Eberswalder Modehändlerin wünscht sich mehr Unterstützung von Marken für Online

Heike Kräft: "Wir können das schaffen"

Modehaus Kräft
Heike und Tom Kräft haben nach der Wende in Eberswalde, nordöstlich von Berlin, erst ein Wäsche-, dann ein Premiummodegeschäft aufgebaut.
Heike und Tom Kräft haben nach der Wende in Eberswalde, nordöstlich von Berlin, erst ein Wäsche-, dann ein Premiummodegeschäft aufgebaut.

Das Modehaus Kräft in Eberswalde gibt es seit 1991. Entstanden aus einem kleinen Wäschegeschäft auf 45m², werden heute auf drei Etagen und rund 1000m² Fläche Premium-Labels für Damen und Herren verkauft, darunter Hugo Boss, Luisa Cerano, Marc Cain, Tommy Hilfiger, Drykorn und Marc O'Polo.

Auch eine Wäscheabteilung gibt es noch, und seit 2010 verkauft Inhaberin Heike Kräft unter Chantaldessous.de Wäsche und Dessous, u.a. von Felina, Primadonna, Mey, Anita, Marie Jo, Simone Pérèle, Wolford und Andres Sarda online. Seit wenigen Monaten ist auch das Modehaus mit einer neuen Seite unter Mode-Kräft.de im Netz vertreten, auf der Heike Kräft nun, da ihr Geschäft geschlossen hat, zunehmend auch die Bekleidung verkaufen will. Allerdings gibt es dabei einige Hindernisse, wie sie im Gespräch mit der TW berichtet.

TextilWirtschaft: Frau Kräft, wie ist die Situation in Ihrem Unternehmen?
Heike Kräft: Das Modehaus ist geschlossen, unsere 15 Mitarbeiter sind in Kurzarbeit, in der Logistik arbeitet eine Notbesetzung. Mit dem Vermieter stehen wir noch in Verhandlungen, die sich schwierig gestalten, aber wir müssen das ganz sachlich angehen. Unsere Energie ging in den letzten Tagen vor allem in den E-Commerce und die sozialen Medien. Mit Instagram haben wir erst kürzlich begonnen. Ich muss einfach was tun, um mit den Kunden in Kontakt zu bleiben. Auch wenn es nicht immer hochprofessionell ist.

Wie meinen Sie das?
Wir haben zum Beispiel ein Video gedreht, das uns hinter den Kulissen zeigt, wie wir Ware verschicken. Das hat keine tolle Qualität, aber wir wollen nahbar und weiter präsent sein.

Wie läuft es denn online?
Mit dem Wäsche-Shop liegen wir im März auf Vorjahresniveau. Zum Glück verfügen wir über ein gut gefülltes und schon bezahltes Lager.

Zum Glück? Die meisten anderen Händler wären froh, derzeit nicht so viel on Stock zu haben.
Das stimmt. Vororders, die noch nicht geliefert wurden, haben wir auch erst einmal gestoppt. Aber durch unser vorhandenes Sortiment sind wir gut lieferfähig. In diesen finanziell schwierigen Zeiten größere Mengen nachordern, kann und will ich auch nicht. Lediglich Einzelbestellungen für Kunden ordern wir nach. In der Damen- und Herrenmode sieht die Welt ganz anders aus. Hier ist die Schließung gerade zum Höhepunkt des Wareneinganges gekommen. Dieses Warenlager ist noch nicht komplett bezahlt.

Sie starten nun auch mit dem Verkauf von Fashion übers Netz, hierbei ist sicher Ihr Know-how vom Wäsche-Shop von Vorteil?
Auf jeden Fall. Einen kompletten Online-Shop aufzubauen, das schafft man nicht in vier Wochen. Eigentlich wollten wir zunächst für das Modehaus ein digitales Schaufenster einrichten, der Verkauf stand nicht im Vordergrund. Jetzt brauchen wir aber jeden Euro Umsatz und wollen unseren Stammkunden die aktuelle Ware online präsentieren und natürlich auch verkaufen. Extrem wichtig ist dabei die Unterstützung der Lieferanten. Leider sind nicht alle hilfsbereit.

Inwiefern?
Wir benötigen für die Darstellung im Netz vor allem gute Produktfotos, am besten Freisteller. Viele Firmen stellen uns diese zur Verfügung oder wir laden sie bei der FashionCloud herunter. Selbst Tommy Hilfiger, Drykorn und Luisa Cerano - Marken, die sonst eher restriktiv im Vertrieb sind - zeigten sich kulant und haben uns sofort Material geschickt. Allein Marc O'Polo weigert sich, was mich maßlos ärgert. Vor allem, weil das Unternehmen, mit dem ich seit vielen Jahren zusammenarbeite, es nicht begründet. Es heißt nur, man dürfe mir die Freisteller nicht schicken. Bei Fashion Cloud kann man nur fünf Fotos pro Monat herunterladen, die aber auch nicht für den Online-Verkauf benutzt werden dürfen. Wir könnten alles selbst fotografieren, aber dafür fehlt uns das Equipment. Das Problem mit Marc O'Polo besteht schon länger, aber jetzt in diesen Zeiten wäre es wichtiger denn je, Unterstützung zu bekommen und alternative Verkaufskanäle zu nutzen. Unser Online-Shop ist doch keine Konkurrenz zu Marc O'Polo oder Zalando. Das könnten wir uns in der Werbung gar nicht leisten. Wir wollen unsere Kunden in der Region erreichen. Denn wir als regionaler Multilabel-Händler geben doch den Marken eine tolle Plattformen und bemühen uns täglich, in Kontakt mit ihnen zu bleiben. Unterstützung heißt für mich nicht nur, 30 Tage mehr Valuta einzuräumen, sondern eben auch bei solchen Dingen zu helfen.

Bereiten Sie sich auf die Wiedereröffnung des Ladens vor?
Ja wir befassen uns damit, was auch kompliziert ist, weil wir eigentlich nichts planen können. Es ist ja nicht sicher, wann genau wir wieder starten und auf welche Events und Anlässe wir dann setzen können. Das Themen Jugendweihe und Konfirmation, die hier in der Region eine große Rolle spielen, fallen aus, weil die Feiern abgesagt wurden. Wir setzen dann als nächstes auf die Abi-Feiern. Auch was mit der Herbst-/Winterware passiert, ist noch offen. Wir besprechen das jetzt mit jedem einzelnen Lieferanten.

Leider ist zu befürchten, dass viele Händler die Krise nicht überstehen werden. Wie ist Ihre Lage?
Wir sind gesund aufgestellt und können das schaffen. Es ist wichtig, einen solchen Standort hier in Ostdeutschland aufrecht zu erhalten; so viele im Premium-Segment gibt es hier nicht. Ich sehe jede Krise zudem immer auch als Chance. Zum einen werden viele richtig kreativ. Zum anderen diskutieren wir in der Branche seit Jahren über das falsche Saisontiming. Und jetzt können wir tatsächlich Ready-to-Wear anbieten. Wir sind endlich dichter an der Saison dran. Die Kundin kann, hoffentlich passenderweise, im Mai oder Juni das aktuelle Sommerkleid von Marc Cain kaufen. Und nicht schon im Februar. Wir wollen ja nicht, dass keine Ware mehr kommt, sondern dass sie zum richtigen Zeitpunkt kommt. Wir haben nur große Sorge, dass nach der Wiedereröffnung eine Reduzierungswelle folgt. Da wechseln wir aber alle nur Geld, und erwirtschaften keinen Rohertrag. Davon haben wir alle nichts. Hier müssen wir Lösungen finden.
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