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Finanzierungsgespräche gescheitert

Gerry Weber ist insolvent


Gerry Weber

Die Gerry Weber International AG ist insolvent. Der Modekonzern hat am Freitag beim Amtsgericht in Bielefeld einen Antrag auf ein Eigenverwaltungsverfahren gestellt, dem stattgegeben wurde. Auslöser ist das Scheitern der Gespräche mit den Finanzierungspartnern, teilt der börsennotierte Konzern aus Halle/Westfalen mit. Das Verfahren beziehe sich ausschließlich auf die Muttergesellschaft Gerry Weber International AG mit ihren rund 580 Mitarbeitern. Für die Tochtergesellschaften und den Münchner Modefilialisten Hallhuber wurden keine Anträge gestellt.




Ziel ist, das Unternehmen im laufenden Restrukturierungsprozess zu sanieren. Chief Restructuring Officer und Vorstandsmitglied Florian Frank sagt, "nach derzeitigem Stand ist die Finanzierung des Geschäftsbetriebs bis ins Jahr 2020 gesichert". Die Löhne und Gehälter der Mitarbeiter sind über das Insolvenzgeld abgesichert. Der Vorstand bleibt mit allen Befugnissen und Pflichten im Amt und stellt den Geschäftsbetrieb sicher.

Zum Generalbevollmächtigten des Unternehmens wurde der Rechtsanwalt Christian Gerloff von Liebler Rechtsanwälte bestellt. Er ist in der Modebranche kein Unbekannter und gilt als erfahrerner Sanierungsexperte - derzeit ist er im Verfahren K&L aktiv. Weitere Namen auf seiner bisherigen Mandate-Liste: Escada, Wöhrl, Laurel, Rena Lange. Vorläufiger Sachwalter ist Rechtsanwalt Stefan Meyer von Pluta Rechtsanwälte.

Im Gespräch mit der TW äußerte sich Gerloff am Freitag optimistisch: "Wir fangen nicht bei Null an, es hat schon wirklich gute Vorarbeit gegeben", sagte der Jurist unter anderem mit Blick auf das bereits vorliegende Restrukturierungskonzept. "Wir haben eine Chance". Unter den Bedingungen der Insolvenz könne dieses Konzept jetzt schneller umgesetzt werden. Es komme in Insolvenzverfahren nicht so häufig vor, dass der Geschäftsbetrieb - wie jetzt bei Gerry Weber - bis ins folgende Jahr durchfinanziert sei. "Normalerweise muss ich zunächt einmal versuchen, Geld aufzutreiben."

Gerloff war am Freitag mit einem achtköpfige Team in der Unternehmenszentrale in Halle, um sich zunächst ein Bild der Lage zu verschaffen und nach außen Vertrauen zu verbreiten. "Wir sind absolut lieferfähig für die Herbst/Winter-Saison und werden selbstverständlich die Kollektion für Frühjahr-/Sommer 2020 weiterentwickeln", sagte er im TW-Gespräch. "Ich hoffe, dass unsere Kunden das Vertrauen in uns behalten", so Gerloff.

Im Anschluß an die Insolvenzmeldung war der Kurs der Gerry Weber-Aktie bis zu 75% in die Tiefe gerauscht. Dabei konmmt der Antrag auf eine Sanierung in Eigenverwaltung nicht so überraschend. Am 31. Januar hätte der Konzern seinen über 100 Gläubigern der Schuldscheindarlehen ein neues Finanzierungskonzept vorlegen und zwei Tranchen über 31 Mio. Euro zurückzahlen müssen. Sie hatten Gerry Weber die eigentlich im November 2018 fällige Ablösung gestundet und einen Aufschub bis zum 31. Januar gewährt.
Gerry Weber - Absturz in Halle
Gerry Weber
Gerry Weber - Absturz in Halle
Vor zwei Wochen hatte das Unternehmen bereits bekanntgegeben, dass der Jahresfehlbetrag für das Geschäftsjahr 2017/18 (31. Oktober) mit 192,3 Mio. Euro höher ausfallen wird als bisher angekündigt. Das Ergebnis war zuvor Anfang Dezember schon einmal nach unten korrigiert worden. Der Grund für die erneute Erhöhung des Jahresfehlbetrags ist eine Abschreibung von 44,2 Mio. Euro, die in erster Linie die Tochter Hallhuber betrifft.

