Ein Tagebuch

Picco-Store.de: Webshop in einer Woche

Pisco-Store
„Online – das ist jetzt gerade der einzige Ort, wo man Kunden abfangen kann“, sagt Michéle Zahn, Geschäftsführerin von Picco-Store in Aschaffenburg.
„Online – das ist jetzt gerade der einzige Ort, wo man Kunden abfangen kann“, sagt Michéle Zahn, Geschäftsführerin von Picco-Store in Aschaffenburg.

Eine Frau, ein Wort. Als der Lockdown da ist, macht Michéle Zahn Nägel mit Köpfen. Zwar Laie in IT-Fragen, dennoch zieht die Jungunternehmerin in nur wenigen Tagen im Alleingang einen Webshop für das Schuhgeschäft Picco-Store hoch, das sie in Aschaffenburgs Innenstadt betreibt.
Ein Tagebuch.

Schuhe sind ihre Leidenschaft. Michéle Zahn führt in Aschaffenburg das Schuhgeschäft Picco-Store. Kollektionen wie Voile Blanche, AGL, Marc Cain, Birkenstock, Kanna, Vagabond, Ugg, Superga und Kennel & Schmenger machen das Kernsortiment des kleinen Ladens auf der Steingasse aus, das Zahn mit viel Akribie mit den unterschiedlichsten Accessoires, außerdem mit Taschen von Brasi Brasi und Save my Bag sowie ausgewählten Kleidern, Hoodies und Shirts abrundet. Letztere ordert sie teils bei Labels wie Moss Copenhagen, Love & Divine oder Kompanie der Weltentaucher, teils direkt beim Großhandel.


Seit gut einem Jahr ist die 26-Jährige sehr aktiv auf Instagram, macht für mittlerweile über 4000 Follower tagtäglich zahlreiche Stories und verschickt auf Anfrage auch die Teile, die sie darin – meist an sich selbst – zeigt. Das läuft ganz gut, fünf bis sechs Bestellungen kommen über diesen Kanal im Schnitt pro Tag zusätzlich zum stationären Geschäft dazu.

Dann der Shutdown. Zwar hält die Community zu der stets fröhlich gestimmten Jungunternehmerin – am ersten Samstag nach dem Lockdown hat sie im Laufe des Tages 50 Pakete zu packen, bis dahin ein Rekord an eingegangenen Bestellungen. „Ich bin sehr dankbar, dass viele sich committen und hier Geld ausgeben“, sagt Michéle Zahn. Dennoch manifestiert sich auch bei ihr Ungewissheit, Unsicherheit, Existenzangst ob des nicht absehbaren Verlaufs der Corona-Krise. „Man hat halt diesen Druck und diese Ängste“, sagt sie.

Zahns Steuerberater beantragt umgehend die staatliche Finanzierungsspritze von 5000 Euro. „Es ist schön, dass man diese Unterstützung bekommt", so Zahn, „nichtsdestotrotz ist es ein Tropfen auf den heißen Stein.“ Neben Gesprächen mit den Vermietern sieht Zahn die Chance, über einen eigenen Webshop einen Teil der fehlenden stationären Umsätze aufzufangen. „Online – das ist jetzt gerade der einzige Ort, wo man Kunden abfangen kann“, sagt die gebürtige Alzenauerin. „Mich auf Plattformen wie schuhe24.de anzuschließen, ist für mich allerdings keine Option, ich möchte selbst Herr der Dinge sein, unabhängig bleiben.“

Tag 1: Dienstag, 17. März

Domain picco-store.de gekauft auf jimdo.de.

„Ich habe eine Freundin gefragt, die einen Blog hat. Sie hat mir jimdo.de empfohlen – weil das alles super einfach einzurichten ist, selbst für einen Laien wie mich. Und tatsächlich – man wird gut angeleitet.“

Das Angebot für die Domain gilt für ein Jahr, die Kosten: 215,99 Euro.

„Die Seite ist jetzt ein Jahr für mich geblockt, im zweiten Jahr kostet mich die Domain 315 Euro. Das Angebot ist für weitere 200 Euro aufstockbar auf Premium-Status. Aktuell können meine Kunden zum Beispiel nur per Paypal bezahlen, aber das passt so für den Moment.“

Tag 2: Mittwoch, 18. März 

„Das war der erste Tag, an dem ich den Laden schließen musste. An diesem Tag war ich eigentlich ausschließlich damit beschäftigt, im Store Instagram-Stories zu machen. Abends habe ich zu Hause dann aber gleich angefangen, erste Produkte auf die Seite zu stellen. Parallel habe ich bei meinen Lieferanten angefragt, ob sie mir Produktbilder und Texte zur Verfügung stellen können. Kurze, beschreibende Texte sind wichtig für die Kunden, insbesondere damit sie wissen, wie die Schuhe ausfallen.“

Da Michéle Zahn die Texte bis spät nachts zu Hause erstellt, dort aber die einzelnen Produkte nicht zur Hand hat, behilft sie sich damit, bei den Pure Playern nach den Schuhen zu suchen, um so alle wichtigen Kundeninformationen, etwa zum Material, zusammenzutragen. „Wie die einzelnen Schuhe ausfallen, weiß ich zum Glück aus dem Kopf.“

