TW 100: Javier Goyeneche, Ecoalf

"Deutschland ist unser wichtigster Auslandsmarkt"

Ecoalf
Javier Goyeneche hat Ecoalf 2009 gegründet mit dem Ziel, modische Bekleidung komplett aus recycelten Materialien zu produzieren. Jetzt arbeitet er an der ersten Möbel-Kollektion.
Javier Goyeneche hat Ecoalf 2009 gegründet mit dem Ziel, modische Bekleidung komplett aus recycelten Materialien zu produzieren. Jetzt arbeitet er an der ersten Möbel-Kollektion.

2021 hat sich Ecoalf-Gründer seinen Traum erfüllt: Eine Premium-Linie, bei der er auch preisintensive Technologien nutzen kann. Basis bleibt Oceanyarn aus dem Müll der Meere gewonnen wird. Mit der TW spricht Javier Goyeneche über den Start von Ecoalf 1.0, den deutschen Markt und die Pläne für 2022.

TextilWirtschaft: Sie haben Ihre im Herbst lancierte Premium-Linie Ecoalf 1.0 als Verkörperung Ihres Traums bezeichnet, der Qualität, Ästhetik und Innovation verbinden soll. Wie kommt Ihr Traum im Markt an?
Javier Goyeneche:
Dies ist die erste Saison, aber wir haben viele Neukunden gewonnen, die Ecoalf 1.0 erleben möchten. Die neue Linie kommt bei den Kunden vor allem in Deutschland, Österreich und der Schweiz, wo die Verbraucher umweltbewusster sind, sehr gut an.

Sie haben vor zwölf Jahren Ecoalf gegründet, um nachhaltige Materialien und Techniken ohne Kompromisse bei den Kosten einzusetzen. In welchen Bereichen mussten Sie die größten Abstriche machen?
Als Ecoalf im Jahr 2009 gegründet wurde, gab es nicht sehr viele recycelte Materialien und die wenigen, die verfügbar waren, hatten nur einen geringen Anteil an recyceltem Fasern. Damals begannen wir, stark in Forschung und Entwicklung zu investieren und bis haben heute mehr als 450 recycelte Stoffe auf den Markt gebracht. Ecoalf 1.0 entstand, damit wir dies auch weiterhin tun können, jedoch mit weniger Einschränkungen.

Neben dem eigenen Online-Shop und den 45 Ecoalf Flagship-Stores in Europa wird die Premium-Linie ausschließlich an sechs Multilabel-Stores, darunter KaDeWe, Breuninger und Hirmer, vertrieben. Warum sind Sie so selektiv?
Bei unserer Hauptkollektion und unserer Ecoalf 1.0-Premiumlinie steht - wie bei unserer Marke insgesamt - der Planet an die erster Stelle, deshalb versuchen wir, konsequent auf allen Kanälen so nachhaltig wie möglich zu agieren. Ecoalf 1.0 bietet eine kuratierte Auswahl für Herren und Damen sowie Accessoires und Schuhe. Wir bewegen und damit in höhere Preislagen und streben eine neue Kundenpositionierung an, deshalb sind wir sehr selektiv. Am wichtigsten aber ist, dass wir unseren Kunden den Wert jedes Stücks zeigen wollen.

Werden Sie den Kundenkreis erweitern?
Ja, das ist geplant. Ab Sommer 2022 wird beispielsweise Lodenfrey dazu kommen. Wir planen, Ecoalf 1.0 in ungefähr 140 Geschäften in ganz Europa anzubieten.


Nach welchen Kriterien wählen Sie Ihre Kunden aus?
Um Ecoalf 1.0 am besten zu repräsentieren, wählen wir Geschäfte die sich an einen High-End-Konsumenten richten, der unsere DNA versteht und Teil unseres nachhaltigen Lebensstils und unserer Vision sein möchte. Wir wollen uns mit Marken mit ähnlichen Preisen positionieren, immer in einem Umfeld, in dem unsere Linie richtig repräsentiert und verstanden wird.

Wie wichtig ist der deutsche Markt generell für Ecoalf?
Der deutsche Markt ist für uns ein sehr wichtiger Markt. Es ist stetig gewachsen, seitdem wir 2018 unseren Berliner Flagship-Store eröffnet haben. Inzwischen ist Deutschland unser wichtigster Markt nach Spanien!

Bislang konnte Ecoalf auch in der Pandemie weiter wachsen - 2020 sogar um 74 %. Wie hat es sich das vergangene Jahr entwickelt?
Wir hatten das große Glück, trotz der Pandemie im Jahr 2020 hervorragende Ergebnisse zu erzielen, Dank unseres hervorragenden Teams. Für das vergangene Jahr ehen wir von einem Umsatzzuwachs von 60% auf mehr als 40 Mio. Euro aus. Dabei wachsen wir auf allen Kanälen - mit unseren Retailpartnern, dem Online-Shop und den eigenen Läden. 

