#75JahreTW: Jhorna Das und Israt Jahan, Textilarbeiter aus Bangladesch

"Am Anfang der Corona-Krise hatte ich große Angst"

Denim Expert
Jhorna Das ist 28 Jahre alt und arbeitet in der Qualitätssicherung bei Denim Experts. Sie verdient umgerechnet 140 Euro im Monat.
Jhorna Das ist 28 Jahre alt und arbeitet in der Qualitätssicherung bei Denim Experts. Sie verdient umgerechnet 140 Euro im Monat.

Unmenschliche Arbeitsbedingungen, Kinderarbeit, vergiftete Flüsse und nicht zuletzt der Brand im Rana Plaza, bei dem mehr als 1000 Menschen starben: Made in Bangladesh hat in der Öffentlichkeit einen schlimmen Ruf. Wann immer es um Billigmode und Nachhaltigkeit geht, geht es auch fast immer um die Ausbeutung von Mensch und Natur in Bangladesch. Vieles daran ist wahr: Die Korruption ist hoch, die Schere zwischen Arm und Reich riesig, die Umweltverschmutzung immens.

Und trotzdem gibt es auch die andere Seite. Fabriken, in denen Menschen ganz normal und auch gerne arbeiten. Menschen, die stolze Bengalis sind und ihrer Familie ein Leben in Würde ermöglichen möchten. Sie sind das Rückgrat einer globalisierten Modebranche – kommen aber in der Berichterstattung selten vor.

Genau diese Menschen einmal kennenzulernen, mit ihnen zu reden und ihren Alltag in die Öffentlichkeit zu tragen – das war mein Wunsch für diese besondere Jubiläums-Ausgabe der TextilWirtschaft. Es geht dabei nicht darum, etwas zu beschönigen. Es geht darum, den Arbeitern ein Gesicht zu geben.

Wie kommt man nun in Kontakt mit einfachen Arbeitern in einem 7000 km entfernten Land? Selbst hinfliegen scheidet in Pandemie-Zeiten aus. Bleibt nur ein Video-Meeting. Die Suche beginnt und erweist sich als hindernisreich. Die meisten Fabrikbesitzer haben Angst, ihre Leute den Fragen eines Journalisten preiszugeben.

Israt Jahan ist 21 Jahre und arbeitet als Näherin. Sie verdient umgerechnet 120 Euro im Monat.
Denim Expert
Israt Jahan ist 21 Jahre und arbeitet als Näherin. Sie verdient umgerechnet 120 Euro im Monat.
Nach monatelangem Hin und Her gibt es schließlich eine sehr spontane und wie selbstverständliche Zusage von Mostafiz Uddin, Chef des Jeans-Produzenten Denim Expert und einer der bekanntesten Köpfe der Textilindustrie des Landes.

Schließlich treffe ich Jhorna Das und Israt Jahan. Jhorna Das ist 28, verheiratet, hat einen Sohn und ist seit elf Jahren bei Denim Expert. Sie arbeitet in der Qualitätssicherung und verdient umgerechnet 140 Euro im Monat. Israt Jahan ist 21 Jahre und arbeitet seit fünf Jahren. Es ist ihr erster Job als Näherin und sie verdient 120 Euro im Monat.

TextilWirtschaft: Was genau ist Ihre Arbeit in der Fabrik?
Jhorna Das: Ich arbeite jetzt seit elf Jahren hier und bin in der Qualitätskontrolle. Ich verdiene umgerechnet 140 Euro im Monat.
Israt Jahan: Ich bin jetzt seit fünf Jahren hier und arbeite als Näherin. Es ist mein erster Job und ich verdiene 120 Euro im Monat.

Wissen Sie, wie viel die Produkte, die Sie nähen, in den Läden im Westen kosten?
Nein.


Ich rufe Sie aus Deutschland. Was verbinden Sie mit Deutschland?
Jhorna Das: Nicht viel. Nur, dass die Menschen dort sehr nett und sehr reich sein sollen. Und ich weiß natürlich, dass unsere Kunden Takko und New Yorker aus Deutschland sind.

Wie verbreitet ist es in Bangladesch in der Textilindustrie zu arbeiten?
Sehr. Ich kenne viele Familien, die in der Industrie arbeiten. Ich glaube, es arbeiten über vier Millionen Menschen im Textilsektor.

Sind Sie schon gegen das Corona-Virus geimpft?
Nein, noch nicht. Aber die Regierung hat versprochen, dass das bald passieren wird.


Wie sehr trifft Sie die Pandemie?
Bei der Arbeit an sich hat es keine Auswirkungen. Aber als die Corona-Krise anfing, haben auf einmal alle Einkäufer ihre Aufträge storniert. Da war die Fabrik für zwei Monaten geschlossen und ich hatte große Angst.

Und dann?
Dann hat es sich beruhigt und viele Kunden haben trotzdem bezahlt. Jetzt ist die Situation wieder normal.

Israt Jahan (links) und Jhorna Das arbeiten bei dem Jeans-Produzenten Denim Expert, einem der Vorreiter in Sachen Transparenz und Nachhaltigkeit in Bangladesch.
Denim Expert
Israt Jahan (links) und Jhorna Das arbeiten bei dem Jeans-Produzenten Denim Expert, einem der Vorreiter in Sachen Transparenz und Nachhaltigkeit in Bangladesch.
Fühlen Sie sich eigentlich arm?
Israt Jahan: Nein.

Wie sind Sie an Ihren Job gekommen?
Ich habe auf der Straße ein Plakat mit einer Anzeige von Denim Expert gesehen und mich dann beworben.

