Die meisten FOC wieder geöffnet

"Gigantischer Warendruck, gewaltige Preisschlacht"

Foto: McArthurGlen
Wie die meisten FOC seit dieser Woche wieder geöffnet: das Outlet-Center in Ochtrup.
Wie die meisten FOC seit dieser Woche wieder geöffnet: das Outlet-Center in Ochtrup.

Während es zunächst nicht danach aussah, als ob Outlet-Center von der ersten Öffnungswelle nach dem Shutdown profitieren würden, steht jetzt fest: die große Mehrheit der FOC sind bereits wieder am Start.

Die meisten Länder und Kommunen haben den Weg dafür geebnet – und damit auch für Unstimmigkeiten gesorgt, unter anderem weil ein Großteil des klassischen Modehandels weiterhin gar nicht oder nur begrenzt wieder verkaufen kann.

Erster Streitpunkt: Zweibrücken
Streit gibt es zum Beispiel zwischen Rheinland-Pfalz und dem Saarland, weil das Outlet-Center im rheinland-pfälzischen Zweibrücken wieder geöffnet ist. In einer konzertierten Aktion haben sich die Bürgermeister von Saarbrücken, Neunkirchen, Saarlouis und Homburg aus Angst um ihren Einzelhandel dagegen gestemmt: Erfolglos, das FOC ist seit dieser Woche in Betrieb.

Zweiter Streitpunkt: Neumünster
Streit gibt es auch in Schleswig-Holstein. Dort betreibt der FOC-Spezialist McArthurGlen das Designer Outlet Neumünster vor den Toren Hamburgs. Während klassische Einkaufszentren wieder hochfahren dürfen, hat die Landesregierung die Wiedereröffnung des Outlet-Centers explizit untersagt. McArthurGlen klagt nun vor dem schleswig-holsteinischen Oberverwaltungsgericht. Das Argument: Man könne den Besucherstrom lenken und alle Auflagen einhalten. Am Freitag dann die Entscheidung: Die Schließungsanordnung ist gleichheitswidrig und das Center darf also doch öffnen. Wann es tatsächlich wieder startet, steht noch nicht fest.

Dritter Streitpunkt: Wertheim
Der dritte Streitfall betrifft Baden-Württemberg. Dort ist die Outletcity Metzingen seit Freitag wieder geöffnet, während das Wertheim Village auf Beschluss des Landratsamts Main-Tauber geschlossen bleiben muss. Der Outlet-Betreiber Value Retail hat beim Verwaltungsgericht Stuttgart einen Eilantrag dagegen gestellt: erfolglos. Die Richter sehen offenbar Probleme in Bezug auf Sicherheit und Hygiene. Wolfgang Bauer, Geschäftsführer der Outletcity Metzingen, die als letztes und umsatzstärkstes deutsches FOC am vergangenen Freitag wieder an den Start ging, rechtfertigt im Gespräch mit der TW die Öffnung in der Hugo Boss-Stadt: „Wir befinden uns in einer Innenstadt mit großen öffentlichen Plätzen und damit in einer ganz anderen städtebaulichen Ausgangssituation.“


„Ich rechne mit einem gigantischen Warennachschub für Outlet-Center.“
Outlet-Experte Joachim Will, Ecostra

Die Outlet-Betreiber scharren mit den Hufen. Auch sie haben schließlich seit dem Lockdown keine Umsätze einfahren können – und waren auch in der Zeit davor zum Teil stark betroffen. Vor allem in Centern mit vielen Luxusmarken und einem hohen Anteil außereuropäischer Touristen haben Frequenzen und Umsätze gelitten, weil der weltweite Tourismus schon früh zum Erliegen gekommen war. Dazu zählen Standorte wie Metzingen, Ingolstadt und Wertheim. Outlet-Center wie Zweibrücken, Brehna und Ochtrup haben einen eher regionalen Bezug und sind nicht so stark auf Asiaten, Araber oder Russen angewiesen.
Outlet-Center: Wo ist geöffnet, wo nicht?
Geöffnet: Bad Münstereifel, Brehna, Metzingen, Montabaur, Ochtrup, Radolfzell, Soltau, Stuhr, Wolfsburg, Wustermark, Zweibrücken


