Erik Stolte, Geschäftsführer Gil Bret

„Die Auslieferung werden wir in den Griff kriegen“

Betty Barclay
Eric Stolte, Geschäftsführer Gil Bret, über die Situation im Nußlocher Headquarter: "Wir bereiten uns auf sämtliche Szenarien vor".
Eric Stolte, Geschäftsführer Gil Bret, über die Situation im Nußlocher Headquarter: "Wir bereiten uns auf sämtliche Szenarien vor".

Einzelne Verspätungen bei Herbstlieferungen werden sich bei Gil Bret nicht vermeiden lassen. Einen Teil der verlorenen Zeit hat das Outdoor-Label aus dem Hause Betty Barclay jedoch aufholen können. Die Aussichten in Asien stimmen Geschäftsführer Erik Stolte zunehmend optimistisch, die Situation in Italien sorgt hingegen für Verunsicherung. Im TW-Interview spricht er über alternative Transportwege, mögliche Zusatzkosten und über die Maßnahmen im Nußlocher Headquarter.

TextilWirtschaft: Sehen Sie Ihre Auslieferung zum kommenden Herbst gefährdet?
Erik Stolte: Wir rechnen damit, für mindestens 50% der Ware für Herbst/Winter 2020 eine pünktliche Auslieferung gewährleisten zu können. Es ist unrealistisch, dass wir die Verzögerungen, die durch die Corona bedingte Verlängerungen des Chinese New Year entstanden sind, vollständig aufholen können. Sollte es bei Teilen der Kollektion zu einer Verspätung kommen, dürfte diese jedoch nur bei maximal zwei bis vier Wochen liegen. Einen Teil der verlorenen Zeit haben wir zudem schon aufholen können.


Wie ist das gelungen?
Wir haben im Dezember des vergangenen Jahres ungewöhnlich viel Stoffe vordispositioniert. Dadurch hatten wir einen zeitlichen Vorsprung in der Materialproduktion, die diesbezüglich schon vor Beginn des Chinese New Year abgeschlossen wurde. So konnte nach dem Stillstand in China direkt mit der Produktion unserer Ware begonnen werden. Hätten wir, wie sonst üblich, erst im Januar dispositioniert, hätte die Situation sicher deutlich gravierendere Auswirkungen für uns gehabt.

Ihre Produktion in China ist also wieder angelaufen?
Ja, in den Fabriken unserer Partner wird wieder gearbeitet. Schon vor zwei Wochen haben wir die ersten Größensätze zur Abnahme bekommen. Die Firmen standen zu diesem Zeitpunkt also bereits unmittelbar vor dem Produktionsstart.

Haben Sie Spielraum, sollte es doch noch zu zusätzlichen Verzögerungen kommen?
Wir könnten bei unserem Frachtweg von See auf Luft umsteigen, dadurch würden wir zwei bis drei Wochen sparen. Kapazitäten und Kosten müssen dann jedoch im Einzelfall geprüft werden. Die Frachtraten sind sehr volatil und könnten bei hoher Nachfrage stark ansteigen. Wir müssten wohl mindestens mit Investitionen von vier sechs Dollar pro Teil rechnen. Die Entscheidung würden wir von unserer Auslieferungssituation abhängig machen. Sollten schon 60 bis 70% der Kollektion verfügbar sein, bestünde keine Notwendigkeit, den Frachtweg zu wechseln. Ist jedoch zu wenig Ware auf der Fläche, müssten wir wohl in den sauren Apfel beißen.

Würden Sie die dadurch entstehenden Kosten schlucken?
Ja, diese Kosten würden wir selber tragen. Eine Ausnahme wäre, wenn ein Kunde die Ware aus bestimmten Gründen in jedem Fall zu einem bestimmten Zeitpunkt auf der Fläche haben wollen würde, wie z.B. für eine Werbung. Dann müssten wir das in individuellen Gesprächen regeln.

