Future Fashion Leaders Talks & Awards

"Nicht nur kritisieren, sondern Lösungen ausarbeiten"

Thomas Fedra
Auf Distanz, aber vor Ort in Frankfurt: Preisträgerinnen und Preisträger der Förderpreise der Wilhelm-Lorch-Stiftung 2021 bei den Future Fashion Leaders Talks & Awards.
Auf Distanz, aber vor Ort in Frankfurt: Preisträgerinnen und Preisträger der Förderpreise der Wilhelm-Lorch-Stiftung 2021 bei den Future Fashion Leaders Talks & Awards.

Die Förderpreise der Wilhelm-Lorch-Stiftung wurden vergeben. Im Rahmenprogramm gaben Branchen-Insider dem Karriere-Nachwuchs Einblicke ins Innere der Unternehmen.

Große Auszeichnungen für talentierte Nachwuchs-Kräfte der Fashion-Branche: Die Förderpreise der Wilhelm-Lorch-Stiftung sind im Rahmen der Future Fashion Leaders Talks & Awards vergeben worden. Flankiert wurde das digitale Event von Gesprächen mit Top-Managerinnen und Managern der Branche.

Michael Kampe, Kreativchef, Armedangels

Michael Kampe ist der erste Kreativchef des Labels Armedeangels, das sich einem nachhaltigen Ansatz verschrieben hat. Seine Ausbildung startete er in Antwerpen, von wo aus er auch dem Publikum digital zugeschaltet war. Für seine Studienarbeit wurde Kampe einst mit dem Förderpreis der Wilhelm-Lorch-Stiftung ausgezeichnet. Jetzt ist er nicht nur Kreativchef einer Marke, sondern auch Dozent an der AMD. Eine gute Voraussetzung, um dem Branchen-Nachwuchs wertvolle Tipps an die Hand zu geben.

So sei in seiner Ausbildung der Fokus viel stärker darauf gelegt worden, einzelne Designer-Persönlichkeiten zu erschaffen, wie Kampe zurückblickt. Heute hingegen sei der Teamgeist entscheidend. "Denn die ganze Industrie ist größer als nur eine Person. Man kann es nur zusammen schaffen etwas zu bewegen." Entsprechend sei es ihm selbst in der Lehre wichtig für Projekte zu motivieren, die sich nur im Team umsetzen lassen.

Michael Kampe ist Kreativchef von Armedangels.
Screenshot: TW
Michael Kampe ist Kreativchef von Armedangels.


Mit Blick auf das Thema Nachhaltigkeit appelliert Kampe an den Nachwuchs: Bringt euch ein, seht die Chancen und Möglichkeiten. "Trauen Sie sich mehr, haben Sie Mut zum Experiment", sagt Kampe an das Publikum gerichtet.

Denn auch wenn heute nachhaltigen Lösungen teils noch Grenzen gesetzt seien, so sei die Geschwindigkeit, mit der neue Lösungen entstünden, rasant. "Und diese neuen Ideen, müssen nicht immer nur von absoluten Spezialisten kommen", ist sich Kampe sicher. Auch kluge Formulierungen auf einem Hangtag könnten zu einer nachhaltigeren Verwendung von Produkten führen.

Maximilian Böck, CEO, Marc O'Polo

Maximilian Böck, vor wenigen Monaten als alleiniger CEO von Marc O'Polo angetreten, gab sowohl Auskunft über seine Vision der Marke als auch Einblicke in die Unternehmenskultur der Fashion-Brands mit Hauptsitz in Stephanskirchen. Auch für ihn steht nachhaltiges Wirtschaften im Vordergrund. Zwar habe man die Umsatz-Milliarde fest im Blick, "wann wir sie erreichen, ist aber gar nicht so wichtig", sagt Böck. Das könne in fünf oder sieben Jahren der Fall sein. Wichtiger sei, dass man Zielgruppe, Marke und Produkt stets im Blick behalte.



Dafür ist bei Marc O'Polo auch die Unternehmenskultur ein wichtiger Pfeiler. Wie man diese erzeugt, scheint nicht dem einen Patentrezept zu folgen, sondern mehrere Einflussfaktoren zu haben. "Wir duzen uns hier eigentlich schon immer", sagt Böck im Gespräch mit TW-Chefredakteuer Michael Werner. Das Gemeinschaftsgefühl sei auch durch den Campus in Stephanskirchen, der sich nun langsam wieder fülle, besonders ausgeprägt.

