Design in der Isolation: Fokus Italien

Kreative – allein zuhaus

Borbonese

Die Covid-19-Pandemie zwingt die Mode zum Stillstand. Auch die Designer in Mailand. Damir Doma von Frankie Morello, Carolina Castiglioni von Plan C, Giuliano Calza von GCDS und Dorian Tarantini von Borbonese über das Wirken in den eigenen vier Wänden und ihre Wünsche für die Zeit nach dem Virus.

Damir Doma fühlt sich wie eine Figur im Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“. In dem Hollywood-Streifen aus dem Jahr 1993 ist Hauptdarsteller Bill Murray in einer Zeitschleife gefangen. Jeden Tag plärrt der Sonny & Cher-Song „I Got You Babe“ aus dem Radiowecker. Jeden Tag verbrennt er sich unter der Dusche. Und jeden Tag begegnet er seinem Ex-Schulkameraden Ned, der ihm eine Versicherung verkaufen will. Immer der gleiche Tag. Immer und immer wieder.

Damir Doma: „Und täglich grüßt das Murmeltier“
Damir Doma
Damir Doma: „Und täglich grüßt das Murmeltier“
„Wie lange sind wir jetzt schon alle zu Hause?“, fragt Doma. „Und welcher Wochentag ist heute?“ Der 38-jährige Designer, derzeitiger Kreativdirektor von Frankie Morello, ist eigentlich das Non-Stop-Reisen gewohnt. Jetzt spielt sich sein gesamtes Leben seit mehr als einem Monat in einer Wohnung am Mailänder Repubblica-Platz ab. „Immerhin haben wir einen Balkon.“ Alle Tage sind wie Sonntag. Und der Sonntag ist deshalb irgendwie kein Sonntag. Den Tagesablauf diktiert nicht ein übervoller Terminkalender, sondern der zweijährige Sohn. „Meine Frau und ich richten uns nach ihm.“

Die Covid-19-Pandemie hat Europa im Griff. Um das Virus zu stoppen, ermahnen die meisten Regierungen ihre Bürger dazu, zu Hause zu bleiben. Im Modeland Italien, das die Krise besonders hart getroffen hat, sind die Vorschriften besonders streng. Wer vor die Tür will, muss einen guten Grund dafür haben, und ihn in einem Formular des Innenministeriums angeben. Wer schummelt und in eine Polizeikontrolle gerät, dem droht ein Strafverfahren. Besser nichts riskieren, lautet die Devise. Das gilt auch für die Designer.

Wie kaum an einer anderen Rolle lässt sich ablesen, wie sich die Mode insgesamt gewandelt hat. Der Modedesigner von heute ist längst nicht mehr nur der Kreative, der mit Stift, Papier und Büste im Atelier sitzt und auf den Kuss der Muse hofft. Der Modedesigner von heute ist Top-Manager, Brandbuilder und Chefkommunikator in einem. Eine Mischung aus Zeremonienmeister und Zampano für die Medien. Er hetzt von Stadt zu Stadt, von Kollektion zu Kollektion, von Meeting zu Meeting. Er ist dauernd unterwegs und dauernd auf Sendung. Denn Mode ist nicht nur Kunst, sondern auch Kommerz. Seid umschlungen Millionen.

Mit der Quarantäne stehen die hyperaktiven Designer auf einmal still. Und haben Zeit, über ihren Beruf und die Branche nachzudenken. Über das Kleine und das Große. „Immer mehr. Darum ging es in der Mode zuletzt“, sagt Doma. „Mehr Schauen, mehr Events, mehr Kollektionen. Das ist jetzt erst einmal vorbei.“ Er spricht von einer Periode der Entschleunigung und Fokussierung: „Ich bin dafür, Frauen und Männer zusammen zu zeigen. Braucht es wirklich so viele Kollektionen? Lieber weniger große Kollektionen, die als Drops über die Monate verteilt werden.“

Der Werdegang von Doma ist typisch für die Designer seiner Generation. Trotz des jungen Alters füllt der internationale Lebenslauf mehrere Seiten. Alles gesehen, alles erlebt. Das Leben komprimiert wie eine Zip-Datei. Aufgewachsen im Süden Deutschlands studierte Doma an der Esmod, arbeitete in Antwerpen für Ann Demeulemeester und Raf Simons, bevor er in Paris sein eigenes Label lancierte und im Marais-Viertel einen Laden eröffnete. Seit Herbst 2019 ist er Kreativdirektor von Frankie Morello.

