Foursource-Chef Godecke Wessel im Interview

„Alternativen händeringend gesucht”

Foursource
"Die Türkei ist vor allem für europäische Unternehmen eine Alternative", sagt Foursource-Chef Godecke Wessel.
"Die Türkei ist vor allem für europäische Unternehmen eine Alternative", sagt Foursource-Chef Godecke Wessel.

In Bayern dürfen Modehändler ab Mittwoch nicht mehr öffnen, der Freistaat hat den Katastrophenfall ausgerufen. Das könnte auch in anderen Bundesländern Realität werden. Auch wenn bei Handel und Industrie der Abverkauf und die Einsteuerung der aktuellen Ware jetzt im Vordergrund steht, die Planungen für die nächsten Liefertermine müssen weiter laufen. Und da sieht es in Sachen Sourcing in China noch recht trübe aus, sagt Godecke Wessel, Gründer und CEO der Berliner Sourcing-Plattform Foursource.


TextilWirtschaft: Herr Wessel, wie geht es Ihnen und wo sind Sie gerade? Godecke Wessel: (Lacht) Danke gut. Ich bin im Homeoffice. Wir haben unseren Mitarbeitern freigestellt, wo sie arbeiten wollen. In Berlin ändert sich die Situation wie überall auch jeden Tag. Schulen und Kitas beginnen stufenweise mit der Schließung und auch der öffentliche Nahverkehr soll peu à peu runtergefahren werden.

Sie kommen gerade von einer Reise zurück, wie war es?
Ich wollte eigentlich einige Konferenzen in Asien besuchen, aber im Moment ist alles auf Sommer oder gar Herbst verschoben. Messen finden auch keine mehr statt. Bei einem unserer Kunden in Spanien waren wir die Letzten, die noch begrüßt wurden.

Was hören sie von Ihren Teams weltweit, wie ist die Sourcing-Situation?
Die Neuanmeldungen auf Foursource haben sich in den letzten beiden Monaten mehr als verdoppelt. Dadurch, dass die Leute nicht mehr reisen und keine Messen mehr stattfinden, auf denen sich die Unternehmen präsentieren können, läuft alles digital. Die Unternehmen sind händeringend auf der Suche nach Sourcing-Alternativen. Die Türkei erlebt gerade ein Revival. Dort gab es bis vor kurzem noch viele freie Kapazitäten, jetzt ist alles voll. Das ist vor allem für die europäischen Unternehmen eine Alternative. Überrascht hat mich, dass Portugal nicht weit vorne dabei ist.

Haben Sie eine Erklärung?
Das könnte an den höheren Preisen im Vergleich zur Türkei liegen.



Wie sieht es in Asien aus?
Bangladesch, Vietnam, Pakistan, Indonesien, Südamerika und Mexiko stehen hoch im Kurs. Dorthin gehen gerade viele aus den USA. Indien hingegen profitiert von der Situation nicht. Dafür habe ich keine wirkliche Erklärung. Es gibt dort freie Kapazitäten, das Know-how ist vorhanden und die Zollnachteile werden eigentlich durch die niedrigen Löhne ausgeglichen. Allerdings gibt es in Delhi und anderen Städten Ausgangssperren wegen der Aufstände. Das ist natürlich auch keine gute Presse für ein Land.

Hinzu kommt sicher auch, dass Indien recht restriktiv in Sachen Einreisen ist.
Stimmt, die Schifffahrt ist sehr eingeschränkt. Die Frachter, die ins Land wollen, müssen zwei Wochen vor den Häfen ankern, bis die Quarantänezeit um ist. Menschen aus Infektionsgebieten wie Italien, Deutschland, Spanien und Frankreich müssen sogar vier Wochen in Quarantäne, wenn sie einreisen wollen. Es gibt derzeit in Indien zwar nur wenige Corona-Fälle, aber eine Ausbreitung wäre dort wahrscheinlich nicht zu bewältigen.

Die Produktion mal eben so zu verlagern, ist aber auch nicht unproblematisch.
Man muss erst mal eine Produktionsstätte finden, die passt. Bei großen Firmen mit großen Volumen ist das naturgemäß noch schwieriger als bei den Kleinen. Eine Auditierung dauert Monate,  man kann viele Fehler machen und man braucht die Vorprodukte, die zum Großteil aus China kommen. Daher warten auch viele erst mal ab, wie sich die Situation entwickelt.



Was hören Sie denn aktuell aus China?
Viele warten die Entwicklung ab. So langsam läuft es wieder an, aber die Vor-Corona-Kapazitäten sind noch nicht wieder da. Viele Arbeiter sind immer noch nicht zurückgekehrt, es fehlen immer noch die LKW-Fahrer, in den Häfen staut sich noch immer die Ware. Die Transport- und Logistikketten funktionieren noch nicht richtig.

Das hat auch Auswirkungen auf die Lieferungen, oder?
Es kommt sicher zu Verzögerungen. Ich habe schon hier und da gehört, das sei ganz gut, dann würden sich wenigstens das Zuviel an Ware erledigen und alle könnten zum Vollpreis verkaufen. Andererseits höre ich von Lieferanten aus Bangladesch, dass Einkäufer die Zahlungsziele auf bis zu 90 Tage verlängern wollen.

 

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