TW exklusiv: Kredite gegen die Krise

Corona-Hilfen: Das haben Händler und Hersteller bekommen


Imago/Jan Hübner
Helfer in der Not: Die Staatsbank KfW hat 4003 Modeunternehmen Kredite in Höhe von insgesamt 2,06 Mrd. Euro bewilligt.
Helfer in der Not: Die Staatsbank KfW hat 4003 Modeunternehmen Kredite in Höhe von insgesamt 2,06 Mrd. Euro bewilligt.

Hoher Finanzierungsbedarf in der Modebranche. Zahlreiche Unternehmen haben in der Krise neue Mittel aufnehmen müssen. Das zeigen eine exklusive TW-Auswertung der Beihilfe-Transparenzdatenbank der EU und aktuelle Zahlen der Bundesregierung. Prominente Beispiele sind u.a. Galeria Karstadt Kaufhof, Görtz, Ludwig Beck und Adler. Fast alle Darlehen stammen von der Staatsbank KfW.

Die TextilWirtschaft hat die am 6. Mai gestartete Beihilfentransparenz-Datenbank der EU-Kommission nach Händlern und Herstellern von Bekleidung, Schuhen und Textilien in Deutschland und Österreich eingesehen.

Dabei zeigt, dass der Löwenanteil der Corona-Hilfen von der Staatsbank KfW kam, und zwar 2,06 Mrd. Euro, die an 4003 Unternehmen gingen. Die LfA Förderbank gewährte 243 Firmen insgesamt 118 Mio. Euro. Vom Bundesfinanzministerium wurden weitere 500 Mio. Euro zur Verfügung gestellt. Hinzu kommen 100 Mio. Euro des Großbürgschaftsprogramms des Bundeswirtschaftsministeriums sowie Überbrückungshilfen, die sich bis dato auf 519 Mio. Euro belaufen und ebenfalls vom Bundeswirtschaftsministerium gewährt wurden. Diese beiden sind nicht in der Datenbank aufgeführt. Die TW erhielt diese Zahlen vom Bundeswirtschaftsministerium.

Ein Blick auf die KfW-Zahlen zeigt, dass die Hilfen an die Unternehmen in sehr unterschiedlichen Höhen vergeben wurden: Lediglich 25 Antragsteller haben mehr als 10 Mio. Euro überwiesen bekommen. Rund 3 bis 10 Mio. gingen an 55 Betriebe. Rund 1 bis 3 Mio. Euro wurden 144 Händler bzw. Hersteller gewährt. 323 Modeanbieter haben eine Summe zwischen 500.001 Euro und einer 1 Mio. Euro bezogen. 300.001 bis 500.000 Euro flossen an 356 Firmen. Bis zu 300.000 Euro erhielten 3180 Unternehmen.

Der Löwenanteil von rund 1,3 Mrd. Euro ging an Einzelhändler. Bis dato an 3074. Etwas mehr als ein Drittel der Corona-Hilfen floss an die Modeindustrie: 690 Unternehmen wurden Kredite in Höhe von 701 Mio. Euro gewährt. Im Schnitt hat jeder aus der Modebranche stammende Kreditnehmer 513.365 Euro von der KfW erhalten.

Insgesamt hat die Staatsbank bisher über alle Branchen hinweg 51,3 Mrd. Euro an Corona-Soforthilfen gewährt. Davon entfielen 4% auf die Modebranche.



Die Zahlen der EU-Datenbank sind vorläufig, da die EU noch nicht alle Beihilfen in das öffentlich zugängliche Register eingetragen hat. Und auch nicht weiß, wie lange dieser Prozess noch dauert. "Die Datenbank wird laufend aktualisiert. Jedweder Überblick wird auf absehbare Zeit nicht abschließend sein", teilte ein Sprecher der EU-Kommission mit.

