Großbritannien

Corona-Krise wirkt sich auf Lieferketten und Nachfrage aus

Die britische Modebranche sorgt sich nicht nur um die Auswirkungen der Corona-Krise auf die Lieferketten. Das Virus stört auch die Nachfrage. Der Tourismus leidet und der Handel beklagt weniger internationale Kunden: Mit 53 bestätigten Corona-Fällen ist Großbritannien noch weniger betroffen als der Kontinent.

Die Regierung prüft mit einer Art „Schlachtplan“ alle Optionen, um im Fall einer weiteren Ausbreitung gerüstet zu sein. Die Erholung nach der britischen Parlamentswahl im Dezember hat durch den Corona-Ausbruch schon einen Dämpfer bekommen. Das spürt die verarbeitende Industrie in Großbritannien, wie der jüngste IHS Markit/CIPS Einkaufsmanagerindex zeigt.

Bekleidungsdiscounter Primark warnte in der vergangenen Woche vor Engpässen bei einigen Linien, falls die Produktionsverzögerungen andauern. Associated British Foods (ABF), das Konglomerat hinter Primark, ist in 52 Ländern tätig, beschäftigt mehr als 138.000 Mitarbeiter, davon 3.500 in China. Primark bezieht mehr als 40% seiner Produkte aus China und rd. neun der insgesamt 525 Fabriken, die für Primark fertigen, sind in der Provinz Hubei, dem Zentrum des Corona-Ausbruchs. Laut John Bason, Chief Financial Officer, ABF, zieht Primark die Verlagerung von Produktionskapazitäten nach Südostasien und in europäische Länder wie die Türkei in Betracht. Damit hofft man kurzfristig Ausfälle abfedern zu können bis die Mitarbeiter der chinesischen Lieferanten wieder in die Fabriken zurückkehren.

Andere Bekleidungs- und Sportwear-Labels berichten von Lieferverzögerungen bis zu einem Monat. Und das ist bei modischer Saisonware ein Zeitraum, der sie möglicherweise nur noch schwer verkäuflich macht. Deshalb wird Produktion an andere Standorte verlagert, möglichst auch in China, um wenig Zeit zu verlieren. Viele britische High Street-Ketten haben aber im Moment noch keine Probleme, genügend Ware an Lager zu haben, da große Order bereits vor dem chinesischen Neujahrsfest (25. Januar bis 8. Februar) erteilt werden. Wenn die Corona-Krise sich aber weiter ausbreitet und andauert, sorgt man sich um die Herbst/Wintersaison.

Inzwischen macht sich aber auch im stationären Handel und auch bei Onlinehändlern Nervösität breit. Frische Saisonware wird mit beträchtlichen Rabatten angeboten. Debenhams offeriert Womenswear zum halben Preis. Kunden außerhalb Großbritanniens und Irlands können bei Marks & Spencer online auf Schnäppchenjagd gehen: 40% Rabatt gibt es beim Sale Preview. Bei der Modekette New Look gibt es einen Rabatt von 25% bei Tops, am Wochenende sogar auf das ganze Programm. Die Schuhkette Office hatte „Must-have“-Trainers mit einem Preisabschlag von 40% imAngebot und Modefilialist Whistles reduziert neue Saisonware um 20%.

Selbst die Onlinehändler sind in den Preiswettbewerb eingestiegen. Bei Asos heißt es: „Hol Dir bis zu 30% Rabatt auf Styles für die neue Saison“ und bei Missguideds Trend Fashion gibt es „50% Rabatt auf alles“.

Als Grund für die Rotstift-Aktionen zum Saisonbeginn wird nicht nur das kalte, nasse Wetter, sondern auch die nachlassende Frequenz infolge der Corona-Ausbreitung genannt. Es wird weniger gereist, also kommen auch weniger Touristen in die Metropole an die Themse. Messen und Events werden abgesagt, die Banker bei Goldman Sachs sollen auf nicht unbedingt notwendige Reisen verzichten. British Airways hat mehr als 400 Flüge zwischen 16. und 28. März gestrichen, einschl. Strecken wie Deutschland, Italien und USA. Britische Retailer wollen eine Reform der britischen Visa- und Umsatzsteuererstattungs-Regelung fordern.

Paul Barnes, Chief Executive der kürzlich gegründeten Association of International Retail, appeliert an die Regierung, schon jetzt für die Erholung zu planen. Die Gruppe, deren Mitglieder viel internationale Kundschaft haben, wird unterstützt von Einzelhändlern wie Harrods, Selfridges und John Lewis sowie Global Blue, dem Mehrwertsteuer-Rückerstatter, und der New West End Company, die Geschäfte rund um die Oxford Street repräsentiert. Britische Stores verkaufen jedes Jahr Ware im Wert von rund 6 Mrd. Pfund (rund 7 Mrd. Euro), etwa ein Viertel davon entfällt auf internationale Besucher. Restriktionen bei Reisen von und zu China haben laut Barnes eine erhebliche Auswirkung auf die Retailer in Städten wie London, Edinburgh und Oxford. In der vergangenen Dekade hat sich die Zahl der ausgegebenen Visa fast verdoppelt. Aber da Großbritannien nicht im Schengenraum ist, haben die chinesischen Reiseveranstalter oft Großbritannien nicht auf ihren Plänen, so Barnes.

Die Association of International Retail drängt die Regierung zudem, spezielle Visa an die Eltern chinesischer Studenten in Großbritannien auszugeben, visafreie Reisen für einige chinesische Besucher zu ermöglichen und ein Mehrfach-Einreisevisa für 10 Jahre als Standard einzuführen. Zudem fordert die Gruppe eine Ausweitung der Sonntagsöffnung, die zusätzliche Einnahmen in Höhe von 260 Mio. Pfund generieren könnte.
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