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Premium-Chefin Anita Tillmann

„Transformation gelingt nicht von heute auf morgen

Premium Group
Anita Tillmann: "Heute sind wir eine Networking-Plattform für das gesamte Mode-Ökosystem. Das Handelsgut ist nicht mehr nur die Ware, es werden Brand-Storys, Emotionen, Daten und Know-how verkauft, präsentiert und verhandelt."
Anita Tillmann: "Heute sind wir eine Networking-Plattform für das gesamte Mode-Ökosystem. Das Handelsgut ist nicht mehr nur die Ware, es werden Brand-Storys, Emotionen, Daten und Know-how verkauft, präsentiert und verhandelt."

Berlin konzentriert sich. Fokussierung ist das Schlagwort der Messeveranstaltungen zur kommenden Fashion Week ab 1. Juli. Wie wird das konkret aussehen? Die TW hat mit den Machern der wichtigsten Messen gesprochen.

TextilWirtschaft: Frau Tillmann,  Sie sind schon viele Jahre im Messe-Business. Wie haben sich die Messen verändert?
Anita Tillmann:
Noch vor zehn Jahren waren Messen reine Transaktionsplattformen. Es ging um das Geschäft zwischen Lieferanten und Einkäufern. Die globale Denkweise fehlte ebenso wie der Fokus auf die Verbraucher. Heute sind wir eine Networking-Plattform für das gesamte Mode-Ökosystem. Das Handelsgut ist nicht mehr nur die Ware, es werden Brand-Storys, Emotionen, Daten und Know-how verkauft, präsentiert und verhandelt. Der Einkäufer an sich spielt nach wie vor eine wesentliche Rolle auf den Messen, dennoch sind die Inhaber und Geschäftsführer, sowie Marketingteams, Designer, Visual Merchandiser, Influencer, Social Media-Manager, Digitalteams und auch Medienvertreter unterwegs.

Begreifen alle diesen Wandel?
Viele alteingesessene Anbieter tun sich schwer. Wir fahren zu den Headquartern der Marken, hören zu, analysieren, beraten und machen Workshops. Wir treiben diese Entwicklung voran. Aber man muss sich auch klar machen, dass eine solche Transformation nicht von heute auf morgen gelingen kann, selbst bei denen, die schnell sind. Und in Zeiten von Globalisierung und Digitalisierung wird der Veränderungsprozess an sich stetig anhalten. Es wird nie wieder ein Endresultat geben, wir werden uns ständig weiterentwickeln müssen. Die sich rasant entwickelnde Technologie bringt ständige Veränderung mit sich. Der Unterschied zu früher ist, wir können auf keine Erfahrungswerte und Muster zurückgreifen, zumindest nicht 1:1. Das zu verstehen und anzunehmen ist wahrscheinlich die größte Herausforderung.

Die Premium drängt Marken, Key Looks zu definieren und damit zu zeigen, wofür sie stehen. Warum fällt das so schwer?
Ich würde eher sagen, wir unterstützen unsere Brands dabei, sich adäquat zu präsentieren und ein klares Statement zu setzen. Wenn man Aufmerksamkeit der Einkäufer und die der Besucher nicht auf den ersten Blick bekommt, ist das Momentum vorbei und keiner geht mehr auf den Stand. Auch wenn es für uns als Veranstalter paradox klingen mag, aber wir wollen, dass die Brands lieber weniger Fläche belegen, damit sie sich fokussieren. Wenn sie große Stände haben, zeigen sie meist die gesamte Kollektion. Doch wenn wir ehrlich sind, sieht doch aktuell alles ziemlich gleich aus. Auch geht es allen um Qualität, Nachhaltigkeit und Preis, aber die Aussage fehlt. Wofür steht eine Marke? Welche Trends werden gezeigt? Das wollen die Einkäufer auf einen Blick erkennen. Einige Aussteller fragen, ob ich ihnen die Einkäufer von Selfridges oder Macy‘s an den Stand bringe, aber sie müssen von selbst überzeugen und Interesse wecken. Das wird vielen jetzt klar und die Gespräche dazu sind wirklich sehr gut.