Top-Hilfeempfänger

Auch wenn die Statistik noch nicht komplett ist. Es ist bereits abzusehen, dass Galeria Karstadt Kaufhof bislang mit großem Abstand die höchste Corona-Hilfe erhalten hat. Der Essener Kaufhausbetreiber bekam vom Bundesfinanzministerium eine Beihilfe in Höhe von 460 Mio. Euro, und zwar im Rahmen einer sogenannten Kapitalintervention. 

Damit ist das Nachrangdarlehen gemeint, über das die TextilWirtschaft bereits im Februar dieses Jahres berichtet hatte. Demnach darf Galeria Karstadt Kaufhof die Mittel ausschließlich zur Überwindung von Liquiditätsengpässen und zur Finanzierung der für den Geschäftsbetrieb notwendigen Betriebsmittel einsetzen. Das Geld stammt aus dem Wirtschaftsstabilisierungsfonds der Bundesregierung, der einen Gesamtumfang von 600 Mrd. Euro hat.

Möglicherweise erhält der Warenhauskonzern schon bald weitere Staatsgelder: Nach Informationen des Handelsblatt verhandelt die GKK-Führung derzeit mit der Bundesregierung über ein Darlehen in einer Größenordnung von rund 110 Mio. Euro.

Weitere prominente Kreditnehmer sind u.a. der Hamburger Schuhfilialist Görtz und der Münchner Kaufhausbetreiber Ludwig Beck. Görtz hat sich im April einen Unterstützungskredit in Höhe von 28 Mio. Euro gesichert. Das Geld stammt vom Wirtschaftsstabilisierungsfonds (WSF) der Bundesregierung. 

Neben den Krediten nutzte Görtz Steuerstundungen und Kurzarbeit, um die harten Zeiten zu überleben, wie CEO Frank Revermann Ende 2020 im Interview berichtete. Görtz betreibt 180 Stores, von denen sich viele in Top-Citylagen, an Bahnhöfen und in Shopping-Centern befinden, die während der heißen Homeoffice-Phase und des Lockdown Lights besonders unter Frequenzverlusten von bis zu 70% und damit Umsatzeinbrüchen gelitten haben.

Noch stärker schrumpften die Erlöse freilich während der Shutdowns. Immerhin konnte ein Teil durch das Online-Geschäft kompensiert werden. Laut Reverman ist der Anteil des E-Commerce am Gesamtumsatz 2020 von 15% auf 25% gestiegen.

LfA leiht Ludwig Beck 10 Mio. Euro

Das auf Mode spezialisierte Traditionskaufhaus Ludwig Beck hat bei der LfA Förderbank ein mittelfristiges Darlehen in Höhe von 10 Mio. Euro aufgenommen. Hintergrund war der Absturz der Verkaufszahlen im stationären Geschäft, der nicht nur durch die beiden Shutdowns, sondern auch durch die Absage des Oktoberfests verursacht wurde, das erfahrungsgemäß ein großer Frequenzbringer ist. Schließlich strömen für das Volksfest Millionen Touristen in die Landeshauptstadt.

Die beiden Faktoren sorgten dafür, dass das börsennotierte Handelsunternehmen, das neben dem Stammhaus in der Münchner Innenstadt auch zwei Online-Shops (Mode und Kosmetik) betreibt, das Geschäftsjahr 2020 mit einem Netto-Umsatzminus von 36% auf 51,5 Mio. Euro abschloss. Dadurch fiel ein Verlust von 1,7 Mio. Euro nach Steuern an. 2019 hatte Ludwig Beck - ohne den mit Verlusten abgestoßenen Männermode-Filialisten Wormland - noch einen Gewinn von 3,4 Mio. Euro erwirtschaftet.     
Die finanzielle Situation wurde im Krisenjahr 2020 dadurch zusätzlich erschwert, dass Unternehmen von der Größe Ludwig Becks damals noch keinen Anspruch auf Fixkostenerstattungen im Zuge der Überbrückungshilfe III hatten. Somit konnten die Auswirkungen der Corona-Pandemie nur durch Kurzarbeitergeld gemindert werden.

