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Corona und die Folgen: Interview mit Konsumpsychologe Dr. Hans-Georg Häusel

„Für die Kunden ist Corona wie Tschernobyl”

Foto: Häusel
Konsumpsychologe Dr. Hans-Georg Häusel: "Bloß keine Desinfektionsmittel an den Ladeneingängen!"
Konsumpsychologe Dr. Hans-Georg Häusel: "Bloß keine Desinfektionsmittel an den Ladeneingängen!"

Quarantänen, Hamsterkäufe, Panikmache - Konsumpsychologe Dr. Hans-Georg Häusel ist überzeugt davon, dass sich die Ausbreitung des Coronavirus weiter auf das Kundenverhalten auswirken wird. Häusel ist Dozent an der Hochschule für Wirtschaft in Zürich und arbeitet u.a. für die Gruppe Nymphenburg. Wir haben ihn gefragt, wie es den Modehandel treffen wird, wer von der Situation profitiert und wann wieder Normalität einziehen könnte.

TextilWirtschaft: Herr Häusel, das Coronavirus breitet sich auch in Deutschland immer stärker aus. Rechnen Sie mit Auswirkungen auf das Verhalten der Kunden?
Dr. Hans-Georg Häusel: Auf jeden Fall. Bislang war das Thema noch relativ weit weg, es gab ja zunächst nur ein paar Fälle in einer Firma in Bayern. Jetzt kommt es immer näher, zusätzlich bauen die Medien durch realitätsferne Berichterstattung und Bilder Panik auf, obwohl das Coronavirus ja eigentlich gar kein so großes Problem zu sein scheint.

Was geht in den Menschen vor?
Es entwickelt sich eine diffuse Angst vor dem Unkontrollierbaren und die wird sich auch auf die Konsumstimmung auswirken. Vor allem im Lebensmittelhandel rechne ich ab dieser Woche mit einer deutlichen Zunahme von Hamsterkäufen.

Womit muss der Modehandel rechnen?
Die Lust auf Mode wird spürbar zurückgehen. Besonders der Modekauf ist angewiesen auf eine möglichst gelöste Stimmung, zum Beispiel in der Vorfreude auf eine Party, für die man sich etwas Schönes zum Anziehen kauft. Hinzu kommt, dass die Wirtschaft insgesamt unter dem Coronavirus leidet, was wiederum auch die Kauflaune verschlechtert. Ich rechne mit einer kleinen Abwärtsspirale.

"Das Gute ist: Nach der Angst kommt die Überlust. Nach dem Dreißigjährigen Krieg kam schließlich auch der Barock."
Foto: Häusel
"Das Gute ist: Nach der Angst kommt die Überlust. Nach dem Dreißigjährigen Krieg kam schließlich auch der Barock."
Wie sollte der stationäre Handel reagieren? Desinfektionsstationen am Eingang, Mundschutz für die Mitarbeiter?
Auf gar keinen Fall! Damit würde man den Tod ja an die Wand malen. Desinfektionsmittel auf den Toiletten sind okay. Alles andere würde die Konsumlaune der Menschen sicher nicht heben. Ein Geschäft soll ja keine Panik, sondern ein gewisses Gelöstsein vermitteln. Nach dem Motto: „Das Leben ist kurz, deshalb leisten wir uns etwas. Carpe diem. Es ist ja alles nicht so schlimm.”  Und das ist dann ja angesichts der wirklichen Bedrohung durch Corona noch nicht mal gelogen.

Könnte der Online-Handel von der aktuellen Lage profitieren?
Ja, weil die Kunden nicht mehr so viel rausgehen und nicht mehr so oft öffentliche Verkehrsmittel nutzen, trotzdem aber das eine oder andere konsumieren wollen. Das dürfte dem Online-Handel Auftrieb geben.

Mit welchem anderen Ereignis würden Sie aus Konsumsicht die jetzige Lage vergleichen?
Für mich ähnelt es der Situation nach dem Vorfall in Tschernobyl. Auch damals gab es eine scheinbare Bedrohung für Leib und Leben. Die Leute haben angefangen, Hamsterkäufe zu tätigen, in den Städten war weniger los. Jetzt könnte die Reaktion sogar noch heftiger ausfallen, weil Corona durch die sozialen Medien omnipräsent ist und die Menschen quasi täglich die Kranken und Toten sehen können.

Wie lange wird die Zurückhaltung anhalten?
Ich rechne mit sechs bis acht Wochen, dann ist das Thema durch, dann kommen die Nachrichten, dass die Ansteckungsraten runtergehen und die Leute sehen das rettende Ufer. Anschließend wird der Konsum übermäßig stark nach oben gehen. Der Mensch ist ein Stehaufmännchen. Nach der Angst kommt die Überlust. Nach dem Dreißigjährigen Krieg kam schließlich auch der Barock.

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