Schuhhändler Friedrich Werdich

"Niemandem ist damit geholfen, wertige Ware zu verschleudern"

Werdich
Friedrich Werdich: "Dramatisch für uns Händler werden die kurz- und mittelfristigen Auswirkungen auf ein jahrelang mühsam angespartes Eigenkapital sein."
Friedrich Werdich: "Dramatisch für uns Händler werden die kurz- und mittelfristigen Auswirkungen auf ein jahrelang mühsam angespartes Eigenkapital sein."

Der Schuhfilialist Werdich betreibt 39 Geschäfte und einen Online-Shop. Geschäftsführer Friedrich Werdich berichtet über die aktuelle Lage.

TextilWirtschaft: Herr Werdich, wie ist Ihre aktuelle Situation?
Mit Shutdown am 18. März mussten wir für die Filialen komplett Kurzarbeit anmelden. Ein Teil der Verwaltungstätigkeiten und des Wareneingangs haben wir aufrecht erhalten. Mit unseren FilialleiterInnen kommunizieren wir regelmäßig in einer WhatsApp-Gruppe, per E-Mail-Update und per Telefonkonferenz. Unser Ziel ist es, alle auf dem aktuellen Informationsstand zu halten und gemeinsam den Wiederanlauf des Verkaufs zu planen.


Welche Hilfen haben Sie beantragt?
Kurzarbeitergeld für unsere Filialen und einen Teil der Verwaltung. Über KfW-Kredite denken wir noch nach. Die von der Politik kolportierten Hilfen erweisen sich − mit Ausnahme der Kurzarbeit − als Hypothek mit einem Zahltag in der nahen Zukunft. Es stellt sich wieder einmal heraus, dass der Handel keine ausreichende Lobbybasis in Berlin besitzt. Ich hoffe bei den Hilfsprogrammen wird noch nachjustiert, sonst sehe ich für einen Teil des Einzelhandels schwarz.

Stichwort Mieten – kommen Ihnen die Vermieter entgegen? Setzen Sie die Mietzahlungen aus?
Auch hier lernen wir gerade viel über 'Partnerschaft'. Es gibt sehr verständige Vermieter, aber auch viel zu viele Hardliner. Wir haben mit allen unseren Vermietern gesprochen und ihnen die Situation erklärt. In der Folge konnten wir einen Teil der Mietzahlungen aussetzen. Die Hardliner sollten sich aber die Frage stellen, mit wem Sie in Zukunft Ihre Flächen − alternativ − bespielen werden.

Inwiefern erhalten Sie von Einkaufsverbänden Unterstützung?
Wir sind Mitglied in der ANWR und Gesellschafter der MK-Gruppe. Die ANWR gibt sich größte Mühe, ihre Mitglieder mit Informationen und Valuten zu unterstützen, das klappt aus unserer Sicht ganz gut. Besonders stolz und dankbar sind wir auf unseren regelmäßigen Austausch in der MK-Gruppe, einem mittelständischen Einkaufsverbund aus sieben deutschen und zwei Schweizer Schuhfilialisten. Das kollektive Wissen in der Gemeinschaft und das Zusammengehörigkeitsgefühl, ist für uns in der Krise eine große Hilfe.

Was passiert derzeit in den Läden? Kommt noch Ware an? Und wie verbleiben Sie mit der Order für Herbst/Winter 2020/21?
Wir nehmen die Ware auch nach dem Shutdown entgegen und konfektionieren diese bereits für die einzelnen Standorte. Eine Auslieferung findet derzeit aber nicht statt. Mit der Erstorder Herbst/Winter sind wir schon durch, Anpassungen in Folge der Krise können hier nur noch begrenzt erfolgen.

Wie laufen denn die Gespräche mit den Lieferanten?
Wie sagt man, in der Krise lernst Du Deine wahren Freunde kennen. Wir haben sehr viel partnerschaftliche Erfahrungen gesammelt, aber auch mit etwas Erstaunen das Gegenteil erfahren. Der modische Einzelhandel benötigt in erster Linie Valuten. Natürlich haben wir aus heutiger Sicht − alle − zu viel Ware disponiert. Stornomöglichkeiten sind verständlicherweise nur begrenzt möglich. Vorausschauend ist uns allen geholfen, wenn viele Übergangsartikel wieder den Weg in die Frühjahres-Kollektionen 2021 finden würden. Wir hoffen, dass diese Artikel vom Handel auch 'weitergepflegt' werden.

Gestalten Sie derzeit noch die Schaufenster (um)?
Nein, wir haben uns dagegen entschieden. Die Frequenzen in den Innenstädten sind aus eigener Beobachtung momentan sehr gering. Wir haben mit dem Shutdown − nochmals − prominente Hinweise auf unseren Online-Shop an den Schaufenstern angebracht.

Welche Rolle spielen jetzt der E-Commerce und die sozialen Medien? Geben Sie hier mehr Power rein?
Wir haben glücklicherweise seit 2006 einen eigenen, gut eingeführten Online-Shop. Die Umsätze bewegen sich − Stand heute − leicht über dem Niveau des Vorjahres. Der Umsatz ist unseres Erachtens hier nur bedingt skalierbar. Mit dem Online-Shop und den sozialen Medien legen wir gerade viel mehr Wert darauf, den Kontakt zu unseren Kunden nicht abreißen zu lassen.

Gibt es neue kreative Ansätze für den Vertrieb und den Kundenkontakt?
Wir kochen auch nur mit Wasser. Im Ernst, wir konzentrieren uns seit geraumer Zeit stark auf unsere Kundenkarte. Uns ist es wichtig und ein Anliegen, unsere Stammkunden 'zu belohnen', anstatt Geld in Form von Werbemittel mit der Gießkanne zu verteilen.

Wie planen Sie für die Wiedereröffnung? Werden Sie dann auf Rabatte setzen?
Wir fürchten die Unvernunft und die Not des Marktes. Niemandem ist damit geholfen, wertige Ware zu verschleudern. Wenn ein Flächenbrand entsteht, müssen wir uns früher oder später leider auch beteiligen.

Wie lange könnten Sie den Shutdown aushalten?
Wir werden die Krise aus heutiger Sicht gut überstehen. Dramatisch für uns Händler werden die kurz- und mittelfristigen Auswirkungen auf ein jahrelang mühsam angespartes Eigenkapital sein.

Überdenken Sie grundsätzliche Unternehmensstrategien in diesen Zeiten?
Im Gegenteil. Wir arbeiten seit über zwei Jahren fleißig daran, uns als Omnichannel-Anbieter aufzustellen. Nur leider kam die Krise − für uns − einige Monate zu früh.

Viele sagen, die Krise kann auch Chance sein – stimmen Sie dem zu?
Ja, unsere Branche hat jetzt vielleicht die einmalige Möglichkeit die Orderrhythmen und die Zusammenarbeit zwischen Industrie und Handel neu zu definieren. Wir müssen flexibler werden und Themen schneller auf die Flächen bringen. Darüber hinaus hoffe ich, dass die Kunden den urbanen Lebensraum wiederentdecken und nicht zuletzt dadurch der leistungsstarke, vernetzte Fachhandel eine Renaissance erleben darf.

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