Euler Hermes über Shutdown-Folgen

Im Modehandel droht Umsatzverlust von 890 Millionen Euro pro Woche

Die Corona-bedingten Verluste der Fashion-Branche könnten gigantisch werden: "Jede Woche sind Umsätze von rund 890 Mio. Euro in Gefahr", sagte Aurélien Duthoit, Branchenexperte Einzelhandel bei dem Kreditversicherer Euler Hermes Gruppe, der TextilWirtschaft. Dass die Kunden den Konsum im Anschluss an die Krise nachholen, sei eher nicht zu erwarten.

"Eine durch Corona bedingte schwächere Entwicklung der deutschen Wirtschaft oder gar eine Rezession würden Bekleidungsumsätze zweifelsohne tief in den negativen Bereich treiben", fürchtet Duthoit. Seine Hochrechnung angesichts des bevorstehenden Shutdowns ist erschreckend: "Ein voller Monat Zwangsschließung könnte so bis zu 3,5 Mrd Euro an Umsatzverlusten bedeuten oder bis zu 7,7% des Jahresumsatzes".


Euler Hermes geht bei dieser Berechnung von einem Bekleidungsumsatz im Einzelhandel von 46 Mrd. Euro aus, weil Fashion- und Schuhumsätze aus dem Online-Geschäft oder aus Supermärkten dabei nicht berücksichtigt werden. Rechnet man sie dazu, kommt man auf einen Jahresumsatz der Branche von gut 60 Mrd. Euro.

Aurélien Duthoit, Branchenexperte Einzelhandel beim Kreditversicherer Euler Hermes Gruppe
Euler Hermes
Aurélien Duthoit, Branchenexperte Einzelhandel beim Kreditversicherer Euler Hermes Gruppe
Duthoits Prognose setzt voraus, dass die Kunden nach überstandener Corona-Krise nicht sämtlichen Fashion-Konsum nachholen. Damit sei kaum zu rechnen: "Die Wahrscheinlichkeit ist in vielen Bereichen eher groß, dass die Umsatzeinbußen aufgrund von Ladenschließungen zu einem großen Teil verloren gehen könnten, vor allem bei Waren mit starker Saisonabhängigkeit. Verbraucher dürften im Juli größtenteils nicht die Kleidung kaufen, die sie im März oder April gekauft hätten."

Wenn es der Wirtschaft gut geht, weiß auch Duthoit, profitiert der Bekleidungseinzelhandel erfahrungsgemäß eher unterdurchschnittlich. "Nur, weil die Menschen im Allgemeinen mehr kaufen, bedeutet dies nicht, dass sie speziell für Kleidung mehr ausgeben." Im umgekehrten Falle – wie im aktuellen –  gelte das erfahrungsgemäß jedoch nicht: "Wenn die Wirtschaft in eine Rezession fällt – wie beispielsweise 2009 oder sich stark verlangsamt – 2012, 2015, 2018 –, kürzen die Verbraucher ihre diskretionären Ausgaben erheblich."



Die neue, aktuelle Situation trifft einen Bekleidungshandel, der "seit Jahren teilweise am seidenen Faden hängt", ordnet Ron van het Hof, CEO des Allianz-Unternehmens Euler Hermes in Deutschland, Österreich und der Schweiz, ein.

Ronald van het Hof, CEO des Allianz-Unternehmens Euler Hermes in Deutschland, Österreich und der Schweiz
Euler Hermes
Ronald van het Hof, CEO des Allianz-Unternehmens Euler Hermes in Deutschland, Österreich und der Schweiz
"Insgesamt weist der textile Einzelhandel seit Jahren eine unterdurchschnittliche Bonität auf – schon vor Corona. Das intensiviert dies nochmals."

Nicht viel besser sieht es nach Ansicht des Kreditversicherers auf der Industrieseite aus: "Die Auswirkungen des Coronavirus auf die deutsche Wirtschaft würden sich 1:1 in die Textilherstellung durchschlagen", meint Handelsexperte Duthoit. Hinzu kämen die Risiken von unterbrochenen Lieferketten.

China bleibe bei weitem der wichtigste Beschaffungsmarkt für Textilhersteller. Mit Blick auf die große Bedeutung Italiens etwa bei hochwertigen Stoffen, Premium- und Luxusbekleidung oder Accessoires, warnt Duthoit: "Es ist nicht auszuschließen, dass es zu einem Mangel an italienischen Vorprodukten kommen könnte, die in der deutschen Textilherstellung verwendet werden." Immerhin: "Es besteht kein systemisches Risiko."

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