Inzwischen ist Ludwig Beck in puncto Überbrückungshilfe antragsberechtigt. Ob die beantragten Summen auch wirklich fließen, steht noch nicht fest. Die Chancen dürften aber gut sein. Schließlich ist die finanzielle Schieflage immer noch beträchtlich: Im ersten Quartal ist der Umsatz um knapp 57% auf 6,7 Mio. Euro eingebrochen. Dadurch hat sich der Verlust nach Steuern fast verdoppelt.

Neben Krediten haben die Modeunternehmen hierzulande auch Bürgschaften und sogenannte Zinszuschüsse erhalten. Mit Letzterem ist der Finanzierungsvorteil für den Kreditnehmer gemeint, der dadurch entsteht, dass staatliche Finanzierungseinrichtungen wie Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) ihre Refinanzierungsvorteile gegenüber kommerziellen Banken an den Kreditnehmer weitergeben, teilte die Staatsbank auf Anfrage der TW mit. Die Datenbank listet nur bei zwei kleineren Händlern auch die dazugehörigen Kredite auf. So lässt sich vielfach nur spekulieren, wie hoch sich die Empfänger der Zinszuschüsse effektiv verschuldet haben.

Bürgschaften

Zum jetzigen Stand hat die LfA Förderbank zwei Modeunternehmen Bürgschaften gewährt, und das jeweils in zweistelliger Millionen-Euro-Höhe. Beim Textil-Discounter NKD beläuft sich der Betrag auf 22,5 Mio. Euro. Was für ein Darlehen damit abgesichert wurde, ist nicht bekannt. Gemessen am Jahresumsatz von zuletzt 737 Mio. Euro (2019) fällt die Bürgschaft aber bescheiden aus. Die Pressestelle von NKD will sich zu dem Kredit nicht äußern.

Die Bindlacher haben besonders unter den beiden Shutdowns gelitten. Schließlich betreibt das Unternehmen deutschlandweit 6300 Filialen. Der Online-Shop dürfte nur einen geringen Anteil der stationären Umsatzverluste ausgeglichen haben. Der Grund: Die meisten Produkte sind nicht viel teurer als die Versandkosten (4,95 Euro) oder gar günstiger. Das macht den Online-Kanal für viele Kunde unattraktiv. Auf der anderen Seite ist es für Discounter generell schwierig, angesichts der niedrigen Bons das Online-Geschäft rentabel zu betreiben. Die Rechnung geht in der Regel nur dann auf, wenn die Kunden die Ware gebührenfrei in die Filialen bestellen - und bei der Gelegenheit noch weitere Produkte kaufen. Dazu müssen die Geschäfte freilich geöffnet sein.

Beim Modefilialisten Adler beläuft sich die Bürgschaft auf 30,57 Mio. Euro. Hinzu kommen Unternehmensangaben zufolge mehrere Mio. Euro, für die das Bundesland NRW geradesteht. In der Beihilfen-Datenbank taucht dieser Betrag noch nicht auf.

Laut Adler bürgen Bayern und NRW für 90% eines Bankenkredit, der sich auf 45 Mio. Euro beläuft. Dieser bildet eine von drei Tranchen einer Finanzierungszusage von 69 Mio. Euro, die der Best Ager-Spezialist im Mai 2020 ausgehandelt hatte.


Die erste Tranche umfasste 15 Mio. Euro und war einem Sprecher zufolge "nicht mit Garantien hinterlegt". Diese sei nur "zu einem kleinen Teil" in Anspruch genommen worden, weil die Tranche an bestimmte operative Entwicklungen gebunden gewesen sei. Diese Bedingungen konnten wegen des verlängerten Shutdowns nicht erfüllt werden, so der Sprecher weiter.

Das Gleiche gelte für die restlichen 9 Mio. Euro (Tranche 3). Sie wären ebenfalls nicht abgesichert gewesen. Der 45-Mio. Euro-Kredit, für den Bayern und NRW gerade stehen, sei aber in voller Höhe abgerufen worden.

