Der 11. September 2001 in New York

"Die heutigen Schauen werden Samstag nachgeholt"

Imago / ZUMA Wire
Dieses Bild der brennenden Twin Towers hat ein Mann am Morgen des 11. September 2001 von seiner Wohnung aus aufgenommen. Auch die USA-Korrespondentin der TW, Ulrike Howe, hat die Terroranschläge von ihrem Büro aus mitangesehen.
Dieses Bild der brennenden Twin Towers hat ein Mann am Morgen des 11. September 2001 von seiner Wohnung aus aufgenommen. Auch die USA-Korrespondentin der TW, Ulrike Howe, hat die Terroranschläge von ihrem Büro aus mitangesehen.

Der strahlende Sonnenaufgang versprach einen wunderschönen Tag. Am Morgen sollten Liz Lange Maternity und Douglas Hannant auf der New York Fashion Week zeigen. Doch statt fröhlicher Modepräsentationen rissen die Terroranschläge vom 11. September 2001 die Twin Towers – und die gesamte Modebranche – in den Abgrund. Ulrike Howe, die USA-Korrespondentin der TW, erinnert sich zurück an jenen traurigen Tag vor 20 Jahren.

Am 11. September 2001 lief die New York Fashion Week auf vollen Touren. Das Wetter hätte schöner nicht sein können. Ich war noch verzaubert von der Marc Jacobs-Show, bei der am Vorabend im Rahmen einer großen Outdoor-Party auch das neue Parfum des Designers gefeiert worden war. Bevor es um 10 Uhr mit Douglas Hannant weitergehen sollte, musste ich noch mal kurz ins Büro auf der 38. Straße, nur wenige Schritte entfernt vom Bryant Park, dem damaligen Traditionsstandort der New York Fashion Week.

Starbucks gab es damals in unserem Viertel noch nicht. Daher holten wir uns täglich im Diner gegenüber vom Büro unseren Morgenkaffee. Als ich gegen 8.50 eintrat, stand der gesamte Laden kreidebleich vor dem kleinen Box-Fernseher, der hinter der Theke windschief von der Decke hing. Das erste Flugzeug war gerade in den North-Tower des World Trade Center gecrasht. Ich dachte, es läuft ein Horrorfilm.

Zunächst war mir gar nicht bewusst, dass ich von meinem Büro einen direkten Blick auf die Twin Towers hatte. Ich hastete in den 15. Stock, wo meine Kollegen von Sportswear International mit den Gesichtern an die Scheiben gepresst nach Süden blickten. In diesem Moment schlug der zweite Flieger ein. Alle schrieen auf. Ein lautes, tiefes menschliches Graulen des Horrors, wie ich es noch nie gehört hatte. Es war sofort klar, das es kein Unfall sein konnte. "Das gibt Krieg", sagte ich später zu meiner damaligen Chefin, die meine unverlangte Einschätzung als Verschwörungstheorie rügte.

Anstelle geselliger Schauenbesuche galt es nun, über die Auswirkungen des unsäglichen Events auf die Fashion Week zu berichten. Innerhalb von New York waren die Telefonleitungen tot, aber die Verbindung zum Ausland war perfekt. Ich erinnere mich, eine Sprecherin von Hugo Boss erreicht zu haben. Der Flieger des damaligen CEO Werner Baldessarini war auf dem Weg nach New York in Richtung Neufundland umgeleitet worden, hieß es. Niemand kam mehr hinein in die Stadt, und niemand hinaus.

Während TW-Korrespondentin Ulrike Howe auch zuerst über einen Fernsehbildschirm in einem Café von den Anschlägen erfuhr, blickten die Menschen weltweit gebannt auf die Bildschirme, so wie hier am Münchener Hauptbahnhof.
Imago / HRSchulz
Während TW-Korrespondentin Ulrike Howe auch zuerst über einen Fernsehbildschirm in einem Café von den Anschlägen erfuhr, blickten die Menschen weltweit gebannt auf die Bildschirme, so wie hier am Münchener Hauptbahnhof.
Um zu sehen, wie die Fashion Week auf das Desaster reagiert, eilte ich zu Fuss zum Bryant Park, wo die mobilen Büro-Busse der Organisatoren geparkt waren. "Die heutigen Schauen werden Samstag nachgeholt", hieß es dort sinngemäß auf einem an die verschlossene Tür gehefteten, handgeschriebenen Zettel. Das konnte ich mir nicht vorstellen.

"Abbruch der New York Fashion Week wahrscheinlich", schrieb ich noch am gleichen Tag im TW-Newsletter, der damals unter TWNetwork firmierte. Und weiter: "Der Terroranschlag, der am heutigen Dienstag die Türme des New Yorker World Trade Center zum Einsturz brachte, stürzte die Stadt ins Chaos und unterbrach die Mercedes-Benz Fashion Week abrupt. Nichts geht mehr auf den Straßen. Flughäfen, Tunnel und Brücken wurden gesperrt. Es gab keinen Gesprächspartner aus der Modebranche, der daran glaubte, dass die seit 7. September laufenden Schauen nach der Katastrophe wie geplant weitergehen. Bis zum Abend war nicht zu erfahren, ob und wie sich Veranstalter 7th on Sixth einen weiteren Verlauf der Fashion Week vorstellt. Ein Höhepunkt sollte am 13. September die Hugo Boss-Show sein."