Wie einfach oder schwer ist es, einen neuen Job zu finden?
Jhorna Das: Das ist sehr einfach, es gibt ja in ganz Bangladesch Tausende Fabriken. Es gibt viele Jobs für fleißige Arbeiter. Ich war sogar schon mal Arbeiterin des Jahres in meinem Betrieb.


Was mögen Sie an Ihrer Arbeit?

Ich mag das Betriebsklima und die Tatsache, dass Frauen und Männer zusammenarbeiten und gleich viel verdienen.

Für welche Auftraggeber arbeiten Sie am liebsten?
Israt Jahan: Ich mag am liebsten Takko, Zara und H&M.

Und warum?
Weil die uns immer besonders große Aufträge geben. Daran können wir dann teilweise einen Monat arbeiten und ich muss mich nicht andauernd wieder umgewöhnen.


Tragen Sie die Mode, die Sie nähen, auch selbst?
Jhorna Das: Ja, aber nur zu Hause. Draußen geht das nicht, weil das nicht unserer Kultur entspricht und man unangenehm auffallen würde.
Israt Jahan: Ja, das stimmt leider. Schade, ich würde die Sachen gerne auch auf der Straße tragen.

Haben Sie sich jemals gefragt, warum westliche Unternehmen die Fabriken in Bangladesch brauchen, um ihre Mode zu produzieren. Und warum sie es nicht selbst tun?
Ich glaube sie tun es, um uns zu helfen und weil es bei uns so günstig ist.

Wissen Sie eigentlich, dass viele Sachen, die Sie nähen, in Europa sehr günstig angeboten werden und manchmal nach nur einmaligem Tragen weggeschmissen oder nie wieder angezogen werden?
Jhorna Das: Ja, davon haben wir gehört. Es ist mir egal, ich hänge nicht besonders an den Sachen.

Immer wieder wird kritisiert, dass in den Produktionsländern zu wenig Geld hängen bleibt. Die Clean Clothes Campaign hat diese Aufteilung errechnet.
Clean Clothes Campaign
Immer wieder wird kritisiert, dass in den Produktionsländern zu wenig Geld hängen bleibt. Die Clean Clothes Campaign hat diese Aufteilung errechnet.
Was tragen Sie privat für Bekleidung?
Zu Hause trage ich meistens legere Bekleidung, Kleider, T-Shirts. Manchmal kaufe ich mir die Sachen, manchmal nähe ich auch selbst. Ich gönne mir etwa alle zwei Monate etwas Neues und habe etwa 80 bis 90 Teile im Schrank.
Israt Jahan: Bei mir sind es sicher 70 oder 80 Teile.

Wie viel kostet denn ein neues Teil?
Das ist unterschiedlich, zwischen 80 Cent und 1,50 Euro.

Wie sind Ihre Arbeitszeiten geregelt?
Wir arbeiten sechs Tage pro Woche jeweils acht Stunden. Wenn viel zu tun ist, machen wir auch mal Überstunden, aber höchstens zwei pro Schicht. Das Gute ist: Die Überstunden werden doppelt bezahlt. Und wir haben eine Stunde Mittagspause.

Was ist, wenn Sie krank sind?
Dann werden wir trotzdem bezahlt.

Wie viel Urlaub haben Sie?
14 Tage im Jahr. Hinzu kommen nochmal ungefähr zwei Feiertage pro Monat.

Finden Sie die Bedingungen fair?
Jhorna Das: Ja, natürlich wäre es immer schöner, mehr zu verdienen, aber insgesamt ist es fair. Außerdem habe ich ja die Möglichkeit, mich hochzuarbeiten. Als Supervisor zum Beispiel verdient man 300 Euro.

In Europa wird sehr stark über das Thema Nachhaltigkeit diskutiert. Was glauben Sie, welche Auswirkungen die Industrie auf die Umwelt hat?
Meine größte Sorge sind die Überschwemmungen. Früher gab es alle fünf Jahre welche, heute jedes Jahr. Die Temperaturen steigen immer mehr an, wir müssen unbedingt mehr Bäume pflanzen.

Wissen Sie, dass "Made in Bangladesh" in Europa eher einen schlechten Ruf hat, weil viele Menschen es mit schlechten Bedingungen, dem verheerenden Feuer im Rana Plaza oder Ähnlichem verbinden?
Rana Plaza ist wirklich ein schlimmes Kapitel gewesen. Seitdem ist das Image von Made in Bangladesh schlecht. Und es gibt viele neue Regeln. Die Arbeitgeber müssen sich nun viel Mühe geben für mehr Sicherheit, um Vertrauen zu gewinnen.

Was machen Sie im Urlaub oder wenn Sie freihaben?
Jhorna Das: Ich mag es, mich dann um meinen zehnjährigen Sohn zu kümmern und ihm ein richtig schönes Essen zu kochen.
Israt Jahan: Ich gehe dann gerne mit meinem Freund zum Markt.

Sind Sie eigentlich auf Social Media?
Jhorna Das: Nein, dafür habe ich keine Zeit.
Israt Jahan: Nein, ich habe damit aufgehört.

Wie wohnen Sie?
Jhorna Das: Unsere Wohnung hat zwei Räume, einer davon ist für unseren Sohn. Wir wohnen nur fünf Minuten entfernt von der Fabrik.
Israt Jahan: Ich wohne mit meinem Onkel und meinem Bruder zusammen. Mein Onkel lebt in einem Raum, mein Bruder und ich in dem anderen. Wir zahlen etwa 35 Euro Miete und können trotzdem etwas sparen.

Möchten Sie, dass Ihre Kinder auch in der Textilindustrie arbeiten?
Jhorna Das: Nein, auf keinen Fall. Ich möchte, dass sie mehr Bildung bekommen und dann Doktor oder Ingenieur werden.

Was würden Sie selbst am liebsten machen?
Ich wäre gerne Beamtin.

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