Zum Jubiläum: Die Geschichte der TextilWirtschaft

350 Jahre Wartezeit für einen Mantel

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Trotz zerstörter Läden und Lieferketten sah Herausgeber Wilhelm Lorch vor 75 Jahren das Potenzial des Modemarktes. Und so brachte er im Oktober 1946 die erste TextilWirtschaft heraus, zu einem Zeitpunkt, als an ein normales Marktgeschehen nicht zu denken war.

"Der durch Kriegsschaden und Nachkriegseinflüsse vor fast leeren Lagern und in großen Städten auch vor Trümmern seiner Verkaufsstätte stehende Textil-Einzelhändler hat innerhalb der ihm durch die Wirtschaftslenkung gezogenen Rahmen Aufgaben zu erfüllen, die in normalen Wirtschaftszeiten als 'wirtschaftlich unmöglich' bezeichnet worden wären."

Es ist der 10. Oktober 1946 als diese Worte in der ersten Ausgabe der TextilWirtschaft erscheinen. Seit knapp anderthalb Jahren herrscht Frieden in Deutschland, die Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges sind aber noch lange nicht beseitigt. Als einer der ersten Verleger erhält der Journalist Wilhelm Lorch im September die Publication Control der US-Militärregierung in Heidelberg und damit die "Lizenz zur Herausgabe technischer Bücher und Zeitschriften für die Textilindustrie". Nur einen Monat später startet die TW und wird Gründungspublikation der Neuer Fachverlag GmbH in Stuttgart. 1948 zieht der Verlag nach Frankfurt/Main und wird in Deutscher Fachverlag GmbH umbenannt.

Der Mann, der die TW erfunden hat: Wilhelm Lorch
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Der Mann, der die TW erfunden hat: Wilhelm Lorch
Monatlich kostet die TW 2 Reichsmark, umgerechnet zum Wechselkurs von 1946 rund 60 Eurocent. Die erste Ausgabe, die im Zeitungsformat erscheint, umfasst zwölf Seiten. Zunächst gibt es das "Fachblatt für die Textil- und Bekleidungswirtschaft", so der offizielle Untertitel, alle zwei Wochen. In der ersten Ausgabe formuliert die Redaktion unter der Leitung von Ruth von Forstner und K. H. Hilmer ein klares Ziel: "Erstens ist es unser Ziel, der Praxis nahe, ein wirklich lebendiges Sprachrohr und echtes Bild des tatsächlichen Lebens jenes Teils der Wirtschaft zu sein, dem wir dienen wollen, und zweitens in allen Veröffentlichungen, dem Geist einer unbestechlichen Objektivität entsprechen zu wollen."


Die Themenvielfalt ist groß. Berichte über die aktuelle Situation des Einzelhandels und der Bekleidungsindustrie, über Gerichtsurteile gegen Händler, die Bekleidung auf dem Schwarzmarkt gehandelt haben, über die verzweifelte Suche nach Fachkräften in den Spinnereien, über neue Verfahren zur Vergabe von Bezugskarten für Bekleidung und neue Produktionsquoten. Weiterer Bestandteil ist der Anzeigenteil. In den ersten Jahren geht es dabei vor allem um die Suche nach Mitarbeitern, Pächtern, Maschinen oder Produzenten. Dazwischen findet sich auch die ein oder andere Heiratsannonce. Dazu kommt in Ausgabe 1 eine Zeichnung von Damen-Mänteln für den Winter.

75 Jahre TextilWirtschaft: Blick in die allererste TW

Klicken Sie hier, um die allererste TW aus dem Jahr 1946 im PDF-Format zu laden.

