Der Einzelhändler über Existenzängste und Chancen

Jannes Hollbach: "Ein blaues Sweatshirt ist im Mai ebenso aktuell wie im Oktober"

Maad Waters GmbH
Jannes Hollbach: "Ich bin fest entschlossen, gestärkt aus der Krise hervorzugehen."
Jannes Hollbach: "Ich bin fest entschlossen, gestärkt aus der Krise hervorzugehen."

Jannes Hollbach ist mit seiner Gesellschaft Maad Waters Franchise-Partner von Adenauer&Co und Marc O'Polo. Er betreibt aktuell zwei Läden beider Labels auf Norderney sowie je einen Adenauer&Co-Store auf Juist, Langeoog und in Münster. Eigentlich war er im Expansionsmodus: Weitere Läden sind in Planung, und er wollte seine Firma umstrukturieren, um das Wachstum stemmen zu können. Nun wird er ausgebremst und sitzt bis auf Weiteres auf Norderney fest.

TextilWirtschaft: Die Nord- und Ostsee-Inseln wurden abgeriegelt. Wie erleben Sie die Situation derzeit auf Norderney?
Jannes Hollbach:
Seit gestern darf ich die Insel nicht mehr verlassen. 27 Polizisten kamen vom Festland, die nun mit zehn Autos umherfahren, Ausweise kontrollieren und die letzten Touristen wegschicken. Die Personenfähren sind außer Betrieb. Bis zum 18. April darf kein Norderneyer die Insel verlassen, das macht mich persönlich ganz verrückt, ich muss eigentlich ständig unterwegs sein.

Wie sieht die Versorgungslage aus?
Die Supermärkte hier werden normal jeden Tag beliefert, auf Juist allerdings nur alle paar Tage. Da sieht man dann auch schon mal leere Regale.

Wie ist Ihre Business-Situation?
Es ist dramatisch, denn eigentlich starten wir mit den Osterferien in unsere Saison. Die Läden sind voll bis oben hin mit neuer Ware, die wir vorfinanziert haben. Insgesamt haben wir allein in den nächsten vier Wochen mit einem Umsatz von 350.000 Euro geplant. Die fehlen nun. Die Mitarbeiter, die zum Teil aus der Saisonpause zurückkehren wollten, musste ich alle in Kurzarbeit schicken. Leider gehen Aushilfskräfte leer aus.

Wie viele Mitarbeiter betrifft es denn?
Ich habe derzeit neun Festangestellte. Ich konnte sie nicht mal persönlich informieren, weil ich zu dem Zeitpunkt nach einem Skiurlaub in Sölden unter Quarantäne stand. Ein Mitreisender war positiv auf das Virus getestet worden. Generell bin ich mit meinem Unternehmen derzeit in einer Umstrukturierung. Wir wollten eigentlich expandieren, sodass wir im Sommer insgesamt ein Team von rund 30 Leuten inklusive Hilfskräften gewesen wären. Für drei neue Kollegen, die am 1. April anfangen wollten, musste ich den Jobstart verschieben.

Was hatten Sie denn vor?
Zum einen wollte ich ein Overhead aufsetzen, denn bisher habe ich die Firma allein geführt, was zunehmend schwierig wird. Zum anderen sollte Mitte April in Münster ein Concept Store mit Möbeln und Deko eröffnen. Zum Glück zahle ich erst ab 15. April eine verkraftbare Miete, und ich musste noch nichts vorordern – der holländische Möbelproduzent hat alles am Lager. Im kommenden Jahr hatte ich einen Laden auf Borkum sowie ein Multilabel-Fashionstore auf Norderney geplant.

Wie reagieren die Mitarbeiter in dieser Situation?
Kaum jemand möchte eigentlich herumsitzen und Däumchen drehen. Mit einigen arbeite ich deshalb weiter an unserer künftigen Struktur. Die werde ich wahrscheinlich auf ein paar Stunden in der Woche aufstocken. Eine Mitarbeiterin war sehr verzweifelt, weil sie befürchtete, ihre Miete nicht mehr zahlen zu können. Ihr habe ich 1000 Euro vorgestreckt. Um sich gegenseitig Mut zu machen und Langeweile zu vertreiben, haben wir eine WhatsApp-Gruppe eingerichtet, über die wir uns austauschen und Fotos schicken. Auch mit den Kunden wollen wir so künftig in Kontakt treten und sie an unserem Alltag teilhaben lassen. Das soll jetzt auf Facebook und Instagram umgesetzt werden. Dabei unterstützt mich die Marketing- Agentur Egotrips aus Münster, die meinen kompletten Firmenauftritt neu designt haben.

