Die Corona-Pandemie und ihre wirtschaftlichen Folgen

Besondere Maßnahmen in schweren Zeiten

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Corona-Lockdown in London.
Corona-Lockdown in London.

In der fünften Woche des Corona-Lockdowns nähert sich Großbritannien mit inzwischen 124.743 Covid-19 Erkrankten und 16.509 Todesopfern der traurigen Spitze Europas. In der Corona-Krise ist „beispiellos“ zum geflügelten Wort geworden.

Im Vereinigten Königreich, in dem die Ausgangssperre um mindestens drei Wochen verlängert wurde, der am Virus erkrankte Premierminister Boris Johnson sich auf dem Landsitz Chequers erholt und seine Regierung versucht, die Pandemie in den Griff zu bekommen, beeindruckt die beispiellose Welle der Hilfsbereitschaft und Solidarität. Königin Elizabeth II. verzichtet an ihrem heutigen 94-jährigen Geburtstag erstmals in ihrer 68-jährigen Amtszeit auf die traditionellen Salutschüsse. Der Mann der Queen, Prinz Philip, würdigte am Montag die „wichtige und dringende Arbeit“, die von so vielen getan werde, um die Coronavirus-Pandemie zu bekämpfen. Dass sich der 98 Jahre alte Herzog von Edinburgh, der eigentlich seit 2017 im Ruhestand ist, mit einer seltenen Botschaft an die Öffentlichkeit wendet, wird als Zeichen gewertet, wie ernst das Königshaus die Krise nimmt. Und der 99 Jahre alte Weltkriegsveteran Tom Moore, inzwischen berühmt als „Captain Tom“, hat mit seinen Rollator-Runden in seinem Garten in Bedfordshire seit dem 6. April fast 30 Mio. Pfund an Spenden eingesammelt. Dass die Ex-Royals Prinz Harry und seine Frau Meghan aus Los Angeles mit einer Attacke auf die britischen Medien für Ärger sorgen, während die Welt gegen Covid-19 kämpft, wird nur noch mit Kopfschütteln quittiert.

Schutzkleidung statt Fashion

Ein Beispiel für das Zusammenstehen in Corona-Zeiten liefern Retailer und Bekleidungsbranche. Marks & Spencer und John Lewis unterstützen den vor dem Kollaps stehenden staatlichen Gesundheitsdienst NHS mit Spendenpaketen und versorgen die im Dauereinsatz tätigen Ärzte und Schwestern mit Mahlzeiten. John Lewis Partnership hat seinen Landsitz Leckford Estate, der normalerweise den Mitarbeitern für Urlaube dient, wichtigem medizinischen Personal nahegelegener Krankenhäuser zur Verfügung gestellt. Dort werden zwölf Travel Lodges vom Hampshire NHS Trust für Teams des Royal County Hampshire Hospital in Winchester genutzt.

Weil es nach wie vor einen Mangel an Schutzkleidung- und Ausrüstung in den Krankenhäusern gibt, sind Bekleidungshersteller und Lieferanten eingesprungen. Der Branchenverband UK Fashion & Textile Association (UKFT) unterstützt die Regierung bei der Beschaffung von PPE, der persönlichen Schutzausrüstung. Seit Ausbruch der Krise ist die globale Nachfrage um geschätzte 1000% gestiegen. Da Retailer nach dem Lockdown und der erzwungenen Schließung aller Modegeschäfte in Großbritannien reihenweise Aufträge bei ihren Lieferanten stornierten, sind Kapazitäten frei geworden. Aber die reichen bei weitem nicht, den Bedarf an PPE zu decken.

„Wir haben noch 120.000 Beschäftigte in der Textil- und Bekleidungsindustrie, aber die meisten Fabriken haben vorübergehend geschlossen und ihre Mitarbeiter beurlaubt,“ sagt Adam Mansell, Chief Executive von UKFT, „aus der Branche haben wir aber unglaublich viele Angebote bekommen“. Die können aber nur die große Not ein wenig lindern. In der vergangenen Woche wurde von der Regierung ein neues PPP Hub mit Richtlinien für die Schutzausrüstung und -kleidung eingerichtet. Damit gibt es auch Klarheit über die Performence-Anforderungen, die UKFT mit seinen Mitgliedern teilt. Burberry, Mulberry, Mackintosh und Barbour zählen zu den bekannten britischen Brands, die Kapazitäten für die PPP-Produktion zur Verfügung gestellt haben.


Burberry will in seiner Fabrik in Yorkshire Schutzkleidung und Gesichtsmasken für das medizinische Personal fertigen und zudem seine Lieferkette nutzen, um schnellstens Hunderttausende Masken für den NHS zu beschaffen. Barbour, berühmt für seine Wachsjacken, hat seine Näherinnen in die Fabrik in South Shields zurückgerufen. Die Heritage Brand, die schon Schlafsäcke für Soldaten in beiden Weltkriegen hergestellt hat, will nun 7000 OP-Kittel fertigen. Und die 196 Jahre alte Traditionsmarke Mackintosh fertigt in ihrer Fabrik in Nelson vorübergehend Schwestern-Uniformen anstatt gummierte wasserdichte Regenkleidung.

