Design in der Isolation: Peter Kaiser-Kreativchefin Liliana Cacopardo im Gespräch

"Masken herzustellen, das ist fast schwieriger als Schuhe"

Gulliver Theis
Be Liliana Cacopardo, der Designchefin von Peter Kaiser, ist die klassische Kollektionsentwicklung derzeit etwas in den Hintergrund gerückt.
Be Liliana Cacopardo, der Designchefin von Peter Kaiser, ist die klassische Kollektionsentwicklung derzeit etwas in den Hintergrund gerückt.

In diesen Tagen im Jahr ist Liliana Cacopardo normalerweise damit beschäftigt, mit Blick auf den nächsten Sommer neue Schuhe zu entwickeln, neue Leisten, Absätze, Uppers. Doch derzeit ist auch auf ihrem Schreibtisch alles anders. Wie ihre Arbeit aktuell aussieht, beschreibt die Head of Design der Pirmasenser Schuhmarke Peter Kaiser im Gespräch mit der TextilWirtschaft.

TextilWirtschaft: Die Corona-Krise stellt auch die Kollektionsentwicklung vor ganz neue Herausforderungen. Wie organisieren Sie sich in diesen Tagen mit Ihrem Team?
Liliana Cacopardo: Wir können von Glück sprechen, dass wir den Grundstein für die Kollektion bereits mit unserer obligatorischen Italienreise gelegt hatten. Als sich die Corona-Problematik verschärft hat, haben wir begonnen, uns aufzuteilen. Eine Gruppe meines Teams kam morgens, die andere nachmittags an ihren Arbeitsplatz. In der Pause wurde das Büro gründlich gereinigt. Auf diese Weise konnten wir einiges ausarbeiten. Seitdem nun aber die Produktion komplett geschlossen ist, kann natürlich auch die Kollektionsentwicklung nicht mehr in gehabter Form stattfinden. Meetings halten wir jetzt telefonisch ab, wir nutzen zudem das Programm 'Teams', um mit mehreren zu kommunizieren. Es gibt aber auch Whatsapp-Gruppen. In jedem Fall stehe ich mit meinem Team täglich in Kontakt.

Sie haben eben von Ihrer obligatorischen Italienreise gesprochen...
Üblicherweise reisen wir bereits eine Woche vor der Micam nach Italien, um mit der Planung zu beginnen – das war diesmal nicht anders. Zu der Zeit konnten wir noch sehr intensiv mit dem ganzen Team an der Kollektion arbeiten. Wir waren Anfang Februar in Florenz und in der Gegend von Venedig – im Nachhinein betrachtet ganz schön krass, weil wir da noch nichts ahnten, was kommen würde. Das war die Phase, in der es in China schon so schlimm, Deutschland aber fast noch unberührt war von Corona. Jedenfalls waren wir, wie immer, bei unseren Lieferanten, haben Stoffe und Leder gesichtet und recherchiert. Dann waren wir auf der Micam (16. bis 19. Februar, Anm. d. Red.) und auch in der Stadt unterwegs – das ist immer ganz gut zu Inspirationszwecken, weil Mailand dann vorbereitet ist auf die Fashion Week. Und anschließend war ich sogar noch auf der Lineapelle.

Weiteres Reisen zwecks Trendscouting fällt auf absehbare Zeit flach – zumindest physisch. Woher ziehen Sie im Moment Information und Inspiration?
In unserem Zeitalter ist das ja kein so großes Problem. Wir nutzen das Internet und unsere Netzwerke. Ich denke, dass gerade in so einer Zeit ein reger Austausch mit anderen aus der Branche, aber auch aus anderen Bereichen unerlässlich ist. So halten wir zusammen, informieren uns gegenseitig, stehen auch mehr als sonst im Austausch mit Kunden und kommen zu neuen Ideen.

Welche digitalen Plattformen nutzen Sie konkret?
Ich starte in der Regel mit WGSN, Pinterest, Instagram. Dann geht es weiter mit den großen, internationalen Webshops, Luisaviaroma, Mytheresa. So kommt man schnell von Stöckchen auf Steinchen, aus ständig neuen Vorschlägen auf den unterschiedlichen Plattformen lassen sich immer wieder neue Inspirationsquellen ziehen. Aber ehrlich gesagt, aktuell ist es nicht wirklich entscheidend, welche neue Rotnuance oder welche neue Linienveränderung notwendig ist. Vielmehr suchen wir nach Lösungen, wie wir uns gegenseitig unterstützen können und was wir Sinnvolles zu der Situation beitragen können.

