Designer Wolfgang Joop im TW-Interview

"Ich würde immer wieder Mode machen"

Wolfgang Joop

75 Jahre TW, eine globale Pandemie, eine Branche im Umbruch – Gründe genug, um mit Wolfgang Joop über die Bedeutung und weitere Entwicklung der Mode zu sprechen. Der Potsdamer, der sich in seiner langen Karriere immer wieder neu erfunden hat, über schlechten Geschmack, intelligente Mode, bewussten Konsum und mehr Natürlichkeit in der Mode.

TextilWirtschaft: Herr Joop, die TextilWirtschaft feiert in diesem Jahr ihren 75. Geburtstag. Aus diesem Anlass würden wir gerne ein wenig mit Ihnen zurückblicken, aber auch nach vorne schauen und über die Zukunft der Mode philosophieren - gerade angesichts der aktuellen Entwicklungen.
Wolfgang Joop: Erst einmal herzlichen Glückwunsch zum Jubiläum. Ich schätze Ihr Medium sehr und erinnere mich noch an die Zeit, als ich Ihre frühere Chefredakteurin Eleonore Müller-Stindel bei den Haute Couture-Schauen in Paris oder bei der Alta Mode in Rom getroffen habe. Ich habe ja in dieser Zeit für die Welt am Sonntag geschrieben und gezeichnet. Die TextilWirtschaft war für mich damals fast wie ein Lehrbuch. Denn ich kam ja als Autodidakt in die Welt der Mode und wenn man direkt von der Kunsthochschule kommt, so wie ich, und dann mit dem Business-Aspekt konfrontiert wird, ist das ein ziemlicher Kulturschock. Da ist die TW wie ein Fels in der Brandung.


Haute Couture, Alta Moda, handgefertigte Skizzen – das ist ja bereits ein kleiner Rückblick. Was hat denn in all dieser Zeit die Mode am tiefgreifendsten verändert?
Es gibt heute ganz andere Technologien als damals, die den Arbeitsalltag und die Herangehensweise grundsätzlich verändern. Ich sehe das an meinen neuen Assistenten, die alles digital machen. Die sofort erst mal mit Research starten, was es schon alles gab, bevor sie auf eine eigene Idee warten. Um dann doch festzustellen, dass es eigentlich schon alles gab.

Ist es ein Problem, dass es schon alles gab?
Mangelnde Bildung ist ein Problem. Denn es bedarf einer gewissen Bildung, um einschätzen zu können, was Mode bedeutet und um ihren Stellenwert als Zeichen der Zeit einordnen zu können. Man muss immer bedenken, wann und vor welchem gesellschaftlichen Hintergrund etwas passiert ist. Wie war es etwa in einem Nachkriegsdeutschland, wo man versuchte zu reparieren und wiederaufzubauen? Da war eine Mode wie in Paris nicht möglich. Der New Look von Dior hat ad hoc ein neues Frauenbild erschaffen. Aus dem Zeitpunkt des Verzichts und des Mangels heraus entstand die Illusion eines perfekten Frauenbildes, das vor allem dem Mann, dem Ehemann, gefallen soll als Trost für dessen Kriegserlebnisse. Das sind große Zusammenhänge, in denen Trends damals entstanden sind. Das wird heute oft gar nicht mehr verstanden. Das ist sicher ein großer Unterschied.

Looks by Wolfgang Joop : die neue Kollektion



Was bedeutet das konkret?
Heute blickt man ganz stark auf ein Produkt und nicht auf die gesamte Inszenierung. Früher haben wir versucht, in Modenschauen eine Geschichte zu erzählen, die auch wieder sehr stark den Zeitgeist reflektierte.

