Peter Kaiser-CEO Stefan Frank im Interview

"Der Speck fehlt"

Peter Kaiser
Peter Kaiser-CEO Stefan Frank: "Die staatlichen Hilfen müssen jetzt effektiv ausfallen."
Peter Kaiser-CEO Stefan Frank: "Die staatlichen Hilfen müssen jetzt effektiv ausfallen."

Peter Kaiser zählt zur Riege der größten deutschen Schuhproduzenten und beschäftigt alleine am Firmensitz in Pirmasens 170 Mitarbeiter. Doch die zurückliegenden Jahre waren für den Damenschuh-Spezialisten wie für alle, die ihr Geschäft mit Schuhen bestreiten, fordernd. Auch die notwendige Umstrukturierung des Unternehmens, noch in vollem Gange, tut ihr Übriges. Und jetzt Corona. Über den Status quo in Pirmasens berichtet Stefan Frank, seit gut zwei Jahren CEO von Peter Kaiser.

TextilWirtschaft: Herr Frank, wie stellt sich die Situation aktuell bei Peter Kaiser dar – haben Sie bereits Mitarbeiter ins Home-Office geschickt?
Stefan Frank: Am Montag hatte ich ein Konzept erarbeitet, das ich am Dienstag schon wieder verwerfen musste. Anfang der Woche hätte ich noch nicht gedacht, dass wir die Belegschaft so weit runterfahren würden. Mittlerweile habe ich realisiert, dass gar nicht mehr so viele Mitarbeiter hier sein müssen. Seit heute haben wir die Kernarbeitszeit von acht auf sechs Stunden verkürzt und arbeiten in Notdienst-Besetzung.

Notdienst, was heißt das?
Weiterhin besetzt sind Abteilungen wie Vertrieb, Buchhaltung sowie ein Teil der Verwaltung, etwa unsere IT. Wer im Home-Office arbeiten kann, arbeitet von dort aus, etwa unser E-Commerce-Team. Unsere Entwicklungsabteilung haben wir indes in zwei Teams gesplittet, so dass im Falle einer Infektion die Weiterentwicklung gewährleistet ist, wobei aktuell nicht einmal Prototypen erstellt werden können.

Die Produkion steht komplett still?
Ja, wir haben alle Werke vorerst geschlossen. Hier in Pirmasens genauso wie in Portugal. Da werden jetzt erstmal Überstunden abgebaut, bevor es in die Kurzarbeit geht.

Mit Blick auf Ihren Online-Store: Haben Sie das Gefühl, die Menschen haben jetzt überhaupt einen Kopf dafür, Bekleidung und Schuhe zu shoppen?
In der vergangenen Woche wurde viel bestellt. In dieser Woche habe ich das Gefühl, dass die Konsumentinnen eher Dinge zurückschicken. Zumindest kam diese Woche mehr zurück als rausging. Das macht eher den Eindruck, die Menschen würden ihr Geld ob der unsicheren Zeiten lieber zusammenhalten wollen.

Wie gehen Sie mit Ihren Handelspartnern um? Liefern Sie noch Ware aus?
Nein, wir haben die Auslieferung jetzt gestoppt und das heute in einem Schreiben auch an alle Partner kommuniziert. Das war im Austausch mit unseren Kunden in der vergangenen Tage natürlich ein Kernthema, bei großen wie kleineren Kunden, im In- wie im Ausland.

Was geschieht mit der Ware?
Das werden wir dann besprechen müssen. Jetzt steht sie erstmal bei uns. Der Plan ist aber, sie zu einem späteren Zeitpunkt auszuliefern. Wir können uns es schlichtweg nicht leisten, die bestellte Ware nicht in Rechnung zu stellen. Auch wir haben die Ware bereits bezahlt – Rohmaterialien und Löhne – und produziert. Die Forderungen, die einige Händler im Moment an die Industrie stellen sind teilweise nicht ganz fair – obgleich ich das alles nachvolllziehen kann. Schon die zurückliegenden Jahre waren für den Handel – vielleicht mit Ausnahme einiger Player – keine fetten Jahre, und jetzt sind auch noch die eigentlich lukrativen Wochen rund um Ostern dahin. Es fehlt der Speck. Auch wir haben enorm mit dieser Extremsituation zu kämpfen, wir sitzen im Moment alle im selben Boot. Die staatlichen Hilfen müssen jetzt schon effektiv ausfallen. Und es darf nicht zu lange dauern, bis sich das Procedere in Gang setzt.

Wie haben Sie ganz konkret angefangen, auf die Situation zu reagieren, was waren erste Schritte?
Wir haben gekürzt, wo es ging. Alle Investitionen, die wir "außer der Reihe" vorhatten, haben wir gestrichen. So war im Frühjahr etwa eine Außenbestuhlung für unser Café am Werk 1 hier in Pirmasens geplant. Das haben wir natürich gecancelt. Und auch die Gallery Shoes haben wir abgesagt, wobei das keine rein wirtschaftliche Entscheidung war. Wir hatten das Gesundheitsrisiko vor Augen, wollten zuletzt zumindest mit Minimalbesetzung dort vertreten sein. Als am Mittwochmorgen vor der Messe jedoch auch noch die Absage eines großen Lieferanten kam, war uns klar: Auch wir können nicht guten Gewissens Leute dorthin schicken.

Nun steckt die Schuhbranche zu diesem Zeitpunkt noch mitten in der Orderrunde. Wie viel Ihrer Aufträge stehen bei Peter Kaiser noch aus?
Stand heute wären es 19%. Insgesamt aber fehlt uns von der Vororder zum Herbst/Winter 2020 noch ein größerer Anteil. Wir versuchen, das Ganze sachlich in alle Richtungen abzuarbeiten, aber ich komme nicht umhin zu sagen: Es ist für uns alle die größte Krise.
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