Und wie sieht es außerhalb der Marc O'Polo-Welt aus? Ist die Retail-Landschaft im massiven Umbruch? "Ich sehe für die kommende Zukunft keine massiven Verschiebungen", sagt Böck. Zwar gebe es sehr wohl Verschiebungen gen online, aber man spüre ganz deutlich, dass das stationäre Business jetzt wieder deutlich anziehe und auch Partner gute Geschäfte verbuchen können.

Ruppert Bodmeier, CEO Disrooptive, im Gespräch mit TW-Redakteurin Charlotte Schnitzspahn.
Screenshot: TW
Ruppert Bodmeier, CEO Disrooptive, im Gespräch mit TW-Redakteurin Charlotte Schnitzspahn.

Ruppert Bodmeier, CEO, Disrooptive

Ruppert Bodmeier, CEO von Disrooptive, wiederum zeigte in einer Präsentation und im Gespräch mit Charlotte Schnitzspahn, wie innovative Handels-Konzepte bestehende Strukturen zum Wackeln gebracht haben. Seine konkreten Tipps für den Modehandel: Alternativer Zugang zu Fashion sei etwa, Trends nach Orten zu clustern, etwa dem Postleitzahlgebiet der Kunden. Oder bei Kindermode viel stärker brachliegende Potenziale zu heben, indem man prognostiziere, wann Kinder von Kunden aus den zuletzt gekauften Größen herauswachsen. Auch das Potenzial für neue Plattformen sieht Bodmeier. Dafür brauche es keine Millionen-Budgets. "Jeder kann eine Plattform sein. Und es war noch nie so günstig, eine eigene Plattform aufzubauen." Dem Branchen-Nachwuchs gibt er an die Hand: "Das wichtigste ist, zu verstehen, dass Wissen eine begrenzte Haltbarkeit hat. Gerade in der Digital-Branche ist permanentes Lernen äußerst wichtig." Nur so könne man fortlaufend am Ball bleiben. Er selbst lese etwa jede Woche ein Fachbuch.

Thorsten Mindermann, Geschäftsführer, H&M

Thorsten Mindermann war als einziger Gast live vor Ort in Frankfurt. Er ist einer der hochrangigsten Manager der H&M Group. Von Hamburg aus verantwortet er die Geschäfte im deutschsprachigen Raum, in den Niederlanden und in Slowenien. Insgesamt zwei Tage hat er in Frankfurt eingeplant. Auch, um vor Ort die Filialen zu besuchen. Überhaupt: Mindermann ist froh, dass die Geschäfte wieder halbwegs normal geöffnet sind. „Langsam erholen wir uns von dem Corona-Schock und sind aus dem Gröbsten raus, vor allem im E-Commerce haben wir deutlich gewonnen.“

Trotzdem blieben weitere große Herausforderungen: „Dazu zählt die gesamte Customer Journey. Wir müssen sie ständig im Blick haben und uns fragen, was unsere Kundinnen und Kunden von uns an den einzelnen Berührungspunkten erwarten.“ Als besonders hilfreich empfindet er dabei das H&M Member genannte Kundenbindungsprogramm: „Die Informationen geben uns Aufschluss darüber, was wir besser machen können.“

Thorsten Mindermann: "Mode ist und bleibt ein tolles Produkt, und durch die digitale Transformation entstehen viele spannende neue Jobs. Ich würde auf jeden Fall wieder im Handel anfangen.“
Screenshot: TW
Thorsten Mindermann: "Mode ist und bleibt ein tolles Produkt, und durch die digitale Transformation entstehen viele spannende neue Jobs. Ich würde auf jeden Fall wieder im Handel anfangen.“


Mindermann selbst hat in seiner Laufbahn bei H&M offensichtlich vieles besser gemacht. Seit 1988 ist er im Unternehmen, und seitdem ging es für ihn immer weiter nach oben. Eine für heutige Verhältnisse eher ungewöhnliche Karriere. Aber: „H&M hat sich immer weiter entwickelt und genauso konnte ich mich weiter entwickeln und zum Beispiel internationale Erfahrungen sammeln“, begründet Mindermann die Treue zu seinem Arbeitgeber.