Was hat den Zeitgeist in der Mode maßgeblich geprägt?
Im Verständnis von Kunst oder Mode nähert sich der Kreative den jeweiligen Grenzen. Sie zu übertreten ist ein Wagnis, das – wenn man es übersteht – Ruhm garantiert. Geld bringt sie dem, der das sogenannte „Neue“ versteht zu kommerzialisieren. Das heißt, etwas verständlich und berührbar zu machen. Die kreative Arbeit verbindet Kalkül mit Gefühl. Innerhalb dieser beiden Extreme wird man das finden, was uns den Weg ins „Morgen“ zeigt. Früher war das ideale Kleid ein teures Unikat. Eines, das die Phantasie anregte, aber meistens unerschwinglich war. In dem Moment, als das Multiplizierbare einem breiteren Publikum/Konsumenten zugänglich wurde, erfand man den Begriff Pop-Art. Also Kunst/Mode für „das Volk“. Diese Konsumentenschicht entscheidet darüber, was und wer ihr Idealbild ist. Das war die erste große Veränderung.
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Die TW wird in diesem Jahr 75. Am 10. Oktober 1946, zu einem Zeitpunkt, als an ein normales Marktgeschehen nicht zu denken war, brachte der Gründer Wilhelm Lorch die erste Ausgabe der TextilWirtschaft heraus. In den nächsten Wochen und Monaten werden wir dieses stolze Jubiläum mit interessanten Themen, spannenden Einblicken und überraschenden Persönlichkeiten feiern. Immer wieder, an vielen verschiedenen Stellen, on- und offline.


Die bereits angesprochene Digitalisierung war die nächste?
Genau, das Digitale und auch das Globale. Dieser unglaublich perfekt kalkulierte Ablauf, der nun in der aktuellen Situation so profund gestört wird. Daran sieht man auch, wie angreifbar diese ganzen perfekten Technologien sind. Wenn etwa die Lieferketten bei Konzernen wie H&M plötzlich gestört sind. Oder ein Unternehmen wie van Laack, mit denen ich ja einen sehr netten Kontakt habe, plötzlich Medical Health Care produziert neben Mode. Einfach, weil das im Moment vielleicht wichtiger ist als Kleider und Blusen. Ich bewundere, wie man sich da dem Zeitgeist angepasst hat.



Das ist doch im Grunde sehr positiv, dass Mode so anpassungsfähig ist, oder?
Absolut. Das sind für mich gerade jetzt wichtige Signale. Denn man fragte sich ja zuletzt, geht das immer so weiter mit dem mehr und mehr. Man kam aus Paris und sah zum Schluss diese Chanel-Show mit einem Tsunami an Models und politisch unkorrekten Stage-Dekorationen und fragte sich, wie lange das noch so geht. Diese Verschwendung ist ja ganz schön, aber einfach anachronistisch. Man befand sich in einem Zwiespalt, in dem das, was imponierte, auf einmal grotesk wirkt. Jetzt kommt es darauf an, wie wir uns in diesen veränderten Welten verhalten. Das politisch Korrekte ist heute wichtiger denn je. Aber auch das ist nicht alles: Ein bisschen Frivolität und Sünde gehören zur Mode einfach dazu. Deshalb finde ich mittlerweile all diese Bekenntnisse, auch des Recycelns, ein wenig abgenutzt und populistisch. Natürlich finde ich gut, dass man recyceln kann. Aber wieso wird erst so viel Müll produziert, dass man überhaupt recyceln muss? Viele verstecken sich auch hinter einer Political Correctness, die sich dann ins Gegenteil verkehrt und lächerlich wird – was schade wäre.

Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen, also Digitalisierung, Globalisierung, Nachhaltigkeit, verliert Mode da an Bedeutung?
Im Gegenteil. Ich glaube, dass jetzt nach dieser Pause, die man ja schmerzhaft empfindet, wieder Lust auf Neues da ist. Denn wir erfahren aktuell eine Entschleunigung. Der Druck, den man in der Mode gespürt, über den man sich beschwert und den man gebraucht hat, ist nicht mehr da und auf einmal muss man sich selbst fragen: Was willst Du jetzt eigentlich machen? Worauf freust du dich? Willst Du ausgehen? Natürlich. Aber wenn wir ausgehen werden, dann bitte auf keinen Fall im alten Outfit. Denn das ist ja wirklich ein Jahrhunderteinschnitt, den wir im Moment erleben. Deshalb glaube ich, dass gerade jetzt Sehnsüchte wach werden nach einer neuen Mode, nach etwas anderem. Wir sind nicht im „Fin de Siècle“, wir sind im Anfang.