Können Sie einen Beitrag leisten? Über die Produktion in Pirmasens?
Wir möchten gerne helfen können. Die Kapazität hierfür haben wir durch unsere Produktionsstätte in Pirmasens. Tatsächlich haben wir in den vergangenen zwei Wochen gelernt, worauf es bei Atemschutzmasken und Schutzanzügen ankommt – und vor einigen Tagen dann unsere Produktion umgebaut und die ersten Masken produziert.

Peter Kaiser: Kreativarbeit in Zeiten von Corona

Wie kam es dazu?
Persönlich habe ich über Familie und Freundeskreis viel Berührung mit dem medizinischen Bereich. Wir haben diskutiert darüber, was aktuell dringend gebraucht wird, so dass ich damit angefangen habe, Stoffe und Zertifizierungen zu recherchieren. Und dann kam auch schon die erste direkte Anfrage von einer hiesigen Krankenhausvereinigung. Wir haben das Thema intern bei Peter Kaiser besprochen und uns entschieden, es umzusetzen. In der Zwischenzeit kamen noch viele weitere Anfragen.

Sind Sie denn an zertifiziertes Material rangekommen?
Bis jetzt noch nicht, wobei wir sehr von unseren Materiallieferanten aus der Region unterstützt werden. Aktuell warten wir noch auf eine Lieferung. Im Moment ist es fast unmöglich, Material zu bekommen. Die Lieferanten sind entweder geschlossen oder ihre Kapazitäten sind erschöpft.

Sie haben vorhin gesagt, Sie hätten schon Masken produziert – welches Material kam denn bislang zum Einsatz?
Nach vielen Tests und einigen Probewaschgängen bei 60 Grad, die ich bei mir zu Hause durchgeführt habe, haben wir jetzt die ersten Masken aus dicht gewebter Baumwolle gefertigt. Masken herzustellen, das ist fast schwieriger als Schuhe. (lacht)  Das zertifizierte Material, das man etwa in Krankenhäusern benötigt, ist mindestens FFP1. Die Baumwolle, die wir jetzt verwendet haben, entspricht also nicht den medizinischen Auflagen. Masken aus Bauwolle können lediglich als mechanische Barriere dienen. Der Auftraggeber, das Reformhaus, hat sie dennoch für seine Mitarbeiter bestellt, möchte die Masken im nächsten Schritt aber auch an seine Kunden verkaufen. Mittlerweile erhalten wir auch zahlreiche Anfragen von unseren Schuhkunden, die ebenfalls Vorsorge für ihre Mitarbeiter tragen wollen.

Lassen Sie uns noch einmal zu Schuhen zurückkommen. Können Sie schon sagen, welchen Einfluss die Corona-Krise auf die Kollektion FS21 haben wird?
Die Krise hat bewirkt, dass wir die Kollektion bestimmt um 20% konzentriert haben, wobei ich sie mit dem heutigen Wissensstand noch weiter herunterfahren würde. Die Geschäfte sind in einer Notlage – wie wir selbst ja auch – und werden nicht genügend Geld zur Verfügung haben. Ein Modell rentiert sich nur, wenn es in Summe 1000 Paar erreicht. Bei bestehenden Artikeln können wir ab 300 Paar Sonderfarben fertigen. Auch wir müssen jetzt mehr denn je auf unsere Kosten achten. Aus diesem Grund bauen wir auf bestehende Leisten auf, so dass wir zusätzliche Kosten, etwa für neue Stanzeisen, vermeiden. Dennoch wird es ein frisches Bild in der Kollektion geben, neue, modernere Absätze, neue Materialien und Details wie Schnallen, Nieten, Schleifen. Insgesamt halte ich es für entscheidend, die Nachhaltigkeit der Produkte noch mehr zu forcieren und dem Bedarf des Marktes zu entsprechen. So könnte sich natürlich auch etwas am Kollektionsrhythmus ändern oder an den Preisstrukturen. Hierzu werden gerade Konzepte ausgearbeitet und zu gegebener Zeit veröffentlicht.

Und farblich? Muss man die Konsumentinnen im nächsten Frühjahr vielleicht besonders fröhlich abholen?
An Farbe wird es nicht fehlen. Hier werden wir zwar an unserer DNA festhalten. Jedoch wollen wir unsere klassische Farbpalette, die etwa Notte, Schwarz, Sand, Taupe und Rot umfasst, um einige neue Nuancen ergänzen. Helle, pastellige, frische Farben. Allerdings müssen wir realistisch bleiben – es wird abzuwarten bleiben, ob sich unsere Handelspartner nicht wirklich nur auf das Nötigste konzentrieren werden in der Order. Und ob die Konsumentinnen tatsächlich in neue Schuhe investieren – oder ihre Einkäufe nicht doch nur auf Dinge des täglichen Lebens beschränken.
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