Und was für Menschen sucht er selbst für die Zentrale in Hamburg und die Filialen? Er nennt vor allem drei Faktoren: „Lust am Lernen, Mut und die Bereitschaft, Entscheidungen zu treffen.“ Glaubt er denn, dass nach der langen Zeit der Lockdowns die Lust auf eine Karriere in der Mode schwindet? „Nein, Mode ist und bleibt ein tolles Produkt, und durch die digitale Transformation entstehen viele spannende neue Jobs. Ich würde auf jeden Fall wieder im Handel anfangen.“

Lala Berlin-Macherin Leyla Piedayesh im Gespräch mit TW-Chefredakteur Michael Werner.
Screenshot: TW
Lala Berlin-Macherin Leyla Piedayesh im Gespräch mit TW-Chefredakteur Michael Werner.

Leyla Piedayesh, Inhaberin, Lala Berlin

Für Leyla Piedayesh, die Frau hinter dem Berliner Contemporary-Label Lala Berlin, war der Weg zur erfolgreichen Unternehmerin alles andere als geradlinig. Weil sie in ihrem Job nicht richtig glücklich war, hat sie mit 30 gekündigt, eine Auszeit genommen – und angefangen zu stricken. Mit Pulswärmern fing es an, am Ende stand ihre erste komplette Strickkollektion. Heute ist Lala Berlin eines der wenigen einst gehypten Berliner Labels, das sich auf dem Markt etablieren konnte. „Aus meinem Baby ist eine erwachsene Frau geworden“, sagt Piedayesh.

Warum sie so erfolgreich ist? „Es war gut, dass ich keine riesigen Erwartungen hatte und nicht unbedingt die nächste Karl Lagerfeldin werden wollte. Sonst verkrampft man schnell.“ Sie bezeichnet sich und ihren Weg als bodenständig. Eine gesunde Mischung aus handwerklichen und betriebswirtschaftlichen Kenntnissen sowie ein Gespür für Trends, Märkte und ihre Kunden – so fasst sie die Erfolgsfaktoren zusammen. Eine Modeschule hat sie nie besucht.

Und worauf achtet sie als Chefin bei Bewerbungen? „Am wichtigsten sind natürlich Kompetenz und Erfahrung, beim Gespräch geht es dann um Persönlichkeit, Teamfähigkeit und nicht zuletzt um die Chemie.“ Sie stehe auf Menschen mit Ideen, die Geschichten erzählen und Menschen begeistern können.

Überhaupt: Die Mode begeistert Leyla Piedayesh nach wie vor. Sie ist überzeugt von den Möglichkeiten der Branche und lanciert zum Schluss noch einen Appell in Richtung Jugend: „Wenn euch Mode Spaß macht, dann packt es an und geht mit guten Ideen nach vorne.“

Future Fashion Leaders - Talks & Awards
Das gesamte Online-Event können Sie hier noch einmal im Video ansehen.


Prof. Maike Rabe ist Vorsitzende des Stiftungsrats der Wilhelm-Lorch-Stiftung.
Screenshot: TW
Prof. Maike Rabe ist Vorsitzende des Stiftungsrats der Wilhelm-Lorch-Stiftung.



Im Anschluss an die TW-Talks wurden die Förderpreise der Wilhelm-Lorch-Stiftung vergeben. 70.000 Euro schüttet die Wilhelm-Lorch-Stiftung in diesem Jahr aus. Neun junge Frauen und Männer wurden für ihre Abschlussarbeiten ausgezeichnet, drei Preise wurden im Bereich Aus- und Weiterbildung im Einzelhandel vergeben. Zudem fördert die Stiftung ein Projekt der Hochschule Trier.

TW-Geschäftsführer Markus Gotta, der auch Vorstand der Wilhelm-Lorch-Stiftung ist, bei der Verleihung der Förderpreise.
Screenshot: TW
TW-Geschäftsführer Markus Gotta, der auch Vorstand der Wilhelm-Lorch-Stiftung ist, bei der Verleihung der Förderpreise.


Lesen Sie hier alle Details zu den aktuellen Preisträgerinnen und Preisträgern 2021:


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