Wie könnte dieses Neue aussehen?
Man sieht auf jeden Fall sehr deutlich, dass es die sogenannte junge Mode nicht mehr gibt. Denn der Konsument lässt sich nicht mehr auf ein bestimmtes Alter oder eine bestimmte Zielgruppe festlegen. Ich glaube, die Menschen sind noch anspruchsvoller geworden. Man hat gelernt, Dinge wie Produktionsbedingungen noch stärker zu hinterfragen. Deshalb glaube ich, dass wir auf neue Mode warten, die aber anspruchsvoller sein muss, in jeder Beziehung.

„Im Verständnis von Kunst oder Mode nähert sich der Kreative den jeweiligen Grenzen. Sie zu übertreten ist ein Wagnis, das – wenn man es übersteht – Ruhm garantiert.“
Wolfgang Joop


Wie könnte sich dieser neue Anspruch äußern? Bleiben wir in diesem ganzen Lässigkeits-Homeoffice-Modus? Oder erleben wir eine Gegenbewegung hin zu viel schickeren, expressiveren Looks? Sie sprechen ja von Sehnsüchten.
Also ich bin ganz sicher, dass das „Bequem“ bleibt. Auch ich bin nicht bereit, mir irgendetwas anzuziehen, was mich einengt oder eine bestimmte Gestik verlangt. Aber es gibt heute nicht mehr nur den einen Trend – entweder lässig oder schick. Trend, Gegentrend und selbst der vorige Trend finden alle zeitgleich nebeneinander statt. Das war früher nicht so. Ich könnte nicht sagen, dass mich heute noch etwas an der Mode überrascht.  Das ist viel schwieriger geworden. Man sieht die Ghetto-Kids in Haute Couture. Alles hat so eine Art Favela-Chic. Alles ist möglich. Gleichzeitig sieht vieles ähnlich aus. Das spiegelt sich auch in den Medien wider. Früher gaben die Printmedien eine klare Orientierung. Heute gibt es so viel Inspiration nebeneinander. Aus allen Richtungen. Ich selbst bin ja kein Freund von diesen winzigen Bildern, die auf meinem Iphone auf- und abtauchen, und die man dann nicht wiederfindet. Ich liebe Panavision.

Wo inspiriert man sich denn, wenn alles gleich aussieht?
Am besten im real life. Ich bin vor kurzem aus Ibiza gekommen, wo ich dem Lockdown entkommen bin. Trotz geschlossener Boutiquen konnte ich dort Frauen am Strand in den schönsten Kleidern sehen. Dieser ibizenkische Stil, sehr natürlich, mit offenem Haar, ohne Makeup und keine Beige-Montur von oben bis unten. Das sind Frauen, die man früher auch in Hamburg so sah. Etwas sportiver, etwas intellektueller, international. Das könnten auch Frauen aus den Hamptons sein. Sie tragen, was ich hier gut finde: groben Strick in guter Qualität, nichts Selbstgehäkeltes vom Hippie-Markt. Das war gestern. Heute ist man einfach cool, modern, lässig, leger. Frauen tragen schicke Looks, nicht aufgepimpt, sondern sichtbar hochwertig. Uns Designer der Nachkriegszeit erlöste Yves Saint Laurent von der Vorstellung, dass Mode damenhaft sein muss. Das Maskuline mit dem Femininen zu mixen, ist das beste Rezept.

Geht es also hin zu natürlichen, unangestrengten Looks?
Absolut. Aber eben immer hochwertig. Man muss auch erkennen, dass Viskose Baumwolle nicht ersetzt. Und recycelter Cashmere ist eben auch nicht das Gleiche wie Cashmere in erster Qualität. Das klingt nur immer so pseudo-moralisch.