Nicht geöffnet: Ingolstadt, Neumünster (darf aber laut OVG-Urteil vom 24.4. doch öffnen), Radolfzell, Selb, Wertheim

ALLE für den deutschen Markt relevanten Outlet-Center im grenznahen Ausland sind derzeit geschlossen: Maasmechelen, Messancy (beide Belgien), Murgenthal (Schweiz), Roermond (Niederlande), Roeser (Luxemburg), Roppenheim (Frankreich), Wals-Siezenheim (Österreich)

Möglichst bald, so hoffen die Betreiber, sollen die Geschäfte nun wieder anziehen. Die Voraussetzungen dafür sind Experten zufolge gut, nicht zuletzt weil der Warendruck in der Modebranche aufgrund der langen Schließung extrem ist. „Ich rechne mit einem gigantischen Warennachschub für FOC“, sagt Outlet-Experte Joachim Will, Inhaber des Wiesbadener Beratungsunternehmens Ecostra. Das werde zu einem enormen Warendruck auch in den Outlets führen. Seine Prognose: „In den FOC wird noch stärker das Preisargument benutzt, es wird zu einer gewaltigen Rabattschlacht im gesamten Modehandel kommen.“


Will glaubt, dass die Outlet-Center dabei im Vorteil sind. „Weil sie in den Köpfen der Verbraucher bereits als Schnäppchenparadies positioniert und fest verankert sind.“ Die ersten Verkaufstage bestätigten ihn in seiner Meinung: „Während ich aus dem klassischen Handel von Umsatzniveaus zwischen 20 und 30% im Vergleich zu vorher höre, sind die Marken in den Outlets teilweise schon wieder bei 100%.“



Weil der Warendruck im Geschäft mit der Mode so hoch ist, ist auch die Nachfrage nach Abschleuskanälen hoch. Prominentes aktuelles Beispiel: Prada. Relativ kurzfristig hat die Mailänder Luxusmarke im Wertheim Village einen neuen Store angemietet, der kurz vor der Eröffnung steht. Es ist das mittlerweile dritte deutsche Prada-Outlet, zählt man das vor allem von Deutschen besuchte Center in Roermond dazu, sogar das vierte. Der Grund für den Mietvertrag in Wertheim ist offensichtlich: Nach einem massiven, weltweiten Umsatzrückgang im Vollpreisgeschäft, suchen die Italiener nun nach Zweitverwertungsmöglichkeiten.


Prada ist längst nicht allein. „30% der Marken würden gerne ihre Flächen bei uns vergrößern“, bestätigt der Manager eines FOC-Betreibers, der seinen Namen nicht öffentlich nennen möchte. „Die Marken haben so viele Reste, auf denen sie jetzt sitzen, da kommt eine riesige Welle auf uns zu.“ So soll zum Beispiel Hugo demnächst den deutschlandweit ersten Outlet-Store in Wertheim eröffnen.
Es gebe nur ganz wenige Ausnahmen von Marken, die derzeit nicht auf der Suche nach Outlet-Standorten seien. „Eigentlich nur die, die ohnehin nie Outlets machen, also zum Beispiel Chanel, Louis Vuitton, Hermès.“ Leider gebe es aber gar nicht ausreichend Fläche für die hohe Nachfrage. „Ein echtes Luxusproblem.“

„30% der Marken würden gerne ihre Flächen bei uns vergrößern.“
Manager eines Outlet-Betreibers

Er spekuliert nun darauf, dass andere Brands ihre Läden verlassen könnten. „Es gibt viele Player, hinter denen gerade ein Fragezeichen steht: Escada, True Religion, Tom Tailor, Strenesse, Laurèl, Hallhuber.“ Andererseits würden die meisten Marken bis zum Schluss an ihren Outlet-Stores festhalten. „Weil sie oft von allen Läden die profitabelsten sind.“