Lohnfortzahlung lässt sich der Staat rd. 42 Mrd. Pfund kosten

Beispiellos sind die Maßnahmen, mit denen die Regierung die Auswirkungen der Krise auf die Wirtschaft flankiert. Nachdem Schatzkanzler Rishi Sunak Ende März milliardenschwere Hilfskredite und weitere Stützungsmaßnahmen für die Unternehmen ankündigte, sattelte er noch das „Coronavirus Job Retention Scheme“ auf. Das Institute of Employment Rights sprach von der „bemerkenswertesten Ankündigung in der Geschichte des Arbeitsrechts in Friedenszeiten“. Mit diesem Modell erhält Großbritannien eine spezielle Form der Kurzarbeit. Damit übernimmt der Staat erstmals Lohnfortzahlungen für Arbeitnehmer. Wenn Unternehmen durch die Corona bedingte wirtschaftliche Vollbremsung seine Mitarbeiter nicht mehr beschäftigen kann, sie aber trotzdem nicht entlässt, übernimmt der Staat bis zu 80% des Lohns, maximal 2500 Pfund (2850 Euro). Jede Firma jeder Größe kann diese Hilfe beantragen, rückwirkend ab Anfang März.

Nachdem die bürokratische Infrastruktur für das bis Ende Juni verlängerte Modell aufgebaut wurde, konnten die Unternehmen gestern mit der Antragstellung beginnen. Pro Minute kamen 2200 Anträge rein, bis zum Nachmittag waren es insgesamt 140000. Damit hat Sunak sein Versprechen gehalten, bis Ende April die Lohnfortzahlung an den Start zu bringen.

Der Regierung geht es darum, dass Arbeitsplätze erhalten werden, damit die Unternehmen nach der Krise wieder durchstarten können. Die Denkfabrik Resolution Foundation schätzt, dass neun bis 11 Mio. Beschäftigte und damit 30% der Belegschaften im privaten Sektor bis Ende Juni von der für Großbritannien revolutionären Form der Kurzarbeit profitieren können. Das würde die britischen Steuerzahler 42 Mrd. Pfund kosten. Experten fürchten jedoch, dass sich die Summe am Ende auf bis zu 60 Mrd. belaufen könnte und das Modell womöglich nicht mehr abgeschafft wird. Laut British Chambers of Commerce wollen rd. 20% der Unternehmen alle Mitarbeiter abmelden und 37% der Firmen mindestens 75% ihrer Angestellten. Darunter auch der Bekleidungshandel, der durch die Einschränkungen stark betroffen ist. Reklamiert wird aber bereits, dass vermögende Unternehmer und profitable Firmen es sich leisten könnten, das Gehalt ihrer Mitarbeiter selbst weiterzubezahlen, anstatt den Staat einspringen zu lassen.

Kritik muss sich z.B. Victoria Beckham gefallen lassen, die 30 Mitarbeiter in den Zwangsurlaub geschickt hat und die Kosten dafür vom Staat tragen lässt. Das kommt in den sozialen Medien schlecht an, denn immerhin hätten die Beckhams zusammen ein Vermögen von 335 Mio. Pfund. Und Philip Green, der das Job Retention Scheme für die Beschäftigten in seiner Arcadia Group nutzen will, wird erst mal der Verkauf seiner 100 Mio. Super-Jacht empfohlen.


Dass mit dem Lockdown das öffentliche Leben auf der Insel zum Erliegen gekommen ist, zeigen die jüngsten Daten des BDO High Street Sales Tracker. Danach ist in der Woche bis zum 12. April die Kundenfrequenz im Vergleich zur Vorjahresperiode um 81,3% zurückgegangen und auf einen Rekord-Niedrigstand gefallen. Am stärksten war der Rückgang mit 85,4% in den Einkaufszentren, in den Einkaufsstraßen der Innenstädte betrug er 84,2% und in den Retail Parks 70,9%.

Die Fashion-Umsätze auf vergleichbarer Basis lagen die fünfte Woche im doppelstelligen Bereich, da wegen der Corona-Restriktionen nur Stores für die Grundversorgung öffnen durften. Die Mode-Umsätze gingen demnach im Berichtszeitraum um 39,2% zurück. In der Vorjahresperiode lagen sie mit 2,04% im Plus. Bei den Non-Store Retail-Umsätzen, also E-Commerce ermittelte der BDO High Street Sales Tracker einen Zuwachs von 125% und damit eine Verdoppelung im Jahresvergleich. Diese Zahl steht in Kontrast zu den Daten des Verbandes der Online-Retailer für den Monat März.

Laut IMRG Capgemini Online Retail Index traf die Kaufunlust die Bekleidung mit einem Umsatzrückgang von 23,1% im März im Vergleich zum Vorjahresmonat am stärksten. Das dürfte damit zusammenhängen, dass im März noch nicht alle stationären Geschäfte geschlossen waren und sich erst im April Bekleidungskäufe vom stationären Handel auf E-Commerce verlagert haben.

Mit welcher Wucht die Corona-Krise den stationären Handel trifft, wurde bei der heutigen Vorlage des Halbjahres-Ergebnisses (29. Februar) von Associated British Foods (ABF) deutlich. Die Konzernmutter des Discounters Primark hat den Wert der Lagerbestände der Kette um 284 Mio. Pfund abgeschrieben. Damit würden die realistischen Preis reflektiert, die zu erreichen seien, wenn die Filialen wieder öffneten, sagte ABF-Chairman Michael McLinktock. Wann es in Großbritannien zu einer Lockerung des Shutdowns kommt, ist offen. In der Regierung wird um eine Exit-Strategie und einen Fahrplan zurück zur Normalität gerungen. 

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