Pro Artikel kostet sie das Einstellen in den Shop gut 20 Minuten. „Wenn ich selbst noch Fotos machen muss, kann man noch einmal 15 Minuten dazurechnen.“ 

Die Produkte, von denen Zahn bereits Fotos hat, pflegt sie zuerst in den Online-Store ein. „Zudem ist mir wichtig gewesen, nicht gleich mit den ganz teuren Herstellern zu starten, sondern die Preislage zwischen 80 und 250 Euro abzudecken. Die allerersten Produkte, die ich online gestellt habe, waren Sandalen von Ugg, bei denen stimmt das Preis/Leistungs-Verhältnis, und der Name zieht auch.“ Es folgen diverse Modelle von Vagabond sowie Sneaker von Karl Lagerfeld, aber auch – damit die Kundinnen sich komplette Outfits zusammenstellen können – Taschen, Kleider, Shirts und Accessoires.

Tag 3 bis 5: Donnerstag, 19. März, bis Samstag, 21. März 

„Nachdem ich bis mindestens mittags jeden Tag im Laden war, um weitere Stories zu machen, Ware anzunehmen und Pakete zu packen, war ich nachmittags und abends eingehend damit beschäftigt, nach und nach Produkte einzupflegen. Überhaupt ging es mir in erster Linie darum, dass die Leute an die Produkte kommen.“ 

Tag 6: Sonntag, 22. März 

In den vergangenen Tagen hat Michéle Zahn 140 Artikel – von insgesamt gut 1000 Teilen, die sie im stationären Store hat – online gestellt. Aber was ist mit Impressum und AGBs?

„Am Sonntag habe ich noch diesen wunderbaren Service dazugebucht, mit dem Impressum und AGBs immer auf dem neuesten Stand gehalten werden. Das kostet mich pro Monat zusätzlich 8 Euro. Auch das war im Procedere total benutzerfreundlich, ich musste lediglich einen Fragenkatalog beantworten. Das hat mich bestimmt auch noch einmal zwei Stunden gekostet, aber danach war ich total erleichtert, weil ich in rechtlichen Dingen nicht so firm bin.“

Es ist soweit, abends geht der Store ans Netz. „Erst dann habe ich auch bei Instagram gepostet, dass der Webshop jetzt online ist, zuvor war ich da etwas zurückhaltend.“ 

Der Picco-Store ist Online

Erstes Fazit 

Nach etwa einer Woche zählt Zahn pro Tag etwa sechs Bestellungen, es wird nach und nach mehr. „Ich glaube in jedem Fall, dass es der richtige Weg ist.“ Über Posts bei diversen Influencern, darunter lou_hillen und paulinakurka, will sie den Traffic step by step pushen.

Morgens klickt sich Michéle Zahn in den Webshop, um die eingegangenen Bestellungen zu bearbeiten, prüft, ob die entsprechenden Paypal-Eingänge da sind, um später im Laden die entsprechenden Teile zusammenzupacken. „Es ist schon wahnsinnig viel Arbeit im Moment, und ich bin total unter Druck, die Bestellungen möglichst schnell zu verschicken, möglichst noch am selben Tag.“ Rechnungen muss Zahn über ein separates Programm erstellen. „Über den Shop kann ich Versandbenachrichtigungen verschicken – auch das ist wieder sehr einfach. Nur würde ich mir wünschen, dass ich auch die Rechnung über den Shop erstellen könnte.“

Sukzessive wird das Online-Sortiment immer vollständiger, mittlerweile befinden sich über 270 Artikel im Picco-Webshop. Die Kundinnen honorieren das mit mehreren Artikeln im Warenkorb, im Durchschnitt sind es zwei bis vier Teile. „Besonders toll finde ich, dass sie aus allen Bereichen bestellen, sich einen richtigen Look aus Tasche, Schuhe und Kleid aussuchen. Zugleich merke ich, wie viel über den persönlichen Kontakt läuft, denn es gibt doch einige, die erstmal einen Screenshot von ihrem Warenkorb machen und dann auf mein Feedback warten, ob das so auch wirklich zusammenpasst. Auch wer kein Paypal hat, verfährt so. Für mich ist das kein Problem.“

An Stolpersteine beim Realisieren des Webshops erinnert sich Michéle Zahn eigentlich nicht. „Den einzigen Fehler, der bis jetzt passiert ist, habe ich selbst zu verantworten: Einen Artikel habe ich versehentlich für 1 Euro online gestellt. Am nächsten Morgen hatte ich bei Instagram dann direkt schon zehn Hinweise von Followern, ob das so seine Richtigkeit hätte. Nur eine Kundin hat den Schuh tatsächlich für 1 Euro bestellt. Sie hatte dann aber auch Verständnis, als ich ihr den Fauxpas erklärt habe. Zum vollen Preis wollte sie ihn allerdings nicht haben.“

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