Wie wichtig ist denn überhaupt Nachhaltigkeit? Sie scheinen das ja ein wenig in Frage zu stellen.
Ich finde die Nachhaltigkeitsidee sehr wichtig. Aber nachhaltig bedeutet ja vielleicht auch, etwas aufzubewahren. Etwas zu ändern, wenn es nicht mehr passt, statt einfach alles wegzuwerfen.  Einfach bewusster konsumieren und sich die Arbeit machen, sich vor dem Shoppen zu informieren. Obwohl ich den Einzelhändlern natürlich gönne, dass nach dem Lockdown erst mal alle wieder shoppen, dass es kracht. Denn es ist ja sehr traurig, was da gerade passiert. Und natürlich kaufe ich gerne in Berlin in Läden wie Murkudis oder The Store, wo ich sehe, dass intelligente Leute etwas Intelligentes für mich eingekauft haben. Aber ich bin keiner, der in einen Laden geht, wo die Ware auf Rundständern zusammengepfercht ist und lieblos in die Tasche geworfen wird. Obwohl viele Leute es ja cool finden, dass es vieles so billig gibt. Aber keiner braucht so viel, dass er Schlechtes einkaufen muss. Insofern ist Nachhaltigkeit im Konsum die richtige Haltung.

Glauben Sie denn, dass sich Modekonsum generell durch die Pandemie verändert?
Durch die Pandemie wird sich vor allem das Budget der Menschen verändern, das darf man nicht vergessen. Ich habe bis jetzt noch keine Vorstellung, wie es den Leuten wirklich gehen wird, wenn sich die Pandemie beruhigt hat. Es kann also schon sein, dass Konsum bewusster wird. Gleichzeitig werden die Menschen vor allem ihre Freiheit wieder spüren wollen, wollen wieder tun können, was sie möchten. Sie brauchen wieder Begegnung, Kommunikation und physische Berührung. Das gilt auch für die Mode. Man will, dass es sich gut anfühlt. Man will modern und cool, vielleicht auch exzentrisch und einfach schön aussehen. Aber ich glaube ganz sicher, dass man dabei Dinge tragen will, die kein schlechtes Gewissen machen. Deshalb glaube ich, dass wir eine intelligente und sympathische Mode tragen werden. Man sucht künftig sicher mehr Aufklärung, Information und Ehrlichkeit bei einem Produkt.

Also Ehrlichkeit statt Schein? Intelligenz statt Ironie?
Absolut. Denn das Aggressive, allzu Dekorierte, wirkt im Moment doch eher gestrig. Nach einer echten Krise hat man keinen Appetit auf Zynismus. In der Mode spielt man ja oft mit Zynismen, Ironie und Bad Taste. Aber ich glaube, das sind alles Zutaten, die im Moment ein wenig verbraucht sind. Der Satz einiger Stylisten: Man muss auch ugly können, zieht nicht mehr. Jetzt brauchen wir das Gegenteil. Wir brauchen Nähe, Berührung, Wärme, Emotion. Die Mode füllt ja immer ein Vakuum, das entsteht. Wir wissen noch wie es in den 80ern war mit den dicken Schulterpolstern, mit Versace, mit Margareta Ley. Als Designer mit knallbunten Farben die Angst vor dem kalten Krieg, Finanzkrisen und, nicht zu vergessen, die Aids-Angst modisch verstecken wollten. Die 80er waren exzentrisch. Daraus ergab sich die Zeit für einen Helmut Lang, für Minimalismus als Gegenpol. Aber jetzt in der Zeit der Entbehrung. Wer braucht denn da Minimalismus? Höchstens ein Snob. So hat alles seine Zeit. Margiela ist der Fashion-Prophet für die Jetzt-Zeit gewesen. Er richtete seinen Blick sozusagen „from the inside of fashion to the outside“. Wie ein Anatomist, der den Körper öffnet, um ihn zu verstehen. Vielleicht müssen wir unseren Blickwinkel ändern, aus dem wir Mode gesehen haben, und das Konzept übernehmen, aus vielen Vintage-Kleidern ein neues Einzelstück zu machen. Heute hat diese Bewegung einen Nachfolger, Demna Gvasalia bei Balenciaga.

