Das Statistische Bundesamt informiert

Modehandel: 40% weniger Insolvenzanträge

Imago / Fotostand
Trotz der anhaltenden Corona-Krise und des langen Lockdown im Frühjahr mussten 2021 deutlich weniger Modeunternehmen Insolvenz anmelden als im Vorjahr.
Trotz der anhaltenden Corona-Krise und des langen Lockdown im Frühjahr mussten 2021 deutlich weniger Modeunternehmen Insolvenz anmelden als im Vorjahr.

In der deutschen Modebranche ist die Zahl der Firmenpleiten weiter rückläufig: Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) für die ersten neun Monate dieses Jahres ermittelte, ist die Zahl der Insolvenzanträge im Einzelhandel mit Bekleidung um 40% gesunken, bei den Händlern von Schuhen und Lederwaren sogar um 50%. Im Online-Handel mit Mode und dem Mode-Großhandel fiel der Rückgang deutlich geringer aus. In der Bekleidungsindustrie zählte Destatis fast 38% weniger Fälle als im ersten Corona-Jahr. Die Wirtschaftsauskunftei Creditreform und der Insolvenzverwalter-Verband VID warnen aber vor zu großer Euphorie. Die tatsächliche Belastungsprobe komme noch.

Der monatelange Lockdown im Frühjahr hat offenbar weniger Mode-Einzelhändler in die Pleite gestürzt als bisher gedacht. Laut Auskunft des Statistischen Bundesamtes (Destatis) haben in den ersten neun Monaten dieses Jahres 63 Bekleidungshändler die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens beantragt. Das sind 40% weniger als im Vorjahr. 51 Verfahren wurden eröffnet, zwölf mangels Masse abgelehnt. Die Produzenten von Pelzbekleidung sind in dieser Kategorie nicht enthalten.

Entwicklung der Insolvenzzahlen in der Corona-Krise. 30.4.21: Aussetzung der Insolvenzantragspflicht. 26.6.20: Bis dahin musste der Eröffnungsgrund für ein Insolvenzverfahren bereits am 1. März 2020 vorliegen. 30.9.21: Bis dahin war die Insolvenzantragspflicht bei Überschuldung ausgesetzt.
VID
Entwicklung der Insolvenzzahlen in der Corona-Krise. 30.4.21: Aussetzung der Insolvenzantragspflicht. 26.6.20: Bis dahin musste der Eröffnungsgrund für ein Insolvenzverfahren bereits am 1. März 2020 vorliegen. 30.9.21: Bis dahin war die Insolvenzantragspflicht bei Überschuldung ausgesetzt.
Im Einzelhandel mit Schuhen und Lederwaren hat sich die Zahl der Insolvenzanträge glatt halbiert, und zwar von 22 auf 11. In neun Fällen kam es zu einer Eröffnung eines Insolvenzverfahrens. Im Schuhsektor allein gab es 17 Anträge. Fast 71% weniger als im Vorjahr. Und in lediglich drei Fällen wurde ein Insolvenzverfahren eröffnet.

Im Online-Handel mit Mode fiel der Rückgang deutlich geringer aus, was vor allem daran liegen dürfte, dass die Internetanbieter im ersten Corona-Jahr eher zu den Profiteuren als zu den Leidtragenden der Krise gehörten. Schließlich waren die Modefans während der Lockdowns quasi gezwungen, online einzukaufen. Entsprechend niedrig war die Zahl der pandemiebedingten Pleiten ausgefallen.

Creditreform
In den ersten drei Quartalen dieses Jahres mussten 20 Versand- und Online-Händler von Bekleidung, Textilien, Schuhen und Lederwaren den bitteren Weg zum Amtsgericht antreten. Das waren 9,1% weniger als im Vorjahr. Im gesamten Versand- und Online-Handel wurden 124 Insolvenzanträge gestellt. Das entspricht einem Rückgang von 4,6% gegenüber 2020. 83 Verfahren wurden eröffnet.

Im Mode-Großhandel sah die Lage ähnlich aus: Im Großhandel mit Bekleidung sank die Zahl der Insolvenzanträge um 6,3% auf 15. Dabei kam es zu 12 Verfahrenseröffnungen. Bei den Schuh-Großhändlern gab es nur zwei Anträge, nach einem im Vorjahr. Im Großhandel mit Textilien verzeichnete Destatis ein Minus von 46,2% auf sieben Anträge, von denen nur zwei zu einem Verfahren führten. Einzig in der Kategorie Großhandel mit Lederwaren und Reisegepäck hat sich Lage verschlechtert. Allerdings auf einem geringen Niveau von fünf Anträgen im Vorjahr. In diesem Jahr war es ein Antrag mehr gewesen, was rechnerisch einem dramatisch aussehenden Plus von 20% entspricht.


In der Bekleidungsindustrie zählte Destatis wie im Mode-Großhandel lediglich 15 Insolvenzanträge. 37,5% weniger als im Zeitraum Januar bis September 2020. Bei den Schuhherstellern verzeichneten die Wiesbadener Statistikprofis wie im Vorjahr vier Anträge. Davon führten drei zu einem Verfahren.