Die 2015 erworbene Tochtergesellschaft Hallhuber schrieb schon in den Geschäftsjahren 2015/16 und 2016/17 trotz Umsatzplus operativ rote Zahlen. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern lag bei minus 4,5 Mio. bzw. bei minus 2,5 Mio. Euro. Während der Konzern mit Hallhuber expandierte und auf Skaleneffekte hoffte, sprechen Analysten bei Hallhuber von einer Überexpansion, die sich bislang nicht rechne. Nach den vorläufigen Zahlen lag der Konzernumsatz im abgelaufenen Geschäftsjahr bei rund 795 Mio. Euro und damit um 10% unter den Erlösen des Vorjahres.



"Der Antrag auf Anordnung des vorläufigen Eigenverwaltungsverfahrens ist leider unvermeidlich geworden", sagt Gerry Weber-Vorstandssprecher Johannes Ehling. Es habe große Anstrengungen gegeben, das Verfahren abzuwenden. Er sei sicher, dass der Konzern nach dem Abschluss wieder auf die Erfolgsspur komme. Ehling: "Dafür sind wir mit unserem Kerngeschäftsmodell, unseren starken Marken und vor allem mit unserer hervorragenden Mannschaft bestens positioniert." Die Sanierung unter Eigenverwaltung schaffe die Freiräume, um "die eingeleiteten Sanierungsmaßnahmen mit aller Konsequenz voranzutreiben", so Florian Frank. Der Vorstand habe bereits ein klares Konzept erarbeitet und er habe eine Vision für die Zukunft des Unternehmens, so Gerloff. Zuversicht verbreitet auch Sachwalter Meyer.    

Zu den Kernmaßnahmen zählen, wie berichtet, die Schließung von 230 Verkaufsflächen und der Abbau von bis zu 900 Arbeitsplätzen im In- und Ausland.

Die Gerry Weber-Aktien sind bereits seit gestern auf rasanter Talfahrt. Sie sind am Donnerstag um knapp 15% gefallen und erstmals unter die Marke von 2 Euro gerutscht. Am Freitag hat der Kurs nach der Nachricht ein Minus von 65% verbucht, nachdem er zuvor schon weiter um etwa 25% gefallen war. Gehandelt wurden rund 2,5 Mio. Stück – ein extrem hohes Volumen. Der Preis der Aktien liegt inzwischen nur noch bei 0,60 Euro. Auf dem Markt sind 45.906.000 Aktien, davon sind 34,36% in Streubesitz. Zu Hochzeiten Ende Mai 2014 notierten die Papiere bei 39,03 Euro.

Der Absturz der Aktie schon kurz vor der offiziellen Bekanntgabe der Insolvenz-Anmeldung wirft Fragen auf. Einen ähnlichen Fall hatte es bereits im vergangenen Herbst gegeben. Mitte September verzeichnete die Börse auffällige Kursbewegungen der Gerry Weber-Aktie. Wie berichtet, hat der Konzern zu diesem Zeitpunkt mittgeteilt, ein Sanierungsgutachten in Auftrag gegeben zu haben. Danach war der Aktienkurs abgestürzt. In der Xetra-Schlussauktion wurden über 600.000 Gerry Weber-Papiere gehandelt – das waren 95% des Tagesumsatzes. Die Finanzaufsicht Bafin hatte im November eine förmliche Insideruntersuchung bei Gerry Weber gestartet.

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