GMS-Geschäftsführer über Plattformen, Probleme und Prognosen

Karsten Niehus: "Mehr als 90% unserer Kunden werden die Krise meistern"

GMS
Karsten Niehus: "Wir empfehlen weiterhin, wenn, dann nur Altware über Online-Plattformen zu verkaufen. Alles andere ist nur Geldwechseln und verschlechtert das Betriebsergebnis."
Karsten Niehus: "Wir empfehlen weiterhin, wenn, dann nur Altware über Online-Plattformen zu verkaufen. Alles andere ist nur Geldwechseln und verschlechtert das Betriebsergebnis."

Der Kölner Schuheinkaufsverbund GMS rechnet damit, dass in den nächsten zwei bis vier Wochen deutliche Lockerungen bei den ergriffenen Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus erfolgen. Vor allem in den Feldern, in denen die höchsten wirtschaftlichen Folgeschäden zu erwarten seien und wo die gesundheitlichen Gefahren relativ gering sind. Dazu gehöre vor allem auch der inhabergeführte Einzelhandel.

Seinen rund 1900 angeschlossenen Geschäften rät der GMS, die Zeit zu nutzen, um sich mit folgenden Maßnahmen auf den Neustart vorzubereiten:

Verhalten und Ausstattung
  • Besorgen Sie sich eine Plexiglasscheibe für den Kassenbereich.
  • Aktualisieren Sie Ihre Bestände an Desinfektionsspray für Schuhe nach der Anprobe.
  • Beschaffen Sie sich gegebenenfalls Mundschutzmasken bei Amazon oder Ebay via Paypal (Liefersicherheit) zur Auslage am Eingang und für Ihre Mitarbeiter.
  • Geben Sie klare Anweisungen an die Mitarbeiter zur Distanz–Kaufberatung.
  • Informieren Sie sich und nutzen Sie und Ihre Mitarbeiter die angekündigten Covid-19-App, um eigene Risiken zu minimieren und andere zu schützen.
  • Ältere und gefährdete Mitarbeiter sollten Sie, wenn möglich, weiterhin in Kurzarbeit belassen.
  • Da wir alle nicht wissen, wie der Umsatz wieder anläuft, sollten Sie die Rückkehr Ihrer Mitarbeiter aus der Kurzarbeit nach ersten Erfahrungen schrittweise steuern.

Werbung und Preise

  • Nehmen Sie Kontakt zu Ihren direkten Wettbewerbern auf und verabreden Sie Preistreue und den gemeinsamen Start zum Sommerschlussverkauf.
  • Nehmen Sie Kontakt zu Ihrer Werbegemeinschaft auf, um eine Wiedereröffnungsaktion im Ort zu organisieren. Verabreden Sie mit der Gemeinde gegebenenfalls längere Öffnungszeiten.
  • Bieten Sie Ihren Kunden Termine zum Einzel-Shopping auch außerhalb der regulären Geschäftszeiten an.

Lieferungen

  • Wir haben in Einzelfällen festgestellt, dass es aktuell zu Abrechnungen für Ware kommt, die gar nicht ausgeliefert wurde. Wir bitten daher die Buchungslisten der RSB genau zu prüfen und etwaige Fehlbuchungen per Mail bei RSB oder Ihrem Kundenbetreuer anzuzeigen.

Interview mit Karsten Niehus

Im Gespräch mit der TW berichtet außerdem Geschäftsführer Karsten Niehus über die aktuelle Situation und die größten Herausforderungen.

TextilWirtschaft: Herr Niehus, was sind die dringlichsten Probleme der GMS-Mitglieder?
Karsten Niehus:
Das Hauptproblem ist, wohl wie überall, die Liquidität. Alle Schuhhändler sitzen jetzt auf der neuen Ware für Frühjahr/Sommer, die zu 70 bis 80% ausgeliefert ist. Im Gegensatz zur Mode gibt es im Schuhmarkt zumeist nur zwei Orderzyklen im Jahr. Weil kein Abverkauf stattfinden kann, entsteht ein völlig neuer Finanzierungsbedarf für die Händler. Unverkaufte Ware drückt nicht nur aufs Ergebnis, sondern muss bis zum nächsten Frühjahr eingelagert werden und kann dann nur noch mit Abschlägen verkauft werden. Sorgen mache ich mir daher um die Order für Frühjahr 2021. Diese wird wahrscheinlich in hohem Maße einbrechen, weil es viele Warenüberhänge geben wird.