Keine Veränderung gab es auch bei den Herstellern von Leder und Lederwaren: Wie 2020 wurden fünf Anträge gestellt. Vier Verfahren wurden anschließend eröffnet. Hersteller von Lederbekleidung sind in dieser Kategorie nicht enthalten.

Fast 15% weniger Insolvenzen insgesamt

Damit hat sich die Modebranche insolvenztechnisch deutlich besser entwickelt als die gesamte deutsche Wirtschaft. Laut Destatis haben die deutschen Amtsgerichte von Januar bis September 10.682 beantragte Unternehmensinsolvenzen gemeldet. Das waren 14,5% weniger als im Vorjahreszeitraum. Und 25,7% weniger als im Vorkrisenjahr 2019.

Damit hat sich der rückläufige Trend der vergangenen Monate fortgesetzt. Und das, obwohl viele Sonderregelungen ausgelaufen waren, darunter die Aussetzung der Insolvenzantragspflicht für überschuldete Unternehmen.

Die voraussichtlichen Forderungen der Gläubiger beliefen sich im Neunmonatszeitraum auf rund 45,5 Mrd. Euro, nach etwa 39,3 Mrd. Euro im Vorjahr. "Dieser Anstieg der Forderungen bei gleichzeitigem Rückgang der Zahl der Unternehmensinsolvenzen ist darauf zurückzuführen, dass von Januar bis September 2021 mehr wirtschaftlich bedeutende Unternehmen Insolvenz beantragt hatten als in den ersten neun Monaten 2020", heißt es in einer Pressemitteilung von Destatis.


Die meisten Insolvenzen gab es in diesem Jahr im Baugewerbe. Die Zahl sank um 8,4% auf 1821. Im Handel waren es – einschließlich Instandhaltung und Reparatur von Kraftfahrzeugen – 1.593 Verfahren. 21,1% weniger als 2020.

Auf Basis dieser Zahlen schätzt die Wirtschaftsauskunftei Creditreform, dass die Zahl der Insolvenzverfahren im gesamten Jahr 2021 um 10,8% auf 14.300 Fälle zurückgeht. Der Leiter der Creditreform-Wirtschaftsforschung Patrik-Ludwig Hantzsch erklärt die Entwicklung vor allem mit den staatlichen Eingriffen und Finanzhilfen. Dadurch sei es der Regierung gelungen, trotz der erheblichen Einschränkungen in vielen Wirtschaftsbereichen und einer insgesamt schwachen Konjunkturentwicklung eine Insolvenzwelle zu unterdrücken.

Im Handel gab es in diesem Jahr bislang 7,4% weniger Insolvenzen als im Corona-Jahr 2020.
Creditreform
Im Handel gab es in diesem Jahr bislang 7,4% weniger Insolvenzen als im Corona-Jahr 2020.
"Die Kehrseite der Medaille ist aber die wachsende Zahl an potenziellen Zombieunternehmen, deren Entstehen durch die weiter fortgeführte Subventionspolitik gefördert wird", gibt Hantzsch zu bedenken.

"Die tatsächliche Belastungsprobe der Corona-Hilfen kommt erst noch"

Ähnlich mahnende Worte kommen vom Verband der Insolvenzverwalter und Sachwalter Deutschlands (VID): "Die Unternehmensinsolvenzen befinden sich trotz der Corona-Pandemie mit ihren zahlreichen Einschränkungen nach wie vor auf einem niedrigen Niveau. Die staatlichen Hilfen zeigen bisher noch ihre Wirkung. Doch die tatsächliche Belastungsprobe dieser Hilfen kommt erst noch", erläutert der Insolvenzverwalter und VID-Vorsitzende Christoph Niering.

Der Grund: Die finanziellen Corona-Hilfen standen überwiegend unter dem Vorbehalt der Überprüfung in einer Schlussabrechnung. Für einige Unternehmen könnte die teilweise oder sogar vollständige Rückzahlung dieser Gelder zu einer untragbaren Belastung werden. "Die Überbrückungshilfen wurden zwar noch einmal bis in den Sommer des nächsten Jahres verlängert, aber in der Zwischenzeit hat sich in vielen Branchen das Geschäft verändert", erklärt Niering.

Seiner Einschätzung nach werden sich diese Unternehmen irgendwann den neuen Marktbedingungen stellen und ihr Geschäftsmodell überdenken müssen: "Hotellerie und Gastronomie kämpfen mit fehlenden Mitarbeitern, der Einzelhandel mit dem allzeit verfügbaren Angebot des Online-Handels", so der VID-Vorsitzende weiter.


Der VID rechnet dennoch auch für das kommende Jahr nicht mit einem Anstieg der Unternehmensinsolvenzen, der das Niveau der Zeit vor der Corona-Pandemie deutlich übersteigt. Angesichts der sich verändernden Marktbedingungen geht der Berufsverband davon aus, dass es mehr Marktaustritte außerhalb der Insolvenz gibt.

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