große Häuser betreibt das Unternehmen hierzulande.

TextilWirtschaft: Herr Kanngiesser, wie ist die Lage in Ihren Geschäften?
Martin Kanngiesser: Ganz aktuelle Zahlen von heute habe ich noch nicht, aber bis zum gestrigen Dienstag war die Entwicklung erstaunlich stabil. Zwar gingen die Frequenzen um etwa 20% runter, aber die Umsätze waren stabil. Doch es ist wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis auch die Umsätze nach unten gehen.


Gibt es regionale Unterschiede?
Nein, ich hatte eigentlich vor allem in Aachen und Mönchengladbach mit Einbrüchen gerechnet, aber dort war die Entwicklung ganz im Gegenteil sogar recht positiv.

Wie läuft der Online-Shop?
Der läuft ganz normal mit den üblichen Wachstumsraten. Man kann nicht sagen, dass der E-Commerce jetzt durch die Decke geht, weil die Leute alle nur noch zuhause sind und von dort bestellen.

Wie reagieren Sie auf die drohende Baisse in den kommenden Wochen?
Wir müssen flexibel reagieren und sehr genau überlegen, welche Investitionen jetzt nötig sind oder erstmal hintenan gestellt werden können. Müssen wir die Umkleiden in Filiale X umbauen? Braucht Filiale Y jetzt sofort ein neues Regalsystem im Lager? Muss der Wandkratzer in Filiale Z unbedingt noch diesen Monat überstrichen werden?

Wie sehr können Sie bei den Personalkosten sparen?
Zunächst überlegen wir uns jetzt natürlich genauer, ob wir eine Stelle kurzfristig nachbesetzen. Diesbezüglich haben wir auch eine menschliche Verantwortung: Weil wir nicht voraussagen können, wie lange die Situation anhält, möchten wir nicht einfach jemanden einstellen, um uns dann nach kurzer Zeit wieder trennen zu müssen.

Passen Sie die Besetzung in den Filialen an?
Grundsätzlich passen wir unsere Einsatzplanung schon immer und täglich an die Umsätze an. Tendenziell sind wir dabei natürlich im Bereich der Aushilfen am flexibelsten. Bei Bedarf können wir außerdem bei Mitarbeitern mit Vertragsstunden Minusstunden aufbauen. Das ist ja im Einzelhandel gelernte Praxis. Vor dem Dezember beispielsweise bauen unsere Leute auch eher Minusstunden auf, weil wir sie dann zum Jahresende verstärkt brauchen.

Haben Sie schon mal über verkürzte Öffnungszeiten nachgedacht?
Ja, gerade heute morgen haben wir uns darüber im Kollegenkreis unterhalten, bislang aber nicht weiterverfolgt. Ein Alleingang würde dabei auch keinen Sinn machen. Grundsätzlich könnte ich mir aber gut vorstellen, zum Beispiel nur noch von 13 bis 18 Uhr zu öffnen. Das wäre auf jeden Fall besser, als komplett zuzumachen. Andererseits müssten wir dann natürlich alle Prozesse darauf abstimmen. Bei uns kommt zum Beispiel morgens die Ware. Ich kann ja nicht die Mitarbeiter die Ware annehmen und auspacken lassen, dann drei Stunden schließen und dann wieder aufmachen.

Ist der Krankenstand bei Reserved angesichts der allgemeinen Unruhe höher als sonst?
Nein, wir verzeichnen bislang nicht mehr Krankmeldungen und haben darüber hinaus auch noch keinen Corona-Fall in unseren Reihen. Wir bitten unsere Mitarbeiter aber, sich im Zweifelsfall lieber eher als später krankzumelden.

Gibt es besondere Restriktionen, die sie sich auferlegt haben?
Wir haben zum Beispiel gerade eine Arbeitsrechtschulung hier in der Zentrale für unsere Mitarbeiter aus den Filialen abgesagt. Überhaupt: Was das Reisen betrifft, beschränken wir uns auf betriebswirtschaftlich unbedingt erforderliche Reisen. Wenn es ein Problem in einer Filiale gibt, fahre ich dort natürlich hin. Die turnusmäßigen „Hallo, wie läuft’s“-Besuche spare ich mir momentan. Aber ein Bereichsleiter muss natürlich weiterhin seine Filialen bereisen, weil das ein essenzieller Teil seines Jobs ist.

Können Sie in der Warensteuerung flexibel auf zu erwartende Volatilitäten reagieren?
Bislang sind dort noch keine Veränderungen geplant. Aber die Warensteuerung ist ohnehin immer flexibel. Was nicht verkauft wird, wird nicht nachgeliefert. Im Übrigen erwarten wir auch keine Engpässe wegen der Lage in China.

Wie ist das mit besonderen Modethemen, die turnusmäßig in den nächsten Wochen anstehen und besonders von den Fast Fashion-Playern regelmäßig aufgegriffen werden? Gerade wurde zum Beispiel das Coachella-Musikfestival auf den Herbst verschoben. Trifft Sie das, weil Sie begleitend zu Coachella eine Festival-Kapselkollektion geplant hatten?
Das kann ich Ihnen ehrlich gesagt nicht sagen. Die Kollektionsplanung erfolgt in unserer Zentrale in Danzig. Ich gehe davon aus, dass die Kollegen dort sich eine Lösung einfallen lassen.

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