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Der Wunderwerk-Chef über seine Strategie in der Krise

Heiko Wunder: "Marge ist wichtiger als Umsatz"

Heiko Wunder
Heiko Wunder: "Die Produktion der zweiten Kollektion für Herbst/Winter 2020/21 habe ich jetzt gestoppt."
Heiko Wunder: "Die Produktion der zweiten Kollektion für Herbst/Winter 2020/21 habe ich jetzt gestoppt."

Das Düsseldorfer Modelabel Wunderwerk konnte bis zuletzt nach internen Restrukturierungen kräftig zulegen – im Wholesale und im eigenen Retail.

Mittlerweile gibt es fünf Wunderwerk-Stores, der jüngste hat gerade in Westerland auf Sylt in der Friedrichstr. 7 eröffnet. In der Immobilie befand sich zurvor ein Pandora-Store. Auf 75m² werden die auf faire Produktion und Öko-Materialien bedachte Wunderwerk-Kollektion für Männer und Frauen sowie andere nachhaltige Produkte wie Seifen und Trinkflaschen wie in angeboten. Firmengründer und Inhaber Heiko Wunder über die kurz währende Freude am neuen Store und die weiteren Strategien für Mitarbeiter, Kunden und Kollektionen in der Krise.


TextilWirtschaft: Herr Wunder, Sie haben am 14. März voller Enthusiasmus einen neuen Wunderwerk-Store auf Sylt eröffnet. Und mussten ihn vier Tage später schließen. Was ist das für ein Gefühl?
Heiko Wunder:
Eigentlich wollten wir erst in der ersten April-Woche aufmachen, aber dann hat alles so reibungslos geklappt, und ich dachte mir, jeder Tag zählt. In den vier Tagen hat der Store auch tatsächlich dreimal mehr Umsatz erzielt, als meine vier anderen Läden in diesem Zeitraum. Dort befinden sich 1600 Teile auf 75m², die ich komplett vorfinanziert habe. Bei Neueröffnungen bringt man immer rund 30 bis 50% mehr Ware auf die Fläche. Da ist eine Schließung jetzt natürlich bitter. Zumal der April eigentlich dann auch der wichtigste Vollpreismonat in der Saison ist.

Kann das wieder aufgeholt werden?
Insgesamt wird all das, was jetzt durch die Schließungen im Markt verloren geht, nicht mehr aufzuholen sein. Zumal sicher die meisten nach der Wiedereröffnung in den Sale gehen werden, weil sie Liquiditätsdruck haben. Das ist schade, denn eigentlich ist Marge noch wichtiger als Umsatz und eigentlich wäre jetzt endlich mal das Timing für die Ware genau richtig. Auf Sylt haben wir jedoch eine besondere Situation. Dort sehe ich eine Chance, alles wieder aufzuholen. Denn zum einen werden die Deutschen wohl erst einmal verstärkt im Inland Urlaub machen, wovon die Nord- und Ostsee-Inseln profitieren, und zum anderen gibt es dort weniger saisonale Schwankungen. Gerade in Westerland ist immer was los. Und die Insel ist durch die Zugverbindung nicht von Ebbe und Flut abhängig.

Der neue Wunderwerk-Store in Westerland konnte nur vier Tage geöffnet bleiben. Dann kam der Shutdown.
Wunderwerk
Der neue Wunderwerk-Store in Westerland konnte nur vier Tage geöffnet bleiben. Dann kam der Shutdown.
Wie sind Sie im Zuge des Shutdowns mit Ihren Mitarbeitern verfahren?
Das Verkaufspersonal ist in Kurzarbeit, allerdings nicht ganz auf Null. Sie arbeiten derzeit etliches auf, u.a. werden vorzeitig Inventuren durchgeführt. Die internen Mitarbeiter sind auf 50% reduziert. Sie kümmern sich z.B. verstärkt um Kundenservice-Verbesserungen und Social Media. Ich bin sehr dankbar, dass ich bei allen auf großes Verständnis stoße. Sie realisieren, dass wir uns in einer echten Ausnahmesituation befinden, die, anders als bei der Finanzkrise 2008, auch die Verbraucher direkt tangiert. Mein Ziel ist es, niemanden zu entlassen. Eigentlich wollte ich dieses Jahr noch drei neue Leute einstellen.

Spüren Sie denn Zuwächse im Online-Shop?
Die Erlöse ziehen leicht an. Auch hier investieren wir derzeit. Seit August arbeiten wir an einem neuen Shop, programmiert auf Magento-Basis. Wir hatten einigen Nachholbedarf. Der neue Shop ist schneller und ansprechender, zeigt mehr Bilder. Wir testen ihn parallel: Wenn alles funktioniert, geht er live.

Ein wichtiger Vertriebsweg ist für Wunderwerk zudem der Wholesale. Wie ist die Lage?
Seit dem 12. März pausiert die Auslieferung bis zum 17. April. Zudem gewähren wir ab sofort für alle Lieferungen bis Ende Mai, auch über den B2B-Shop, zusätzlich 30 Tage auf das vereinbarte Zahlungsziel. B2B-Bestellungen können nach wie vor vorgenommen und bei Bedarf ausgeliefert werden. Zum Glück sind mittlerweile fast alle unserer Kunden versichert. Ich zahle also erst einmal nur die Zinsen für verlängerte Zahlungsziele. Eigentlich lief es für uns gerade richtig gut. Wir lagen in der Order für Sommer bei 60% Plus, für kommenden Herbst bei sogar 80% zum Vorjahr. Die Produktion der zweiten Kollektion für Herbst/Winter 2020/21 habe ich allerdings jetzt gestoppt. Die sollte eigentlich ab Mitte April geordert werden mit Liefertermin ab Ende September. Die Musterteile befanden sich gerade in der Produktion. Stattdessen werden wir eine Capsule-Collection entwickeln, mit der wir kurzfristig die eigenen Läden und die Handelspartner beliefern können.


Sie verantworten ja auch das komplette Design der Marke. Wie entwickelt man in diesen Zeiten eigentlich neue Kollektionen?
Zum Glück war das Konzept für die Frühjahr-/Sommer-Kollektion 2021 schon vor vier Wochen fertig. Wir besprechen jetzt noch Farbdetails, das Prototypen-Meeting ist im April, die Stoffe werden jetzt bestellt. Grundsätzlich läuft alles weiter wie bisher. Eigentlich gehe ich immer sehr entspannt an neue Kollektionen. Wir besprechen das Design, ich tausche mich beim Kaffee mit den Kollegen aus, lasse alles ein, zwei Tage ruhen, überarbeiten es.

Aber derzeit würde das nicht funktionieren, weil die nötige Entspanntheit fehlt. Ich muss mich um so viele andere Dinge kümmern, um meine Liquidität zu sichern: mit Vermietern und Banken sprechen, Anträge stellen, und ich muss den Jahresabschluss vorziehen. Die Banken bewerten einen auf dieser Grundlage, und 2018 waren unsere Kennzahlen noch deutlich schlechter als 2019. Mittlerweile verfügen wir über eine hervorragende Eigenkapitalquote von 80%.
„Ob klein, ob groß: Nach noch nicht einmal zwei Wochen pfeifen fast alle aus dem letzten Loch.“
Wunderwerk-Chef Heiko Wunder
Was beunruhigt Sie derzeit besonders?
Dass kaum ein Unternehmen, ob klein, ob groß, einen Puffer hat. Nach noch nicht einmal zwei Wochen pfeifen fast alle aus dem letzten Loch. Da sieht man, dass etwas nicht stimmt mit unserer Wirtschaft.
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