Kapselkollektion: About You X Looks by Wolfgang Joop



Wie verändern sich unter diesem Aspekt die Zielgruppen? Sie haben vorhin gesagt, dass die Frauen sich nicht mehr über Alter kategorisieren ließen. Nun sprechen alle von den Generations Y und Z, von Millennials, von immer jüngeren Zielgruppen. Ist es gefährlich, dass die Mode zunehmend auf die Jüngeren blickt?
Die jungen Leute wissen sehr genau, was alles nicht geht, was man nicht tragen kann. Wer glaubt, dass eine Marke wie Philipp Plein jung ist, täuscht sich. Das geht eher in Richtung des Ehepaares Geissen, das sich in der geschmacklichen Diaspora verirrt hat. Junge Leute sehen das deutlich. Insofern sind sie ein guter Seismograph. Zur Realität gehört aber auch etwas anderes. Ich erwähnte einmal in einer Vorlesung, dass Raf Simons bei seiner letzten Jil Sander-Kollektion vom Hitchcock-Film „Die Vögel“ inspiriert war. Dann haben die Studenten gesagt: Wie? Hitchcock, das ist doch ein Saft. Das ist symptomatisch. Da wird aussortiert, was nicht mehr kompatibel ist. Modeschüler wissen heute vor allem, wie man eine Brand wird, wie man ein Fashion Start-up gründet. Aber sie wissen wenig Handwerkliches oder Modegeschichtliches. Das ist ein Problem. Insofern ist der Blick auf die Jugend allein nicht alles. Man sieht diese Bildungslücken ja auch in der Kunst. Es interessiert sich heute ja keiner mehr für die intellektuelle Provokation eines Beuys und Co. Das wirkt ältlich und prätentiös. Aber ich spüre, dass gerade die Alten Meister wieder interessant geworden sind. Diese Opulenz, das Royale ist jetzt spannend.

Also Mode auch als Eskapismus?
Natürlich. Das sieht man auch in diesen ganzen Filmen und Serien von The Crown bis Bridgerton. Es gibt unglaublich viele Geschichten mit royaler, ausschweifender Ausstattung. Das kehrt zurück. Man sehnt sich nach dem ganzen Elend nach etwas, das man Upper Class nennen könnte. Der Wunsch, zu etwas Besserem zu gehören, sorgloser zu sein, ist groß. Das Teuerste ist doch im Moment Distanz. Dass man den Abstand, den wir jetzt einhalten sollen, auch leben kann. Das ist gerade der größte Luxus. Früher war der größte Luxus, überall dabei zu sein, Champagner trinkend an den Pools dieser Welt zu hocken. Jetzt lebt man besser das Gegenteil. Abstand zu haben, allein und sicher in einem Haus am Nordseestrand zu sitzen und eben nicht in der Karibik.


Wird Mode vor diesem Hintergrund wieder individueller, weniger global?
Das glaube ich auf jeden Fall. Es gibt eben Orte wie Sylt. Man weiß ja, da friert man sehr oft. Da wird man sich den siebenfädigen Cashmere als Maß aller Dinge leisten. Den braucht man ja auch. Einige sagen, wir brauchen nur noch „Basics“. Nun, ein T-Shirt in „XXL“ ist für mich ein Klassiker, das gleiche in „Slim Fit“ Avantgarde. Das macht der Zeitgeist mit uns. Auf Ibiza ist es dann das geblümte Kleid. Auch da hat man gespürt, dass die Menschen Ruhe suchen. Früher fuhr man da hin, wenn man Party machen wollte. Das scheint erst mal vorbei zu sein. Viele Leute können sich ja gar nicht mehr vorstellen, in einem Techno-Club zu schwitzen. Das ging sehr schnell. Ich weiß gar nicht, wie die Ausgehkultur sein wird. Ich denke, wir haben wirklich Appetit auf Kultur, auf die positiven Ausnahmesituationen. Aber das Wichtigste ist momentan die Gesundheit. Da passt das Party-Leben einfach nicht. Insofern glaube ich, dass wir etwas erwachsener und konventioneller geworden sind - in unserem Geschmack, in unseren Bedürfnissen und in unseren Bedenken. Was wir also jetzt brauchen, sind starke, individuelle Leading Figures. Leute, die wissen, wo es langgeht, wie man wirtschaftlich und modisch diese Situation überlebt. Wir brauchen echte Persönlichkeiten. Nicht nur Testimonials oder ein Model, das die Parfumflasche ins Bild hält. Man will jetzt den sehen, der die Parfumflasche gemacht hat. Das ist der Unterschied.