Eine hohe Nachfrage nach Flächen sieht auch Michael Haslinger, der unter anderem die FOC in Bad Münstereifel, Wadgassen und Selb vermietet: „Viele Marken haben bereits Bedarf angemeldet, einige hätten zum Beispiel gerne Zweitflächen für Super Sale-Läden.“ Die Firmen hätten derzeit vor allem drei große Baustellen: erstens die Mieten, zweitens den Restart der Läden mit seinen unterschiedlichen Regelungen und Restriktionen „und drittens das Problem der überschüssigen Ware. Und da kommen natürlich die Outlet-Center ins Spiel.“ Bereits vor der Krise hätten die Outlets sich als stabil behauptet mit Wachstumsraten von 5 bis 10%. „Für viele Marken ein hochprofitables Geschäft, weil die Umsätze bei gleicher Miete und Personalkosten oft um ein Vielfaches höher sind“, sagt Haslinger.


Und wie laufen die Geschäfte, jetzt, wo die ersten Center seit einer Woche wieder geöffnet sind? „Die Leute kommen, aber bislang liegt die Frequenz noch 50 bis 60% unter Vorjahr“, sagt Sebastian Sommer, Deutschlandchef des FOC-Betreibers Neinver, der hierzulande Standorte in Montabaur und Brehna betreibt. Zwar seien alle Mieteinheiten unter 800m² groß, allerdings habe es bis zum Wochenende gedauert, ehe alle Geschäfte auch geöffnet gewesen seien. „Leute aus der Kurzarbeit zurückholen, die Ware vorbereiten, Sicherheit, Hygiene – all das dauert“, sagt Sommer. Aus seiner Sicht besonders positiv: „Die Marken sind alle gut vorbereitet und die Kunden freuen sich, endlich wieder etwas anderes zu sehen, gleichzeitig halten sie sich diszipliniert und ruhig an die Regeln.“ Die lauten unter anderem: höchstens eine Person auf 10m² Fläche und nicht mehr als fünf Leute in einer Schlange.

„Die Deutschen können jetzt nicht mehr nach Mallorca und Ibiza jetten. Ein Shopping-Trip ins Outlet könnte zu einem Erlebnisersatz werden.“
Geschäftsführer eines Outlet-Betreibers



Die entscheidende Frage für die Outlet-Branche lautet: Wann reisen die Menschen wieder?
Trotz scheinbar hoher Begehrlichkeiten seitens der Marken kommen auf die Outlet-Branche Wochen und Monate großer Unwägbarkeiten zu. Die wichtigste: Wann werden die Menschen wieder reisen? FOC sind fast immer strategisch an Autobahnen entlang der Ferienrouten gelegen und in hohem Maße abhängig von großen Einzugsgebieten und Touristen. In der Outlet-Branche versucht man sich zu beruhigen. Zum Beispiel Wolfgang Bauer, der in Metzingen vor Corona zu 40% von den Umsätzen ausländischer Touristen lebte: „Natürlich ist es ein Problem, dass Kunden aus der Schweiz und auch aus Asien und dem arabischen Raum derzeit kaum kommen können. Aber andererseits dürfen die Deutschen im Moment ja auch nicht reisen und werden also ihr Geld verstärkt in Deutschland ausgeben.“


Das glaubt auch ein anderer Outlet-Manager, der anonym bleiben möchte: „Die Deutschen können jetzt nicht mehr nach Mallorca und Ibiza jetten, also werden sie ihr Geld hier ausgeben.“ So könnte Shopping zu einer Art Erlebnisersatz werden. „Und genau das wollen wir besetzen mit einem kontrollierten, sauberen Outdoor-Shopping-Erlebnis in den Outlets. Sozusagen ein Kurzurlaub, bei dem die Kunden nebenbei noch Geld sparen.“

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