#75JahreTW: Thomas Köppe, Programmierer für Künstliche Intelligenz bei Google

"KI? Ist wie der Schritt von der Sense zum Mähdrescher"

privat
Programmiert für Google Künstliche Intelligenz: Thomas Köppe
Programmiert für Google Künstliche Intelligenz: Thomas Köppe

Ist KI die Designerin von morgen? Ein Gespräch mit Thomas Köppe, Programmierer für Künstliche Intelligenz bei Google, über Angst, Ablaufoptimierung und zu viele freie Parameter bei der Hose.

Mode? Ist für Thomas Köppe (40) kein Thema. Aber bei Hochzeiten darf es gerne mal ein Frack sein. Der KI-Programmierer, der in Cambridge und in Edinburgh Mathematik studiert hat, kauft Kleidung am liebsten bei Marks & Spencer ein – und zwar ausschließlich stationär. Der zweifache Familienvater, der für Google in London überwiegend Simulationen für die KI-Forschung baut, findet, dass man keine Angst vor KI haben sollte.

TextilWirtschaft: Herr Köppe, wie kaufen Sie Mode?
Thomas Köppe:
Selten.

Online oder stationär?
Für mich selbst habe ich Kleidung noch nie online bestellt.

Warum nicht?
Wenn ich Klamotten kaufe – wie neulich eine neue Anzughose bei Marks & Spencer für die Hochzeit meines Schwagers –, dann will ich sie auch anprobieren. Und zu Hause habe ich keine Lust, Sachen, die nicht passen, wieder zurückzuschicken. Hosen passen sowieso fast nie. Hosen haben zu viele freie Parameter.

Freie Parameter, können Sie das genauer erklären?
Die genaue Form einer Hose ist von vielen verschiedenen Maßen bestimmt, die man meistens bei einer Online-Bestellung gar nicht einsehen oder auswählen kann und die man auch mitunter gar nicht so einfach ausmessen könnte, selbst wenn man wollte. Ob ein bestimmter Schnitt passt, kann man also leicht ausprobieren, aber nur sehr schwer vermitteln.

Da spricht der Programmierer. Könnte Kleidung denn mithilfe Künstlicher Intelligenz entworfen werden?
Ich habe keine Zweifel daran, dass das möglich wäre.

Aber?
KI könnte zwar durchaus Einzelheiten beitragen und auch überraschende neue Kombinationen, aber wahrscheinlich nicht den Hauptteil der kreativen Leistung. Die Richtung und der Antrieb müssen schon vom Designer kommen. Aber die KI kann die Arbeit vereinfachen. Zum Beispiel könnte der Designer bestimmte Stilelemente vorgeben und das Computerprogramm könnte dann daraus eine ganze Reihe von vollständigen Produkten ableiten.

In welchen Bereichen ist KI für die Modebranche noch sinnvoll?
In Empfehlungssystemen steckt zum Beispiel viel KI drin. Das bietet viel Potenzial. Eine intelligente Datenanalyse könnte Firmen auch bei ihrer Retail-Expansion unterstützen. Darüber hinaus geht es in Unternehmen oft um die Ablaufoptimierung, auch hier kann KI helfen. Sie kann Muster in großen Datenmengen erkennen, es gibt genügend Standardsoftware dafür, die man in der Cloud mieten kann. Man findet mittlerweile auch genug Leute, die solche Systeme programmieren können. Die Schlussfolgerung aus dem Ergebnis muss aber der Mensch immer noch selbst ziehen. KI entdeckt, der Mensch übersetzt die Zusammenhänge. Ich glaube nicht, dass wir Angst davor haben müssen, dass Menschen ersetzt werden.

Entwickeln Sie selbst auch KI-basierte Systeme zur Ablaufoptimierung?
Nicht persönlich, aber mein Arbeitgeber hat verschiedene Projekte in dem Gebiet. Zum Beispiel haben wir die Kühlung in Rechenzentren optimiert, und wir steuern Empfehlungen im Android Play Store bei. Oft entwickeln wir Simulationen für Forscher, die ihre Grundlagenforschung damit testen wollen. Dann gibt es keine Anforderung, dass die Sache direkt etwas bringt.

Welcher KI-Vorstoß hat Sie bisher am meisten beeindruckt?
DeepMind – Google hat dieses Unternehmen, das KI programmiert, 2014 übernommen – hat es geschafft, mit neuronalen Netzwerken eine übermenschliche Computerlösung für das strategische Brettspiel "Go" zu entwickeln. Go hat zwar wenige Regeln, ist aber um ein Vielfaches komplexer als etwa Schach. 2016 hat das Programm den dreifachen europäischen Go-Meister Fan Hui mit 5:0 geschlagen. Das gab es zuvor noch nicht und hat für viel Aufsehen gesorgt. Das ist beeindruckend.

Was würden Sie Skeptikern sagen, die KI verteufeln?
KI ist ein weites Feld in der Informationsverarbeitung, das in vielen Lebensbereichen Anwendung finden kann und wird und das uns helfen kann, unsere immer komplexere Welt zu bewältigen. Man könnte sie etwa mit dem Schritt von der Sense zum Mähdrescher im Ackerbau vergleichen. KI wird gewiss allgegenwärtig werden, und man wird sie an vielen Stellen nicht missen wollen – vielleicht auch nicht in der Mode.
Ohne Ziel

Unsere Autorin Sarah Speicher-Utsch hat sich nach dem Teams-Meeting mit Thomas Köppe vorgenommen, öfter mal so zu arbeiten wie ein KI-Programmierer bei Google: Einfach mal was testen, ohne Anforderung, ohne konkretes Ziel. Denn dann, findet Köppe, kämen oft die lustigsten Sachen dabei heraus.

Zum Jubiläum der TextilWirtschaft haben wir ganz bewusst den Austausch mit denen gesucht, die sich nicht inmitten der Mode bewegen – aber der Mode viel zu sagen haben. Mehr Portraits und Interviews finden Sie hier. Die gesamte Ausgabe: Jetzt im E-Paper lesen
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