„Ein neues Kleid ist tröstend. Ein neues Outfit gibt Auftrieb. Das ist gerade jetzt psychologisch sehr wichtig. Mode bleibt ein internationales Esperanto.“
Wolfgang Joop


Wer sind denn Leading Figures im Moment?
Schwer zu sagen. Es gibt viele starke Leute. Joe Biden hat sicher eine ganze Reihe starker Frauen in seiner Regierung. In meinem privaten Umfeld kenne ich viele starke Frauen. Man könnte Claudia Skoda nennen, die jetzt ihre Lifetime-Ausstellung in Berlin hat. Jeder sucht sich seine Leading Figure selbst. Manchmal sind sie ja in der Nachbarschaft. Für mich sind Leading Figures vor allem die Menschen, die mit ihrem Kampf gegen das Leid der sogenannten Nutztiere uns zu einem veränderten Bewusstsein bringen.

Sehen Sie in der Influencer-Szene Leading Figures?
Ich habe da eher keine bemerkt. Ich bin persönlich aber auch kein Instagram-Nutzer. Es verbrennt mir zu viel Zeit. Ich informiere mich eher in Print oder lese Bücher.

Was halten Sie in diesem Zusammenhang von dem enormen Online-Boom, den wir derzeit erleben? Kaufen Sie online? Oder lässt Sie das genauso kalt wie die sozialen Netzwerke?
Ich kaufe gar nicht online. Ich habe mir noch nicht mal Essen im Internet bestellt. Nie. Ich sehe den Amazon-Boten zu oft, um da mitmachen zu wollen. Man kommt ja auch mit wenig aus. Ich weiß gar nicht, was man überhaupt alles bestellen muss. Außer vielleicht ein paar Vintage-Teilen gibt es keinen Grund zu bestellen. Es sollte ohnehin mehr Vintage-Auktionshäuser geben, wo man eine alte Prada-Jacke oder ein tolles Comme des Garcons-Hemd findet. 



Glauben Sie, dass dieses ganze Vintage- und Secondhand-Thema, das durch die Pandemie einen starken Auftrieb erfährt, weiter an Bedeutung gewinnt?
Unbedingt. Das wird ein Sport sein, echte Vintage-Schnäppchen zu entdecken. Es gibt in Berlin tolle Secondhand-Märkte, auf denen man großartige Dinge finden kann. Ich hoffe, das wird sich in vielen Städten noch stärker etablieren. Das finde ich sehr modern.

Wenn wir von Vintage und Langlebigkeit sprechen, glauben Sie, dass wir weniger Kollektionen pro Jahr brauchen und dass Mode saisonloser werden muss?
Wir waren vorher schon sehr gehetzt. Das Adrenalin zeigte seine Wirkung. Das fehlt mir auch. Aber man hat sich auch schnell verbraucht, als die Saisons immer schneller und kürzer wurden. Das machte einfach keinen Sinn und keinen Spaß mehr. Nach 15 Jahren als Unternehmer und Designer von Wunderkind brauchte ich eine Pause. Und bei Looks bewegen wir uns jetzt in einem Markt, wo wir mit Supermärkten wie Aldi und Lidl genau die Menge produzieren, die auch gebraucht wird. Und eben keine 200 Samples, von denen nur ein Bruchteil produziert wird. Ich kann mir schon vorstellen, dass da generell ein Learning stattfindet.

Apropos Learning, wie spannend finden Sie Mode denn überhaupt noch?
Mode ist unglaublich spannend. Wir reagieren am schnellsten auf Zeittrends und -strömungen, können sie vorausahnen und antizipieren. Ein neues Kleid ist tröstend. Ein neues Outfit gibt Auftrieb. Das ist gerade jetzt psychologisch sehr wichtig. Mode bleibt ein internationales Esperanto.

Wenn Sie also heute noch mal vor der Wahl stünden, würden Sie denn nochmal Mode machen oder sich für etwas anderes entscheiden?
Ich würde immer wieder Mode machen. Ich habe zwar eine klassische Kunstausbildung. Aber für die künstlerische Disziplin bin ich zu ungeduldig. Das feine Reagieren auf den Zeitgeist, entspricht einfach sehr meinem Talent und hat mich in der Mode erfolgreich werden lassen. Um mit Karl Lagerfeld zu sprechen: „Kreativität ist ja keine Krankheit“. Insofern bleibe ich dabei.

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