Coronavirus-Krise in Großbritannien

Der Bekleidungshandel leidet – immer mehr Store-Schließungen

imago images / Xinhua
 Immer mehr Modehändler schließen jetzt auch in Großbritannien ihre Läden. Hier: Eine Kundin, die bereits am 16. März vor dem geschlossenen Londoner Nike-Flagship Store stand.
Immer mehr Modehändler schließen jetzt auch in Großbritannien ihre Läden. Hier: Eine Kundin, die bereits am 16. März vor dem geschlossenen Londoner Nike-Flagship Store stand.

What next? Im Kampf gegen das Coronavirus tritt der britische Premierminister Boris Johnson inzwischen täglich vor die Nation. Nachdem der Regierung ein zunächst ein zu lasches Vorgehen gegen die Corona-Pandemie vorgeworfen wurde, steht nun alles im Zeichen des Krisenmanagements.

Milliardenschweren Hilfspaketen sollen weitere Notprogramme folgen. Nachdem die britische Notenbank bereits am Mittwoch der vergangenen Woche den Leitzins von 0,75% auf 0,25% gesenkt hatte, folgte gestern die nächste Zinssenkung auf 0,1%. Die Maßnahmen sollen helfen, Unternehmen und die Menschen durch die Krise zu bringen. Wenn sich dann noch die 93-jährige Königin Elizabeth II. wegen der Corona-Krise an die Nation wendet, steht der Ernst der Situation nicht mehr in Frage.


Nachdem Premierminister Johnson alle Bürger zur "sozialen Distanzierung" aufgerufen hat, immer mehr Firmen auf Home-Office umgestellt haben und 40 U-Bahn-Stationen geschlossen wurden, wirkt London in Teilen wie eine Geisterstadt. In der gespenstisch leeren Innenstadt schließen immer mehr Läden und die Retailer sind dabei, die Kosten der Krise zu zählen.

Die Warenhauskette Marks & Spencer hat eine Gewinnwarnung herausgegeben und wird die Dividende streichen. Das Unternehmen geht davon aus, dass die Störungen durch Covid-19 bis in den Herbst hinein andauern, wie es in einem Statement heißt. Das Geschäft der Sparten Bekleidung und Home sowie das International Business werde in den kommenden neun bis 12 Monaten stark betroffen sein, deshalb sei es nicht möglich, eine sinnvolle Gewinnprognose zu geben. Man bereite sich auf eventuelle temporäre Store-Schließungen vor. Der Gewinn für das laufende Geschäftsjahr (30. März), das nur in seinen letzten Wochen von der Corona-Krise betroffen ist, könnte am unteren Ende der von Analysten erwarteten 440 Mio. Pfund bis 460 Mio. Pfund (rd. 511 Mio. Euro) liegen, oder auch beträchtlich darunter.



Marks & Spencer Chief Executive Steve Rowe sagte, dass die Stores und der Geschäftsbetrieb offen bleiben, während neue Maßnahmen zur Unterstützung der Kunden und Mitarbeiter implementiert werden. Personal aus dem Clothing- und Home-Team wird den Kollegen in den Food-Teams bei der stark angestiegenen Nachfrage helfen. Während der Fitting-Service für BHs und Anzüge in den Kabinen vorübergehen eingestellt wurde, stehen die Berater bei Bekleidung weiter zur Verfügung. Zudem wurde ein kontaktfreier Lieferservice für alle Clothing, Home, Blumen, Geschenkkörbe und Wein-Orders eingerichtet.

