Großbritannien - Haushalte erwarten eine Rezession oder gar eine Depression

Premier Johnson stimmt die Briten auf schwere Zeiten ein

Boris Johnson schließt eine Verschärfung der Maßnahmen nicht aus.
Boris Johnson schließt eine Verschärfung der Maßnahmen nicht aus.

Das Leben in Großbritannien dürfte sich kaum vor dem kommenden Herbst normalisieren. Ein zu schnelles Aufheben der Ausgangsbeschränkungen wegen der Corona-Pandemie könnte eine zweite Infektionswelle auslösen, warnte Jenny Harries, die die Regierung in Medizinfragen berät. Der an Covid-19 erkrankte britische Premierminister Boris Johnson stimmt die Briten mit einem emotionalen Brief auf schwere Zeiten ein und schließt eine Verschärfung der Maßnahmen nicht aus.

„Es ist wichtig für mich, offen und ehrlich mit Ihnen zu reden – wir wissen, dass sich die Lage verschlechtert, bevor sie besser wird, heißt es in dem Schreiben, das in dieser Woche an 30 Millionen Haushalte verschickt werden soll.

Wie schwer sich die Folgen der Corona-Krise und der Schließung der Geschäfte auswirken wird, ist noch nicht klar. Ökonomen erwarten einen tieferen Einbruch als nach der Finanzkrise 2009. Und die Haushalte erwarten, dass Großbritannien in diesem Jahr in eine Rezession fällt. Einige gehen sogar von einer schweren Depression aus, nachdem Teile der Wirtschaft lahm gelegt sind. Die Sorge um das wirtschaftliche Wachstum, steigende Arbeitslosigkeit und bevorstehende Geschäftspleiten haben das Konsumentenvertrauen auf den niedrigsten Level seit 2013 fallen lassen. Das zeigt der jüngste Konsumklima-Index, den YouGov und das Centre for Economics and Business Research veröffentlichten.

Der Index ist um 4,2 Punkte auf 103,3 gefallen. Das ist der stärkste monatliche Rückgang infolge des Brexit-Referendums 2016. Der Index ist nur drei Punkte über der Grenze von 100, die Optimismus von Pessimismus trennt. Die Aussichten haben sich in wenigen Wochen stark verschlechtert.

Nachdem die Briten nach dem Ergebnis der Wahl im Dezember mit Optimismus ins neue Jahr gestartet sind, erwarten nun fast Dreiviertel der Haushalte eine Rezession in diesem Jahr. Fast ein Fünftel der Haushalte glauben, dass das Land in eine verlängerte und anhaltende Depression fallen könnte, so die Umfrage.

Das Centre for Economics and Business Research geht davon aus, dass das Bruttoinlandsprodukt im zweiten Quartal dieses Jahres um rd. 15% fallen wird, bevor es sich im dritten Quartal erholt. Die Store-Schließungen und die steigende Arbeitslosigkeit – vor Ausbruch der Krise waren nur gut 1,3 Millionen Menschen arbeitslos und damit lag die Arbeitslosenrate bei unter 4% – werden den Konsum im Quartal um 15% drücken. Die Investitionen der Unternehmen werden über das Jahr um 13% zurückgehen, so die Umfrage des Think Tanks, die in den ersten drei März-Wochen durchgeführt wurde. „Es ist jetzt höchstwahrscheinlich, dass die wirtschaftliche Krise in den kommenden Monaten zu einem Anstieg der Arbeitslosigkeit und Reduktion der Haushaltseinkommen führen wird,“ sagt Kay Neufeld, Head of Macroeconomics beim Centre for Economics and Business Research.

Der Einzelhandel muss mit dem größten Umsatzeinbruch seit mehr als einer Dekade rechnen, so der Unternehmensverband CBI. Nach der am Montag vergangener Woche verordneten Schließung aller Bekleidungsgeschäfte, haben nach und nach viele Retailer ihre Online-Operationen eingestellt.

Der Druck auf die Retailer, die keine lebenswichtigen Produkte verkaufen, hat zugenommen. So hat die Modegruppe Next am seit vergangenen Donnerstagabend ihre Online-, Warehousing- und Distributions-Operationen geschlossen. Die Luxusmode-Ecommerce-Gruppe Yoox Net-a-Porter folgte ebenso wie das Menswear-Label Paul Smith. In der Branche gibt es die Befürchtung, dass die Regierung auch den Versand nichtessentieller Produkte stoppen könnte, um das Risiko für Beschäftigte und Konsumenten zu mindern.

Die Mitarbeiter der Post haben inzwischen darum gebeten, die Lieferungen nichtlebenswichtiger Güter zu limitieren. Einige Unternehmen führen das Online-Geschäft fort mit der Argumentation, dass die Regierung es den Konsumenten ermöglichen wolle, während des Lockdowns shoppen zu können. Und das British Retail Consortium meint, dass die Leute nach wie vor Bedarf für Bekleidung haben. Darauf setzt Online-Only Fashion-Retailer Asos, der die Rücksende-Frist auf 90 Tage verlängert und Angebote mit 15% Rabatt sowie Sale mit bis zu 50% anbietet. Noch sagte Asos, dass die Einstellung der Online-Operationen nicht geplant ist. Schließlich erstrecke sich das Lagerhaus in Barnsley über eine Fläche von fast 65.000m² und habe eine größtenteils automatisierte Verarbeitungslinie, weshalb die Zahl der Mitarbeiter auf 500 pro Schicht begrenzt ist.

Die Gewerkschaft GMB warf Asos vor, „Russisch Roulette mit dem Leben der Leute zu spielen“ und plädierte für die Schließung des Logistikcenters während der Corona-Epidemie. Asos hält sein Verhalten dagegen für „verantwortungsvoll, vor allem in Hinblick auf unsere Lieferanten und all diejenigen, die in unserer Supply Chain beschäftigt sind.“ Und auch Konkurrent Boohoo setzt den Online-Verkauf fort. „Bei uns funktioniert alles wie gewohnt“, heißt es auf der Website und dazu gibt es 40% Rabatt auf alles.

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