Finanzierung bei Ladenöffnung

„Staatliche Beihilfen reichen nicht“

Wann dürfen die Geschäfte wieder eröffnen, welche behördlichen Restriktionen gibt es und wie stark hat die Konsumstimmung gelitten? Drei von vielen Fragen, die jetzt bundesweit in allen Unternehmen der Fashion-Branche diskutiert werden. Auf einen bislang öffentlich wenig beachteten Effekt der Ladenöffung hat der badische Modehändler Michael Schmiederer (51) in einem Brief an eine baden-württembergische Landtagsabgeordnete hingewiesen: Nach seinen Berechnungen werden bei steigenden Kosten nur unzureichende Deckungsbeiträge erwirtschaftet, mit der Folge höherer Verluste.


Schmiederer betreibt fünf Modegeschäfte im Badischen: Kilian in Lörrach (2200 m²), Schmiederer in Achern (1800 m²), Feldmüller-Fank in Lahr (1600 m²), S1 in Offenburg (420 m²) und einen Esprit-Store in Bühl (220 m²).

Nach den Gesprächen mit den Vermietern wurde dem Modekaufmann die Hälfte des Mietzinses für April erlassen. „Meine Mieten belaufen sich somit auf 50.000 Euro netto in diesem Monat.“ Die Mitarbeiter befinden sich zu 90% in Kurzarbeit. Einige Arbeiten müssen jedoch erledigt werden, daher entstehen im April Lohnkosten in Höhe von 16.000 Euro (inklusive Sozialabgaben und Lohnsteuer). Allgemeine Kosten wie Strom, Gas, Telefon, Alarmanlage summieren sich auf 34.000 Euro. „Die Schließung kostet mich somit 100.000 Euro im Monat. Entgangene Gewinne und Abschreibungen auf die Ware lasse ich dabei unberücksichtigt.“

Öffne er nun seine Läden, werde die Miete zu 100% fällig und belaufe sich auf netto 100.000 Euro pro Monat. Dazu kämen die vollen Personalkosten von 245.000 (inklusive Sozialabgaben und Lohnsteuer). „Inklusive allgemeiner Grundkosten entstehen bei Wiedereröffnung monatliche Kosten in Höhe von 445.000 Euro“, sagt Schmiederer.


In den Monaten Mai bis September kalkuliert der Kaufmann mit einem durchschnittlichen Nettoumsatz von je 1,3 Mio. Euro. „Die entscheidende Frage ist, welche Umsätze sich in der jetzigen Situation realisieren lassen.“ Durch die Nähe zu Frankreich und zur Schweiz hat Schmiederer je nach Standort seiner Läden einen Kundenanteil aus diesen Ländern zwischen 20% und 50%. Da die Grenzen für Einkaufstouristen geschlossen seien, können diese Kunden seine Läden nicht erreichen. „In meinen Berechnungen gehe ich dennoch von einem Planumsatz in Höhe von 60% des Vorjahres aus. Das bedeutet, wir erlösen von Mai bis September netto jeweils 780.000 Euro. Bei einem Wareneinsatz von 470.000 Euro würden wir einen Rohertrag von monatlich 310.000 Euro erzielen. Aufgrund der genannten Kosten von 445.000 Euro erwirtschafte ich monatlich einen Fehlbetrag von 135.000 Euro. Addiert bis Ende September sind das 675.000 Euro.“

Als ein noch größeres Problem sieht er jedoch die georderte Ware, die er abnehmen und bezahlen müsse. Deren Wert belaufe sich per Ende September auf 3,3 Mio. Euro. Abzüglich des Wareneinsatzes der Monate Mai bis September von zusammen 2,35 Mio. Euro entstehe eine weitere Unterdeckung von 950.000 Euro. „In Summe brauche ich somit für unser Unternehmen einen Liquiditätszufluss von 1,625 Mio. Euro bis Ende September.“

Modekaufmann Schmiederer versichert, dass seine Berechnungen auf eher optimistischen Annahmen beruhen und selbst dabei eine so große Liquiditätslücke entstehe. „Ich finde das verheerend und kann sehr gut verstehen, wenn Sparkassen und Volksbanken nicht bereit sind, diese Finanzierung mitzutragen. Auch nicht bei uns mit 100% Eigenkapitalfinanzierung.“
„Staatliche Beihilfen und der Markt werden uns nicht helfen, aus der Krise herauszukommen.“
Michael Schmiederer
Seine Folgerung aus den Berechnungen: „Staatliche Beihilfen und der Markt werden uns nicht helfen, aus der Krise herauszukommen. Ich denke darüber nach, ob es eine Lösung sein könnte, für alle betroffenen Unternehmen ein abgewandeltes Schutzschirmverfahren einzuführen, aus dem Ende Dezember wieder entlassen werden könnten. Damit hätten wir etwas Zeit, und was noch wichtiger ist, Sicherheit gewonnen.“

Der Kölner Bundesverband des Textileinzelhandels (BTE) appelliert in einer heutigen Mitteilung an alle Textil- und Modegeschäfte, die sich ab nächste Woche ergebenden Möglichkeiten der Ladenöffnung zu nutzen. Es sei zwar damit zu rechnen, dass die Frequenzen deutlich unter dem normalen Niveau bleiben, und sich die Öffnung unter betriebswirtschaftlicher Betrachtung kaum lohne. Dennoch solle der stationäre Handel damit gegenüber den Kunden und den politischen Entscheidungsträgern deutlich signalisieren, dass er gerne wieder seine Tätigkeit aufnehmen und zur Versorgung der Bevölkerung beitragen möchte und könne. Der Verband fordert mit gleichem Schreiben alle Textil- und Modegeschäfte noch mal auf, die vorgeschriebenen Hygienemaßnahmen einzuhalten und diese gegenüber den Kunden verständlich zu kommunizieren.

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