Designer in der Isolation: Valentin von Arnim, Geschäftsführer Iris von Arnim

"Die größte Herausforderung? Den Mitarbeitern Mut machen"

Florian Raz

Wie verändert sich die Kollektionserstellung, wenn Home-Office und virtuelle Meetings das Geschehen prägen? Wie wird unter veränderten Voraussetzungen entworfen, kreiert, designt? Wie inspirieren sich die Kreativen?

Über all das haben wir mit Valentin von Arnim, dem Geschäftsführer des Cashmere-Labels Iris von Arnim, gesprochen. Der Sohn der Gründerin im Interview über Begeisterung, den richtigen Ton und Lotto spielen im Krisen-Kontext.

TextilWirtschaft: Herr von Arnim, womit verbringen Sie aktuell am meisten Zeit?
Valentin von Arnim: 50% entfallen auf meine Mitarbeiter, 20% auf unsere Kunden, 15% auf Liquiditätsfragen, 15% auf Marketing.

Wie ist die Situation im Office?
Wir setzen auf flexible Arbeitszeiten und die Verteilung der Mitarbeiter auf verschiedene Teams, die sich abwechseln. Ab April haben wir Kurzarbeit beantragt.

Welche ist die größte Herausforderung?
Die Mitarbeiter zu beruhigen. Aber auch, ihnen Mut zu machen und sie zu motivieren. Denn Kurzarbeit verunsichert. Wir kommunizieren ganz klar: "Wir sind ein Team – und kümmern uns um jeden von euch." Das geht bei 50 Mitarbeitern natürlich leichter als in einem großen Konzern.

Wie erfolgt die Kollektionserstellung unter solch veränderten Bedingungen?
Wir sind in der Entwicklung der Kollektion schon relativ weit fortgeschritten. Die nächste ist die Resort-Kollektion. Sie wird im Mai geordert und im Oktober geliefert. Die werden wir entweder streichen oder eine kleine Capsule anbieten. Die Kunden werden sicherlich weniger ordern, da keiner das Warenvolumen einschätzen kann. Somit konzentrieren wir uns eher auf die Main, die wir voll zeigen.

Wie erfolgt die Erstellung der Musterteile?
Da wir die Kollektion kleiner machen, haben wir mehr Zeit und sind fast fertig. Inhaltlich haben wir sie bislang noch nicht mit Blick auf die Krise verändert.

Verschieben sich die Liefertermine?
Es wird ohnehin Verzögerungen geben. Aber je weiter wir die Liefertermine nach hinten ziehen, desto kürzer wird die reguläre Abverkaufsphase. Dann stellt sich die Frage: Können die Handelskunden zu diesem Zeitpunkt noch von Reduzierungen absehen?

Werden sie selbst reduzieren?
Die Rabattschlacht ist das schlimmste in dieser Situation. Aber man kann sich dem ja nicht entziehen. Eigentlich müsste man verabreden, dass keiner im Mai über 30% reduziert. Aber wenn Ende April alle auf ihrer Ware sitzen und Cash generieren müssen, sind wir ganz schnell bei 50% oder 60%. Wir orientieren uns aber stark am Handel, da wir auch sonst die letzten sind, die reduzieren. Das ist uns wichtig.

Wie haben sich die Online-Umsätze in den vergangenen Wochen entwickelt?
Im März haben wir ein 45-prozentiges Plus gegenüber Vorjahr erzielt. Aber auf kleiner Vorlage, denn der März ist für Cashmere generell eher schwach. Die Concierge-Services, also Lieferung an die Haustür, die einige unserer Kunden anbieten, sind dem Umsatz natürlich zuträglich. 

Wie steht es um die Mieten?
Konkrete Ansagen wären gut. Also beispielsweise: alles wird gedrittelt. Der Vermieter verzichtet auf ein Drittel, Regierung und Mieter übernehmen jeweils ein Drittel. Entscheidend ist: Es muss eine Unterstützung vom Staat geben. Das ist vor allem für meine Händler wichtig. Denn Mieten sind für uns selbst kein entscheidender Kostenpunkt, da geht es eher um Personalkosten. Die belaufen sich auf das Zehnfache. 

Sie hatten anfangs ihre Marketing-Maßnahmen erwähnt. Welche sind dort die größten Challenges?
Den richtigen Ton zu finden. Denn damit kann man bei Kunden derzeit punkten. Die Message, dass wir alle in einem Boot sitzen, haben wir jetzt alle oft genug gelesen. Die wichtigsten Kanäle für uns sind neben den Newslettern unsere Auftritte bei Instagram und Facebook. Darüber muss man ernsthaft, aber positiv kommunizieren.

Apropos Kommunikation, welche Themen dominieren in den Kundengesprächen?
Vor allem Zahlungsmodalitäten. Stornierungen lehnen wir ab. Ungeachtet dessen, was wir im Detail aushandeln, bleibt die Frage: Wann werden sie die Rechnungen wirklich bezahlen können? Werden sie überhaupt zahlen können? Wer schafft es durch die Krise? Denn das hat ja auch Auswirkungen auf uns. Klar gibt es einige, die solide aufgestellt sind und es schaffen werden. Aber es gibt einige, die vorher schon in Schieflage waren. Und da müssen wir, selbst als kerngesunde Firma, überlegen: Liefern wir an alle?

Stichwort Auslieferung: Wie handhaben Sie es mit der Herbst/Winter-Kollektion?
Unsere Produktionsstätten sind voll, wir haben die Kollektion bereits ausgelöst. Denn wir würden vier Monate brauchen, um alles herunterzufahren. Aber ich glaube, neue Ware ist Key. Wir müssen begeistern.

Was heißt das im Detail?
Knapp drei Viertel kommen aus Italien, der Rest aus Deutschland und China. China ist bei 98% der Produktionskapazitäten, die Garne sind größtenteils schon da. Mir fehlen dort höchstens 10%. Aus Italien bekommen wir nun zwei volle Kollektionen: Im Mai wird normalerweise die Pre ausgeliefert, von der 70% schon am Lager sind. Die Main ist in Teilen ebenfalls da. In einigen Wochen dürfen die Italiener ihre Fabriken wieder öffnen, dann kommt Ware – wenn auch verspätet.

Auf welches Datum arbeiten Sie hin?
Zu raten, wann die Läden wieder öffnen dürfen – das ist wie Lotto spielen. Wir arbeiten aktuell mit dem Szenario des 2. Mai. Aber es ist ja nicht so, dass alles direkt wieder anläuft. Das wird uns auch die kommenden Monate noch nachhaltig beschäftigen. 

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