Das Gefangenensein in den eigenen vier Wänden ist für Doma eine neue Erfahrung. Schön und anstrengend zugleich. Er kocht mit seiner Frau, hat endlich Zeit, die Biografie von Mahatma Gandhi zu lesen, und mit seinem Sohn den Disney-Streaming-Dienst auszuprobieren. Doch er ringt um seine Balance. „Mir ist es enorm wichtig, Arbeit und Privates zu trennen.“ Damit sich die Sphären nicht vermischen, hält er sich an einen peniblen Stundenplan. Morgens zeichnen, dann Mittagessen, am Nachmittag Besprechungen mit dem Frankie Morello-Team über WhatsApp. „Alle sind unglaublich wach, alle sind besser vorbereitet“, sagt Doma. „Das ist dem Ausnahmezustand geschuldet.“

Chaotisch? Der Arbeitsplatz von Plan C-Macherin Carolina Castiglioni.
Plan C
Chaotisch? Der Arbeitsplatz von Plan C-Macherin Carolina Castiglioni.
Effizientes Arbeiten in Zeiten von Corona? Nicht so für Carolina Castiglioni. Die 39-jährige Designerin, deren Eltern das Modelabel Marni gehörte und die zusammen mit ihrer Familie mit dem Label Plan C losgelegt hat, beschreibt ihren Alltag mit einem anderen Adjektiv: „chaotisch.“

Castiglioni hält sich nicht in Mailand, sondern mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern im Schweizerischen Engadin in der Nähe von St. Moritz auf. Hoch oben in den Bergen, wo sich vor den Chalets der Schnee türmt, und die Quecksilber-Säule des Thermometers zuletzt auf -14 Grad gesunken ist. Sich ins Büro zurückzuziehen, ist nicht möglich. Von 8.30 bis 13 Uhr ist Schule angesagt. Castiglioni sitzt mit ihren Kindern vor dem Computer, schließlich findet der Unterricht online statt. Ab und zu klingelt die Post an der Tür und liefert ein Paket mit Stoffen und Zutaten ab. Doch nachdem Castiglioni das Material auf dem Esstisch ausgebreitet und gesichtet hat, muss sie es schon wieder zurück im Karton verstauen, um Platz für Tassen, Teller und Besteck zu machen.

Pausen sind ohnehin unvermeidbar. Die Fabriken in Italien sind geschlossen, ein Fitting ist bis auf weiteres nicht möglich. Um dennoch halbwegs pünktlich die Kollektion für das Frühjahr 2021 fertig zu bekommen, konzentriert sich Castiglioni auf das Wesentliche. Weniger Teile, keine Spielereien, alles auf den Punkt. „Wir spielen das safe“, sagt die Designerin. Wann und wie die Kollektion gezeigt wird, wird aktuell noch diskutiert. „Vielleicht präsentieren wir sie digital.“

GCDS-Macher Giuliano Calza hat wenig übrig für digitale Ersatzhandlungen.
GCDS
GCDS-Macher Giuliano Calza hat wenig übrig für digitale Ersatzhandlungen.
Das ist eine Idee, die zurzeit viele in der Mode umtreibt. Berater und Zukunftsforscher schwärmen von den Versprechungen der digitalen Technologie und gehen mit einem Bauchladen an Lösungen hausieren. Die Rede ist von Instrumenten wie Slack, Trello und Zoom, von virtuellen Showräumen und Orderplattformen, die an die Stelle von Konferenzen, Schauen und Messen treten. Giuliano Calza kann dem Gerede der Digital-Apologeten nur wenig abgewinnen. „Ich bin kein großer Fan des Digitalen“, sagt der 32-jährige Calza, der mit seinem Bruder Giordano zusammen das Streetwear-Label GCDS gegründet hat. GCDS ist stark in China und richtet sich an die Generation Z, die mit dem Internet und dem iPhone aufgewachsen ist. Der Designer selbst passt jedoch gar nicht ins Schema. „Ich habe keinen Computer zu Hause. Keiner glaubt mir das. Es ist aber die Wahrheit.”