Ans Ordern von irgendwelchen Mänteln zu denken, ist im Herbst 1946 allerdings aussichtslos. Ware ist nicht zu bekommen. Nicht nur, weil viele Produktionsstätten zerstört sind und zudem Rohstoffe und Fachpersonal fehlen, sondern auch weil von den Besatzungsmächten vorgegeben wird, von welcher Ware wie viel für wen produziert wird. Zum Teil geht die produzierte Bekleidung in den Export, zum Teil an bestimmte Berufsgruppen wie Bergleute oder auch das Militär.

So kommen etwa von 50.000 Tonnen importierter Baumwolle in der US-Zone nur 10.000 Tonnen bei der Zivilbevölkerung an. Damals leben 18 Millionen Menschen in der US-Zone. Pro Kopf bleibt so rund ein halbes Kilogramm Baumwolle übrig. "Dieses halbe Kilo kommt etwa dem Rohstoffeinsatz für ein Hemd gleich", zitiert die TW Ende 1946 das Verbrauchsreferat Textil im Landwirtschaftsamt Stuttgart.



Bekleidung gibt es auf Bezugskarten. Später wird ein komplexes Punktsystem eingeführt. Der Mangel an Bekleidung ist enorm. Wie groß, zeigt eine Erhebung aus Hessen über die die TW berichtet. Dort zeigen Umfragen des Erziehungsministeriums in allen Schulen: 19% der Kinder haben keine eigenen Strümpfe, 14% keine eigene Unterwäsche.

Einprägsam sind auch die Zahlen, die die Stadt Düsseldorf Anfang 1947 errechnet: "Wenn die derzeit knappe Versorgung mit Textilwaren anhält, würde jeder Verbraucher alle 18 Jahre ein Hemd, alle 27 Jahre eine Unterhose, aber erst in 98 Jahren einen Anzug erhalten." Auf Strümpfe müsste man 29 Jahre, auf Betttücher 62 Jahre, auf Matratzen 100 Jahre und auf Wintermäntel 350 Jahre warten.


Dieser Mangel an Waren – auch die TW-Redaktion bittet immer wieder um Papierspenden – führt zu einem blühenden Handel von Textilien auf dem Schwarzmarkt. Gezahlt wird mit Lebensmitteln und Zigaretten. Dabei geht es seltener um neue Ware, sondern um die Bezahlung für das Umarbeiten von alter Bekleidung, Uniformen oder Fallschirmen. Viele Modehändler bieten diese Form der Lohnfertigung an. Manche fungieren ganz offiziell als sogenannte Tauschstellen. Hier können Verbraucherinnen und Verbraucher Bekleidung abgeben, von den Behörden bestellte Schätzer legen dann fest, wie hoch der Wert der abgegebenen Ware ist. Dafür erhalten die Konsumenten Tauschberechtigungsscheine mit denen sie sich andere Waren aussuchen können.

Juni 1947: Textilmesse im Haus der Zentralverwaltung der sowjetischen Besatzungszone in Berlin.
dpa
Juni 1947: Textilmesse im Haus der Zentralverwaltung der sowjetischen Besatzungszone in Berlin.
Nicht nur wegen des Warenmangels ist für die Modehändler in dieser Situation an eine normale Handelstätigkeit nicht zu denken. Vor allem in den Großstädten sind von vielen Geschäften nur Ruinen geblieben. Manche Modehändler ziehen in leerstehende Bunker oder zimmern sich aus günstigem Baumaterial sogenannte Behelfsläden. Es wird noch einige Jahre dauern bis aus den Provisorien wieder richtige Läden werden, bis aus dem Mangel ein Überfluss an Ware wird. Bis statt Bedarfsdeckung Lust auf Mode in den Vordergrund rückt.

Die TW begleitet den Markt bei all diesen Entwicklungen. Nicht umsonst heißt es schon im Vorwort der ersten Ausgabe: Es erscheint uns lohnenswert und wichtig, "in dieser Situation, der großen und vielschichtigen, der als fleißig, zäh, findig und erfolgreich bekannten Textil- und Bekleidungswirtschaft unserer Zone als Fachorgan zu dienen".

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