Wie sind die Produktionsanteile?
Wir produzieren zu 57% in Asien und zu 43% in Osteuropa.

Wie läuft der Austausch mit den Lieferanten in Asien?
Der läuft sehr gut, mit unseren Hauptlieferanten stehen wir in regem Kontakt. Mit den meisten arbeiten wir bereits seit Jahren, teilweise schon seit Jahrzenten zusammen. Das zahlt sich in einer solchen Lage aus.


Die Frage, ob Sie es in Betracht ziehen, die Produktionsstandorte zu wechseln, erübrigt sich dementsprechend?
Ja, wir halten an unseren langjährigen Partnerschaften fest. Durch die intensive Zusammenarbeit  werden unsere Aufträge zudem von vielen Lieferanten priorisiert. Das hängt aber natürlich auch damit zusammen, dass bei uns eine sichere und pünktliche Zahlung gewährleistet ist.

Wäre es bei Outdoor vergleichsweise unproblematisch, wenn Teile der Ware etwas später auf die Fläche kommen?
Bei winterlichen, schweren Teilen wie beispielsweise Daunenjacken wäre eine leichte Verzögerung beispielweise statt Anfang August zum Ende des Monats wohl nicht problematisch. Bei Wolle und leichten Modellen müssen wir allerdings Gas geben. Wir gewichten ganz klar, auch nach Trend- und Farbthemen, mit denen wir die Saison Anfang Juli beginnen wollen. Aktuell ist aber alles noch im grünen Bereich. Natürlich bleibt abzuwarten, ob unsere Partner wirklich pünktlich liefern können, doch ich bin bezüglich Asien optimistisch.

Und bezüglich Italien?
Wir verwenden ausschließlich italienische Wolle, liegen hier bisher aber noch im Plan. Wie sich die dortige Lage entwickeln wird, lässt sich aktuell aber noch nicht absehen. Auch wenn die Regierung zu drastischen Maßnahmen greift, denke ich nicht, dass es zu einer landesweiten Schließung der Fabriken kommt. Das wäre der wirtschaftliche Todesstoß. Andererseits hat der italienische Einzelhandel bereits geschlossen und das wirft natürlich die Frage auf, wie es nun weitergeht.

Was denken Sie, wie es hierzulande weitergeht?
Die Produktion und Auslieferung werden wir in den Griff kriegen. Nicht absehbar ist, wie sich die Lage im Handel entwickelt.

Die Läden müssen schließen. Wie sind Ihre Zahlen vor dem Shutdown ausgefallen?
Unsere Zahlen waren zuletzt erstaunlich stabil, wir lagen für Januar und Februar im Plus und deutlich über Marktschnitt. Die letzten Tage waren deutlich schwächer, verzeichnet haben wir ein Minus im zweistelligen Bereich.

Und wie ist die Stimmung bei Ihnen im Unternehmen?
Natürlich beschäftigen sich die Leute mit dem Thema. Aber es läuft bisher alles geregelt und wir bereiten uns auf sämtliche Szenarien vor. Schließlich müssen wir gewährleisten, dass alle Abteilungen im Ernstfall auch im Home Office agieren könnten.

Gibt es Abteilungen, in denen der Betrieb im Ernstfall nur schwer aufrecht erhalten werden kann?
Das ist in allen Bereichen rund um das Produkt kompliziert. Wenn das Design-Team und die Schnittentwicklung nur noch per Videokonferenz interagieren können, erschwert das die Arbeit ungemein. Das ist dann schon etwas anderes als beispielsweise in der Buchhaltung. Aber wir können nur entsprechende Home Office-Plätze einrichten und das Beste aus der gegebenen Situation machen. Eine Ideallösung gibt es nicht. Sollte es uns aber tatsächlich treffen, dann wird hier in Nußloch sicher keine Panik ausbrechen. Schließlich haben wir alle Fälle schon durchdekliniert.

stats