Inwieweit hat Corona das Bewusstsein der Kunden für Nachhaltigkeit geschärft?
Immer mehr Kunden verstehen, dass es nicht mehr allein entscheidend ist, was sie tun, sondern wie sie es tun und welchen Fußabdruck sie dabei auf dem Planeten hinterlassen. Bei Mode darf nicht mehr nur die Optik im Vordergrund stehen. Wir müssen ein nachhaltiges Geschäftsmodell entwickeln, in dem wir unsere Bedürfnisse mit denen der zukünftigen Generationen und des Planeten in Einklang bringen. Dies zu erkennen, war einer der wenigen positive Folgen der Pandemie. Wir müssen handeln und zwar schnell. Und wir können dies nur gemeinsam schaffen, indem wir Partnerschaften eingehen und Allianzen bilden, die den Wandel beschleunigen.

Ein Ziel von Ecoalf ist es auch, Altkleider zu sammeln und zu recyceln, um den Kreislauf zu schließen. Wie ist hier der aktuelle Stand?
Dies ist eines der größten Ziele für Ecoalf in den kommenden Jahren. Wir wollen kreislauffähig werden, indem wir einen Sammelservice in unseren Filialen anbieten und die Altkleider wieder zu hochwertigen Kleidungsstücken verarbeiten. Derzeit sind wir auf der Suche nach Partnern in Spanien und Deutschland, um ein erstes Pilotprojekt zu starten und hoffen, das es möglichst schnell skalierbar ist.

In einem aktuellen Report spricht Greenpeace von einem "Mythos der Nachhaltigkeit von zu Kleidung recycelten PET-Flaschen“, denn diese könnten nur Teil eines Kreislaufsystems sein, wenn sie zu neuen Flaschen verarbeitet werden. Das widerspricht Ihrem gesamten Geschäftsmodell. Oder hat Ecoalf eine Lösung dafür?
In diesem Bericht heißt es, dass wir, indem wir Einwegplastik ein zweites Leben geben, die Lebensmittel- und Getränkeindustrie aus der Verantwortung nehmen und ihnen Anreize bieten, weiter mit Einweg-Plastik zu arbeiten. Das ist falsch. Wir fördern keine Einwegkunststoffe, sondern wollen einfach unsere Ressourcen maximieren. Mit unserer Stiftung Upcycling the Oceans haben wir mehr als 700 Tonnen Abfall vom Meeresgrund gesammelt. Davon sind nur 10 % Plastikflaschen. Aber insgesamt 68% des gesammelten Abfalls aus Aluminium, Glas und Polypropylen werden recycelt.

Und was passiert mit dem Rest?
Wir sorgen für die ordnungsgemäße Entsorgung aller im Rahmen des Projekts gesammelten Abfälle und verwenden gleichzeitig GRS-zertifizierte Rohstoffe, die eine vollständige Rückverfolgbarkeit während des gesamten Textilherstellungsprozesses gewährleisten.
Außerdem verarbeiten wir nicht ausschließlich recycelte Plastikflaschen, sondern arbeiten mit verschiedenen recycelten Materiaien. Unsere Kleidung ist auch aus recycelter Baumwolle, recycelter Wolle, recyceltem Kaschmir, Post-Consumer-Kaffeesatz, Post-Industrial-Nylon, gebrauchten Reifen. Wir suchen eigentlich ständig nach Lösungen, bei denen wir bei der Herstellung unserer Produkte auf konventionelle, neue Materialien verzichten müssen. Unser Ziel ist es, den sorglosen Umgang mit natürlichen Ressourcen zu stoppen und außergewöhnliche Produkte herzustellen, während wir den Abfall beseitigen.

Welche Pläne haben Sie für 2022?
Im Jahr 2022 stehen große Projekte an. Eines, an dem wir seit 18 Monaten arbeiten, ist die Einführung einer neuen Möbellinie, die höchsten Umwelt- und Sozialstandards gerecht wird. In Zusammenarbeit mit dem zeitgenössischen mediterranen Möbelhersteller Viccarbe haben wir an einem modularen Sofa gearbeitet, das aus recycelten Materialien hergestellt und mit dem Anspruch entworfen wurde, sehr lange zu halten. Außerdem wird mit so wenig wie möglich Komponenten gearbeitet, um die Materialien am Ende des Lebenszyklus wieder leicht trennen und recyceln zu können. Das Sofa soll zum Salone del Mobile in Mailand im April auf den Markt gebracht werden. Außerdem wollen wir mit unserer Ecoalf Foundation das Upcycling the Oceans-Projekt weiter ausbauen. Unser Ziel ist es, mit mehr als 10.000 Fischern zusammenzuarbeiten und den Meeresboden des Mittelmeers bis 2025 zu reinigen.

Alle 100 Personen und Projekte finden Sie ab Mittwoch, 29. Dezember, 17 Uhr im E-Paper der TextilWirtschaft und ab Donnerstag, 30. Dezember in der gedruckten Ausgabe.



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