Die Shows der Gebrüder Calza auf der Mailänder Fashion-Week sind nicht nur Verkauf und Werbung, sondern eine große Party. Für Familie, Freunde und Bekannte. „Die Emotion, die Energie, die wir vor einer Show spüren, sind einfach unglaublich für mich und mein Team. Das schweißt uns noch enger zusammen. Wenn die Show nur digital ist, verpufft ein Teil der Energie.“

2015 zog Calza von Shanghai nach Mailand. Seine Wohnung teilt er sich mit seiner sieben Monate alten Katze Kittho. Dass draußen die Covid-19-Pandemie wütet, merkt er an der eigentümlichen Stille. Kein Brummen, kein Hupen, kein Geklingel. „Ich gehöre zu den Menschen, die viel Schlaf brauchen. Normalerweise weckt mich morgens die Stadt. Jetzt wache ich vor ihr auf.“ Wenn er aus dem Fenster schaut, dann achtet er nicht mehr nur auf den Park, sondern seit kurzem auch auf die Fenster der gegenüberliegenden Häuser. „Sie sind erleuchtet. Zum ersten Mal sehe ich, dass hinter den Scheiben Leben ist.“ Seine Tage haben keine feste Struktur. Er werkelt an der Kollektion. Zeichnet mit Buntstiften und mit Wasserfarben. Schneidet mit der Schere Figuren aus und klebt sie zu Collagen zusammen. Über Amazon bestellt er sich Nagellack, UV-Leuchten und Wimpern. Und findet ein paar Stunden, um das eine oder andere Buch zu lesen. Manga-Comics und ein Lehrbuch über chinesische Grammatik.

Aktuell liest er „Horrorstör“. Eine Horrorkomödie über ein Möbelhaus, das entfernt an Ikea erinnert und in dem es mächtig spukt. Eine Fundgrube für Ideen, denn bei GCDS wird schwarzer Humor großgeschrieben. Unvergessen ist der Werbefilm des Labels mit Pamela Anderson. In dem vierminütigen Streifen rekelt sich der Baywatch-Star auf einem flauschigen Teppichboden. Bis eine ältere Dame mit Turmfrisur und Schrotflinte über die Schwelle tritt und abdrückt.

Was nach Jux und Tollerei klingt, ist genau durchdacht. Die Calza-Brüder sind gewiefte Geschäftsmänner. Giuliano arbeitete in der Presseabteilung von Blumarine, Giordano betreute Firmenkunden bei der französischen Bank BNP Paribas. Selbständig machten sie sich zuerst in China mit Restaurants. 250 Teller Spaghetti alla Carbonara servierten sie am Mittag. Den Logo-Hype und die Macht der Sozialen Netzwerke erkannten die Calzas früher als viele andere. Genau wie die Bedeutung der Kommunikation. Während viele Modefirmen erst das Produkt entwerfen und dann eine Geschichte darum spinnen, fangen die Brüder mit der Story an und formen dann den Artikel. Mode als Entertainment.

Mit dem kühlen Blick des Unternehmers hat der GCDS-Designer die etwaigen Folgen der Coronakrise klar vor Augen. „Die Modeindustrie wird schrumpfen. Wer vorher schon kein stabiles Fundament hatte, der gerät jetzt vollends ins Schlingern, wenn er nichts verkauft und seine Aufträge storniert werden“, sagt Calza. „Die Mode wird weniger Personen beschäftigen. Es wird weniger Labels, weniger Magazine, überhaupt weniger von allem geben.“ Wer das überleben wolle, der müsse in sich gehen: „Jeder in der Mode muss für sich begründen, warum er weiter an seinem Traum festhält. Und dann die Gelegenheit nutzen, um seine Firma auf Schwächen abzuklopfen.“ GCDS baue auf Made in Italy. Die gesamte Kollektion werde in Italien gefertigt. Und das bleibe auch so. „Das ist eine Wahl von großer Tragweite. Wir starten dann durch, wenn Italien alles wieder unter Kontrolle hat“, sagt Calza.