Am nächsten Tag kam die offizielle Bestätigung: "Aufgrund der tragischen Ereignisse hat 7th on Sixth die Mercedes-Benz Fashion Week gecancelt", erklärte Fern Mallis, damals Executive Director von 7th on Sixth. Der Veranstalter sei jedoch in ständigem Kontakt mit den Designern und erwäge "Alternativen, um der Branche zum entsprechenden Zeitpunkt bei der Organisation von Shows und Veranstaltungen in New York City behilflich zu sein". Die Zelte wurden abgeriegelt und Polizeitrupps bewachten die Szene.

Einige der Top-Designer versuchten, ihre Kunden mit privaten Präsentationen bei der Stange zu halten, aber das half wenig. Große Kaufhäuser wie Bergdorf Goodman, Macy's und Bloomingdale's stornierten ihre Bestellungen für Herbst/Winter 2001 und in wenigen Wochen rissen die Nachwehen der Terroranschläge die gesamte Branche in den Abgrund. Hollywood-Celebritys sagten dem Glamour ab und Luxusmode rückte in den Hintergrund.



Viele aufstrebende Designer aus dieser Periode konnten sich von dem Einbruch nicht mehr erholen. Ein Beispiel ist Thomas Steinbrück, der mit seiner gleichnamigen Kollektion seit August 1999 die Hollywood-Elite begeistert hatte. Der deutsche Designer hatte im Februar 2000 einen gleichnamigen Shop bei Bergdorf Goodman eröffnet, der in Folge der Anschläge im November 2001 wieder geschlossen wurde. Im März 2002 hat er die Kollektion ganz eingestellt, um als VP for Merchandising and Design für Kenneth Cole zu arbeiten. Heute ist er Berater für führende Marken im Fashion, Lifestyle und Technology Sektor. Weitere Betroffene waren Christine Ganeaux, die heute einen gleichnamigen Laden führt, Elisa Jimenez, die 2008 in Heidi Klums TV-Serie Project Runway wiederauftauchte, und Behnaz Sarafpour, die 2001 gerade ihre erste DOB-Kollektion lanciert hatte und heute auf ihrer gleichnamigen Website nur noch Schmuck, Accessoires und Düfte verkauft.

In den Trümmern des World Trade Centers wurde nach Überlebenden gesucht.
IMAGO / ZUMA Wire
In den Trümmern des World Trade Centers wurde nach Überlebenden gesucht.
Die Tage nach dem Anschlag verliefen wie in Trance. Kaum jemand konnte schlafen. Die Stadt roch penetrant nach verbranntem Gummi – all die Computer und Kabel, die noch Wochen später am Ground Zero vor sich hin schmorten. Regelmäßig rissen neue Terrorwarnungen die New Yorker aus ihrem benebelten Stupor. Ob Macy's oder Grand Central, das Empire State Building, die Penn Station oder das Chrysler Building – jede Nacht, so schien es, kamen neue Bombendrohungen. Ich erinnere mich an viele nächtliche Evakuierungen: raus aus dem Haus und runter zum East River in Schlappen und Schlafanzug. Trotz der Tragödie, irgendwie waren die warmen Temperaturen tröstlich – ein kleines Positivum inmitten des Horrors.

Der Süden der Stadt war komplett abgeriegelt, die Läden im Zentrum leer. Passanten fürchteten sich, die großen Warenhäuser zu betreten. Wer sich traute, mied die oberen Etagen. Die Retailer stellten sich mit ihren Fenstern auf die düstere Stimmung ein. "Wir stehen Euch bei", hieß es sinngemäß auf vielen Schaufenstern – ein Sentiment, das übrigens während der Corona-Pandemie erneut zu beobachten war. Die Schaufenster von Saks Fifth Avenue waren komplett mit schwarzem Samt ausgeschlagen, jeweils ein weißer Blumenstrauß im Zentrum.

Der Oculus-Bahnhof in der Nähe von Ground Zero erinnert an eine Friedenstaube.
Imago / ZUMA Wire
Der Oculus-Bahnhof in der Nähe von Ground Zero erinnert an eine Friedenstaube.
Man sah kaum kaufende Kunden – außer bei H&M. Aus dem damals dreistöckigen Flagship auf Fifth Avenue und 51st Street kamen selbst am 12. September 2001 zahllose Verbraucher mit prall gefüllten Einkaufstüten. Möglicherweise ein weiterer kleiner Trost für die aufgewühlten Seelen.

Im Hintergrund das anhaltende Dröhnen von Sirenen und Hubschraubern. Mit einem Freund wollte ich den First Responders helfen, vielleicht auch Blut spenden. Abgelehnt. In Europa wütete die Maul und Klauenseuche. Unser Blut – und unsere Hilfe – waren nicht gefragt. Ein Feuerwehrmann händigte uns stattdessen einen Kasten Evian aus. "Wir ertrinken hier in Spenden", sagte er. "Wenn Ihr helfen wollt, dann nehmt was mit."

Heute steht ein neuer Turm auf dem Ground Zero, das One World Trade Center. Nebenan erinnert ein Mahnmal an die vielen Toten. Ein paar Schritte weiter der Einkaufspalast und Verkehrsknotenpunkt Oculus mit seiner bizarren Stahlstruktur, die eine weiße Friedenstaube darstellen soll. Hoffen wir, dass sie ihr Versprechen hält…
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