Über die Website und die sozialen Medien sendet Marks & Spencer ein Dankeschön an Kunden und Kollegen: „Seit über 135 Jahren stehen Marks & Spencer, unsere Kunden und die Communitys, die wir betreuen, vor großen und kleinen Herausforderungen und meistern sie, indem sie sich gegenseitig unterstützen und zusammenarbeiten. Gegenseitige Freundlichkeit und Unterstützung werden uns dabei helfen, diese beispiellosen Zeiten durchzustehen.“ Für die Mitarbeiter des Gesundheitssystems NHS und besonders anfällige Kunden wurde ab heute die erste Stunde nach Öffnung von Marks & Spencers eigenen Läden reserviert. Die Maßnahme wird jeden Montag und Donnerstag wiederholt. Zur Unterstützung der Mitarbeiter bei den Rettungsdiensten wird jeden Dienstag und Freitagmorgen die erste Öffnungsstunde reserviert.

Eine Welle der Hilfsbereitschaft

Beim Mitbewerber John Lewis Partnership bleiben alle Stores offen, im Moment habe man keine Pläne für Schließungen, heißt es. Die Filialen der Department Store-Kette öffnen noch zu den regulären Zeiten, aber das könne sich ändern. Gegenwärtig sind alle Click & Collect-Standorte offen. Das Unternehmen hat einen Community Support Fund in Höhe von 1 Mio. Pfund zur Unterstützung lokaler Gemeinden zur Verfügung gestellt und ebenfalls Einkaufsstunden für die ältere Generation eingerichtet. „Partner unterstützen sich gegenseitig und helfen bei der Schwester-Supermarktkette Waitrose aus, um mit der wachsenden Nachfrage fertig zu werden,“ so Sharon White, Chairman von John Lewis Partnership, „mehr als 2500 John Lewis Partners sind in diesem Monat in Waitrose-Shops, um die Lieferungen zu unterstützen“.

Die zur Selfridges Group gehörende irische Department Store-Kette Brown Thomas hat ebenso wie Selfridges ihre Stores geschlossen. Auch die Department Store-Kette Fenwick hat ihre Filialen nicht mehr geöffnet. Zu den Retailern, die sich zu Schließungen entschlossen haben, zählen Luxusmode-Store Dover Street Market, die Mode-Filialisten Reiss und Warehouse sowie die Schuhkette Dune. Sie alle verweisen auf ihre Websites/Online Store sowie digitalen und Social Channels, die offen bleiben und Aufträge wie üblich entgegen nehmen.

Um den Schaden infolge der stark rückläufigen Kundenfrequenz zu mildern, hat der Modehandel schon zu Beginn des Monats zu Rotstift-Aktionen gegriffen. Nach Daten des Marktplatzes Lovethesales.com war in der Woche bis zum 13. März 23 % mehr Bekleidung im Vergleich zur Vorwoche reduziert. Am stärksten waren Luxusmarken mit 123 % mehr Produkten im Vergleich zur Vorwoche rabattiert. Bei Premium-Brands hielt sich das Discounting mit 1% in Grenzen. „Retailer sehen sich in einer beispiellosen Situation,“ so Stuart McClure, Gründer von Lovethesales.com, „sie sehen den Umsatzeinbruch, der zu Überständen führt. Und wenn man das noch mit späten Lieferungen kombiniert, die in dieser Saison verkauft werden sollten, gibt es ein riesiges Problem später im Jahr.

Andere Retailer versuchen, mit Mietkürzungen  zu retten, was zu retten ist. Der Filialist Superdry, der in seinen Stores in Großbritannien und den USA einen Rückgang der Kundenfrequenz von 25% hat, bittet die Vermieter der Läden um eine dreimonatige Mieten-Pause. Und Philip Greens Arcadia Group, zu der Modefilialisten wie Topshop und Dorothy Perkins gehören, soll seinen Vermietern mitgeteilt haben, dass zumindest ein Teil der nächste Woche fälligen Mietzahlungen nicht beglichen werden. Das berichtet der Nachrichtensender Sky News. Mietern im neuen King’s Cross Shopping-Komplex im Norden der britischen Metropole kommt Landlord Argent entgegen. Um etwas von dem Druck zu nehmen, unter dem Retailer wie Waitrose und Nike stehen, wird Argent ihnen die Miete für die Dauer von drei Monaten erlassen.

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