Dorian Tarantini, Kreativchef bei Borbonese, richtet seinen Fokus klar auf Mailand.
Borbonese
Dorian Tarantini, Kreativchef bei Borbonese, richtet seinen Fokus klar auf Mailand.
Dorian Tarantini steckt den Kreis noch enger. Der Designer richtet sein Augenmerk ganz auf Mailand. Der 33-jährige ist in der Musikszene groß geworden. Er legte als DJ im legendären Mailänder Club Plastic auf. Grunge und Trash sind seine Welt. Aus dieser Subkultur formte er später sein Label M1992, mit dem er seit einigen Saisons auf der Mailänder Menswear-Woche defiliert. Seit kurzem ist Tarantini Kreativdirektor von Borbonese. Der neue CEO Alessandro Pescara hat sich zum Ziel gesetzt, mit dem Turiner Traditionslabel, dessen Gründungsdatum bis ins Jahr 1910 zurückreicht, ins Ausland zu expandieren, unter anderem auch nach Deutschland. Damit das gelingt, soll Tarantini es einem jüngeren Publikum näherbringen. Mit einer luxuriösen Ready-to-wear-Linie.

Dabei bedient sich Tarantini der Strahlkraft Mailands. Seine Borbonese-Kollektionen zeigte er zuerst im Manzoni-Theater, dann in der Kirche San Paolo Converso und zuletzt im Februar im Museo del Novecento am Domplatz. „Wir werden diesen Mailänder Weg fortsetzen. Nicht zuletzt, um eine Stadt zu feiern, die in diesem Moment sehr zu leiden hat. Ich bin mir aber sicher, dass sich Mailand wieder erholen wird.“ Um auf dem Laufenden zu sein, wie es um seine Stadt bestellt ist, besucht Tarantini die Webseiten der Tageszeitungen. „Sobald ich aufstehe, lese ich die Nachrichten. Einen Fernseher habe ich nicht.“ Er zeichnet mit Bleistift auf Papier. Wichtigstes Instrument ist das iPhone. Er fotografiert, macht sich Notizen, tauscht sich über WhatsApp mit den Mitarbeitern aus. „Den Computer schalte ich nur selten ein.“

Mag die Quarantäne so manchen zur Ruhe kommen lassen, so verspürt Tarantini ein Kribbeln. „Ich kann es kaum abwarten, mich mit dem Borbonese-Team zu treffen.“ Die innere Unruhe bekämpft er, indem er bei sich aufräumt. Er sortiert seine Privatbibliothek. Bücher über Kunst, Design, Fotografie. „Ich habe da ein paar Perlen wiederentdeckt, von denen ich gar nicht mehr wusste, dass ich sie besitze“, sagt Tarantini. „Jetzt kann ich sie gut für aktuelle Projekte gebrauchen.“

Welches Projekt wann und wie fertiggestellt wird, darüber hat Tarantini keine Gewissheit. Die Corona-Krise zwingt, in Szenarien zu denken und auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein. Aus der M1992-Schau im Juni wird erst einmal nichts, weil die italienische Modekammer die Menswear-Woche auf September verschoben hat. „Vielleicht entscheiden wir uns für eine bescheidenere Form für Presse und Buyer.“ Für Borbonese habe er noch ein bisschen mehr Zeit: „Ich zähle auf das Können meiner Mitarbeiter, trotz des Stopps ein super Ergebnis zu erzielen.“

Die Krise stellt viel in Frage. Für die Mode ist sie Chance und Gefahr zugleich. „Wenn ein paar Wochen des Stillstands schon ausreichen, um das System ins Wanken zu bringen, dann bedeutet das, dass es vom Weg abgekommen ist“, sagt Tarantini. Er beklagt eine „Überproduktion“ von immer ähnlicheren Produkten und eine „Verflachung“ des Geschmacks. „Ich wünsche mir, dass künftig weniger, dafür aber bessere Mode gemacht wird. Mehr Nische, Recherche und Qualität.“
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