Welche Schwerpunkte setzt die Premium Group noch in dieser Messerunde?
Topthemen bleiben Sustainable Future, Sportsfashion- und Streetwear. Die sind übergreifend auf allen Events Premium, Seek und Show&Order und auch auf der Fashiontech Conference zu finden. Gerade auf der Seek zeigen immer mehr Brands ihre Haltung dazu. Das liegt auch daran, dass der Altersdurchschnitt insgesamt jünger ist. Für die jüngeren Generationen ist Sustainability eine Selbstverständlichkeit. Mit dabei sind u.a. Kings of Indigo, Veja und Dedicated. Auf der Premium zeigt Liu Jo nachhaltige Denims und North Sails, Ecoalf, Raeburn, National Geographics, Armedangels und Boyish aus LA sind auch dabei. Neu ist ein Panel zum Thema Nachhaltigkeit in der Station. Es wird ein Think Tank geben, an dem die Game-Changer der Industrie sich miteinander vernetzen und zwar messeübergreifend. Ziel ist es die richtigen Leute zusammen zu bringen, um einen größtmöglichen Output zu generieren. Kollaborationen mal ganz anders gedacht. Als Messe achten wir auf die Minimierung von CO2-Ausstoß und Müll. Wir arbeiten zudem mit allen Protagonisten in Berlin daran, die gesamte Fashion Week Berlin plastikfrei zu bekommen.

Und Sportswear?
Sport, Sportswear und Streetstyles sind nach wie vor die Treiber im Freizeitsegment. Auf der Premium sind cleanere und elegantere Sportswear-Kollektionen zu sehen als auf der Seek. Bei allen Kollektionen und Messen spielen Qualität und Funktionalität sowie Hightech-Stoffe eine große Rolle. Sneaker ist nach wie vor ein starkes Thema bei Damen und auch bei Herren. Auf der Seek haben wir namhafte, plakative Sportswear-Brands wie Champion, Kappa, Hummel, Ellesse, Hi-Tec, Mizuno und Fila. Etliche Bright-Aussteller wie Burton und Tony Hawk Signiture Line haben sich angeschlossen. Die Seek ist längst keine Nischenmesse mehr. Wenn man sich zu dem Thema Streetculture, Sportswear und Jugendkultur informieren möchte, gibt es europaweit keine Alternative. Das Trade Union-Konzept bildet einen Zusammenschluss angesagter Agenturen und Marken, die in einem exklusiven Showroom präsentiert werden und nur ausgewählten Stores zugänglich sein wird. Quasi Guestlist only. Marken sind u.a. Han København, Red Wing Shoes, Knickerbocker, Ebbets Field Flannels, Porter-Yoshida & Co, Japan Blue Jeans, Pallet Life Story und Merz b. Schwanen.

Die Fashiontech zieht im Juli in den Festsaal Kreuzberg. Warum?
Wir ändern nicht nur die Location, sondern auch das Datum. Aufgrund hoher Nachfragen wird die FashionTech Conference jetzt am Donnerstag, 4. Juli, stattfinden. Bezüglich der Location sind wir dem Wunsch der Besucher nachgekommen, die Zahl der Standorte zu reduzieren. Wir fokussieren uns nun auf die Station mit dem Kühlhaus und die Arena und den benachbarten Festsaal.

Welche Themen stehen dort auf dem Programm?
Wir haben insgesamt vier große Themenblöcke, die sich auf der Bühne und auch in den Masterclasses widerspiegeln - Sustainable Future, Street Culture, Digital Business und E-Sports&Gaming for the Fashion Industry. Wir haben Top-Speaker auf der Bühne, darunter den Gant-CEO Brian Grevy, Gabriele Maggio, General Manager von Moschino, Luisa Krogmann von Aeyde, Aaaron Levant, den Gründer von Complexcon und das Who-Is-Who der E-sports und Gaming Industrie. Das ein unglaublich spannendes Thema für unsere Branche mit großem Businesspotential. Sehr interessant ist das Thema VR, AR, wir stellen die neuen Superstars von morgen vor, direkt zum Anfassen.

Im Januar war Tempelhof in aller Munde. Wie ist hier der Stand der Dinge?
Der Standort löst bei vielen vor allem Emotionalität und Nostalgie aus. Um den Standort zu reaktivieren, sind hohe Investitionen und aber auch ein wirklich neues und unvergleichbares Konzept nötig. Wir arbeiten weiter an einem möglichen Konzept, aber das muss auch sinnvoll sein für die Branche. Es ist alles noch offen.

Warum sollten sich Einkäufer Berlin nicht entgehen lassen?
Wir investieren sehr viel Leidenschaft, Zeit und Geld in die Themen der Branche. Es geht nicht nur ums Kollektionen-Sichtendafür alleine muss man nicht kommen. Das ist zwar Teil des Geschäftes, aber es geht vor allem um Inspirationen, Kommunikation und Netzwerk, neue Retail- und Pop-up Konzepte, um Digitalisierung und neue Technologienund darum die neuen Player in unserer Branche kennen zu lernen. Jeder muss sich mit neuen Themen und der neuen Generation befassen. Und die sind hier, in Berlin.
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