Mitte Mai hat Adler die Zusage für einen staatlichen Unterstützungskredit über 10 Mio. Euro erhalten. Das Geld kommt vom Wirtschaftsstabilisierungsfonds (WSF) der Bundesregierung und wurde laut Adler aufgrund der verschärften Lockdown-Situation gewährt. Insofern habe er inhaltlich nichts mit dem besagten 69 Mio. Euro-Kredit zu tun.

Der Modefilialist hatte im Januar dieses Jahres Insolvenz angemeldet hat, um sich in Eigenverwaltung zu sanieren. Inzwischen steht fest, dass das Berliner Unternehmen Zeitfracht Logistik Holding als Investor bei Adler einsteigt.

Überbrückungshilfen

Über Kredite, Zinszuschüsse und Bürgschaften hinaus haben viele Modeunternehmen das Modell der Überbrückungshilfe der Bundesregierung genutzt. Die Hilfen belaufen sich nach Auskunft des Bundeswirtschaftsministerium bis dato auf rund 519,5 Mio. Euro und setzen sich folgendermaßen zusammen:

  1. An Überbrückungshilfe I wurden bislang rund 7,35 Mio. Euro ausgezahlt. Die Summe könnte sich noch erhöhen, da 1087 Anträge mit einem Volumen von knapp 8,5 Mio. Euro gestellt wurden.
  2. Überbrückungshilfe II: Ausgezahlt wurden bisher 37,11 Mio. Euro. Das Antragsvolumen beläuft sich auf 39,37 Mio. Euro.
  3. Überbrückungshilfe III: Hier stehen Auszahlungen in Höhe von rund 474 Mio. Euro einem Antragsvolumen von knapp 855 Mio. Euro gegenüber.

Die Bundesregierung hat die Überbrückungshilfen kürzlich bis Ende September verlängert. Das Programm heißt jetzt Überbrückungshilfe III Plus. Die Gelder können sowohl von Unternehmen als auch von Solo-Selbstständigen beantragt werden. Die Förderbedingungen bleiben gleich. Neu ist eine Restart-Prämie, mit der Unternehmen einen höheren Zuschuss zu den Personalkosten erhalten können.

Mit den Überbrückungshilfen greift die Regierung Firmen finanziell unter die Arme, die wegen der Schließungsanordnungen der Behörden Umsatzeinbußen von mindestens 30% hatten und somit Fixkosten wie Miete und Strom nicht bezahlen konnten. Die Antragsfrist endet am 31. August.

Großbürgschaftsprogramm

Das Wirtschaftsministerium vergibt nicht nur Überbrückungshilfen, sondern auch sogenannte Großbürgschaften. Aus diesem Paket hat ein vom Ministerium nicht namentlich genannter Modehändler über 100 Mio. Euro erhalten. 

Das Großbürgschaftsprogramm kommt bei Bürgschaften von über 20 Mio. Euro in strukturschwachen Gebieten zum Tragen. Der Bund übernimmt dann 50% des sogenannten Bürgschaftsobligo. Außerhalb strukturschwacher Regionen sichert der Bund Betriebsmittelfinanzierungen und Investitionen ab einem Bürgschaftsbedarf von 50 Millionen Euro ab. Die Bürgschaften können bis zu 90% des Kreditrisikos abdecken. Die jeweilige Hausbank muss die restlichen 10% übernehmen. 

Durch diese 100 Mio. Euro, die 519 Mio. Euro Überbrückungshilfen sowie die Kredite, Zinszuschüsse und Bürgschaften von KfW, LfA und des Finanzministeriums (Wirtschaftsstabilisierungsfonds) erhöht sich der Gesamtbetrag der bislang gewährten Corona-Hilfen in der Modebranche auf 3,25 Mrd. Euro.

Weitere Zahlen und Namen finden Sie in der öffentlich zugänglichen Beihilfentransparenz-Datenbank der EU-Kommission

Die Corona-Hilfen im Überblick


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