Wie hilft der GMS in dieser Krise?
Wir haben bereits am 13. März eine Taskforce gebildet und einen Maßnahmenplan für unsere Händler entwickelt. Jeder unserer 20 Mitarbeiter der Kundenbetreuung ruft seitdem jeden Tag rund 50 Kunden an und berät sie in der Umsetzung. Wir sprechen mit Banken, um unseren Kunden zu helfen, und wir helfen bei der Erstellung von Liquiditätsplänen, um KfW-Mittel zu beantragen. Wir haben in zwei Wochen zehn konkrete Handlungsempfehlungen verschickt zu KfW-Krediten, zu staatlichen Hilfen, zum Kurzarbeitergeld, zu Mietminderungen etc. Wir starten ein Web-Seminar, um die Sichtbarkeit unserer Kunden mit ihrem Warenangebot zu optimieren. Auch sammeln wir Ideen für neue kreative Verkaufsmethoden während des Shutdowns. Eine Händlerin hatte z.B. die schöne Idee, die Schuhe im Schaufenster zu nummerieren. Kunden können die dann telefonisch bestellen und sich liefern lassen. Wobei das alles natürlich nicht den ausgefallenen Umsatz ersetzen kann.


Der GMS ist sehr plattformkritisch. Hat sich Ihre Einstellung gegenüber Schuhe24, Zalando und Co in den Zeiten des Shutdown geändert?
Nein. Wir empfehlen weiterhin, wenn, dann nur Altware über Online-Plattformen zu verkaufen. Alles andere ist nur Geldwechseln und verschlechtert das Betriebsergebnis. Zumal auch die Online-Retailer deutliche Umsatzrückgänge im Schuhhandel verzeichnen. Wenn die Kunden nicht aus dem Haus dürfen, brauchen sie auch keine neuen Schuhe. Wir rechnen auch nicht mit einem neuen Boom für E-Commerce nach der Krise. Denn viele Menschen werden in diesen Zeiten auf dem Sofa erfahren, wie freudlos Online-Shopping ist und happy sein, zum Flanieren und Shoppen zu dürfen.
„Um die Kleinen machen wir uns weniger Sorgen als um die großen Filialisten, die erhebliche Fixkosten haben.“
Karsten Niehus
Glauben Sie, dass es viele kleine Einzelhändler nicht überstehen werden?
Um die Kleinen machen wir uns weniger Sorgen als um die großen Filialisten, die erhebliche Fixkosten haben und z.B. erhebliche Mieten für eine Vielzahl von Läden in Einkaufscentern oder besten Lagen zahlen müssen. Inhabergeführte Einzelhandelsgeschäfte können ganz gut über die Runden kommen, wenn sie es schaffen, die Kosten zu minimieren und die staatliche Hilfe tatsächlich ankommt. Zumal viele auch Inhaber ihrer Immobilien sind. Außerdem sind viele unserer Anschlusshäuser hochspezialisiert und solide aufgestellt. Händler mit guten Konzepten werden gestärkt weitermachen. Ich schätze, deutlich mehr als 90% unserer Kunden werden die Krise meistern. Eventuell werden Schließungen der nächsten Jahre rascher vollzogen. Wenn allerdings auch noch der Mai ausfällt, könnte die Situation ganz anders aussehen. Deshalb fordern wir den inhabergeführten Einzelhandel wie in Österreich sehr kurzfristig wieder zu öffnen.

Was empfehlen Sie für die Wiedereröffnung?
Natürlich wären Abverkäufe zu regulären Preisen wünschenswert, und wir empfehlen entsprechende Absprachen mit direkten Wettbewerbern und den Werbegemeinschaften zu treffen. Wir fürchten aber, dass viele Händler unter Liquiditätsddruck stehen und mit Rabatten starten. Außerdem empfehlen wir unseren Fachhändlern, die Läden 'Corona-fest' zu machen, falls die Wiedereröffnungen mit Auflagen verbunden sind. Wir arbeiten gerade mit Agenturen an Vorschlägen, wie Events und Straßenfeste. Bis dahin raten wir den Händlern, auch die Schaufenster zu pflegen, denn einige Menschen sind ja doch unterwegs.

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