Sie haben fünf Läden auf Norderney, Juist, Langeoog und in Münster. Kommen Ihnen die Vermieter entgegen?
Das ist unterschiedlich. Wir verhandeln natürlich mit allen. Manche erlassen uns 50% der Miete. Ich finde, sie müssen uns auch entgegen kommen, weil sich die Miethöhe aus dem Traffic in den einzelnen Lagen errechnet, und der ist ja nun weggebrochen.

Wie steht es mit den Lieferanten?
Ich bin in dieser Zeit froh, kein Multilabel-Geschäft zu haben und mit nur zwei, partnerschaftlich eingestellten Marken zusammenzuarbeiten, nämlich Adenauer&Co und Marc O'Polo. Letztere haben uns direkt angeschrieben und Valuta angeboten, die schnelle Reaktion fand ich sensationell. Auch Andreas Adenauer ist darauf bedacht, eine gemeinsame Lösung zu finden. Allerdings hat er mich gerade gefragt, ob er noch Ware schicken kann, damit unsere Läden dann zum Opening gut bestückt sind, das diskutieren wir aber wie immer partnerschaftlich und auf Augenhöhe. An den Urlaubsorten sind unsere individualisierten Sweatshirts ein Renner, auf denen die Ortsnamen stehen. Die sollten jetzt vor Ostern eigentlich auch in die Läden kommen. Außerdem muss ich jetzt für den letzten Liefertermin von Adenauer&Co für August/September ordern.



Können Sie das jetzt überhaupt machen?
Die Order verschieben, geht schlecht. Adenauer muss ja auch mit sechs Monaten im Voraus planen und er hat derzeit sowieso schon zunehmend Probleme in der Türkei und Portugal. Wer weiß, ob die Ware überhaupt hertransportiert werden darf, an den Grenzen stauen sich bereits zahllose LKW. Wahrscheinlich werde ich nur für zwei Läden ordern und dann die Ware verteilen. Man muss ja auch bedenken, dass die aktuelle Frühjahres-/Sommerware für die Kunden ganz neu sein wird, wenn wir wieder öffnen. Ein blaues Sweatshirt ist im Mai ebenso verkäuflich und aktuell wie im Oktober.

Niemand weiß, wie lange die Maßnahmen andauern. Auf den Inseln würden Sie gerade jetzt den wichtigen Umsatz machen.
Ja. In der Hauptsaison erarbeite ich mir meinen Liquiditätsüberschuss. Aber die Krise hat eine unfassbare Dynamik, nichts kann man planen. Der nächste Peak nach Ostern wären die Pfingstferien. Allein nach Norderney kommen da 50.000 Menschen zum White Sands Festival. Ich fürchte, das wird dieses Jahr ausfallen.

Apropos Liquidität. Wie lange würden Sie durchhalten?
Dank meiner Expansionspläne hatte ich schon meine Kredite angepasst. Damit käme ich bis Juni. Im größten Notfall würde ich dann noch eine Immobilie verkaufen. Das Kurzarbeitergeld ist sehr hilfreich. Und ich konnte die Kredittilgung bei meiner Bank für sechs Monate aussetzen. Aber klar, ich habe auch Existenzängste und schlafe nachts schlecht.

Gäbe es Vertriebsalternativen, z.B. online?
Da Marc O'Polo und Adenauer&Co eigene Online-Shops haben, ist es für mich eher schwierig, bzw. auch untersagt, die Produkte online zu verkaufen. Außerdem würde die Post hier auf der Insel wohl auch nicht erfreut sein, wenn ich jeden Tag 40 Pakete anschleppe. Aber mit Andreas Adenauer überlegen wir derzeit, ob die besagten Urlaubs-Sweater irgendwie zusammen online verkaufen können.

„Als Branche sollten wir die Krise nutzen, um uns neu aufzustellen.“
Jannes Hollbach
Ihre abschließenden Gedanken?
Als Branche sollten wir die Krise nutzen, um uns vielleicht neu aufzustellen. So habe ich noch nie verstanden, dass wir Sales so konträr zur Saison machen. Warum verkaufen wir kurze Hosen im Sommer reduziert und versuchen im August, Winterjacken an den Kunden zu bringen? Und vielleicht wird es eine Rückbesinnung auf regionale Produktionen geben. Ich bin jedenfalls fest entschlossen, gestärkt aus der Krise hervorzugehen.
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