Hallhuber-Chef Rouven Angermann über Finanzen, Ware, Stores

„Bei der Liquidität denken wir in Wochenrhythmen”

Hallhuber
"Uns allen rinnt das Geld nur so durch die Finger", sagt Hallhuber-Chef Rouven Angermann.
"Uns allen rinnt das Geld nur so durch die Finger", sagt Hallhuber-Chef Rouven Angermann.

Jeden Tag ein neues Szenario, alle im Homeoffice, Kurzarbeit angemeldet: Bei Hallhuber ist, wie bei allen Unternehmen der Branche, Krisenmanagement angesagt.

Was tun, wenn alle Läden dicht sind, die Ware in der Pipeline ist und keiner weiß, wann es weitergeht. Der Chef des Münchner DOB-Filialisten, Rouven Angermann, bezeichnet die momentane Situation als größte Herausforderung für das Management. Aber er ist auch stolz: Auf seine Mitarbeiter. Ausnahmslos alle versuchten mit großen Engagement und Zuversicht die Situation zu meistern.


Keine Selbstverständlichkeit, da Hallhuber gerade eine Krise hinter sich gebracht hat. Im vergangenen Sommer war die ehemalige Gerry Weber-Tochter an den Finanzinvestor Robus Capital verkauft worden. Das Unternehmen musste neu aufgestellt, Prozesse entflochten und Altlasten abgebaut werden. Hallhuber hat knapp 380 Stores und Verkaufsflächen in Deutschland (267), Österreich, der Schweiz, Benelux, Polen, Großbritannien und Irland. Daneben gibt es in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Frankreich Online-Shops.

TextilWirtschaft: Herr Angermann, wo erreiche ich Sie gerade?
Rouven Angermann: Im Homeoffice wie alle Hallhuber-Mitarbeiter. Wir haben bereits vor den behördlichen Anordnungen in Bayern beschlossen, dass alle Kollegen zu Hause arbeiten. Vor zwei Wochen haben wir an einen Tag einen Stress-Test gemacht, um zu sehen, ob es funktioniert. Danach fiel die Entscheidung. Inzwischen wurde auch Kurzarbeit angemeldet, eine andere Möglichkeit bei geschlossenen Filialen haben wir nicht.

Welche Themen stehen auf Ihrer Agenda ganz oben?
Wir arbeiten mit Hochdruck an allen Themen: Ware, Finanzen, Stores. Die Lage verändert sich gerade stündlich, insbesondere auf der Rechtsseite.

Was halten Sie von dem Hilfspaket, dass die  Bundesregierung gerade verabschiedet hat und das am Freitag im Bundesrat durchgebracht werden soll?
Die Regierung packt die richtigen Themen an. Ich habe aber den Eindruck, dass die Banken, für das alles, was jetzt kommen wird, nicht richtig aufgestellt sind. Und auch viele rechtliche Fragen sind noch offen.

Was genau meinen Sie?
Die Staatshilfen sind eine erste Verbesserung. Das Geld brauchen alle, allerdings werden damit gerade nur die Verluste gedeckt. Wir sind alle komplett angreifbar, allen rinnt das Geld nur so durch die Finger. Erwirtschaftet wird nichts und dem Geld, das wir brauchen, steht keine Wertschöpfung gegenüber. Wir denken in Sachen Liquidität in Wochenrhythmen. Derzeit weiß niemand, ob das, was die Regierung verspricht, Kredite oder Zuschüsse sind.

Es fehlt also die Rechtssicherheit?
Genau. Die Rechtslage muss uns Luft verschaffen. Es stellen sich Fragen wie, was für Zuschüsse können wir beantragen? Werden Zinsen erhoben? Wenn ja, in welcher Höhe? Wie ist das mit der Tilgung?

Hallhuber gehört dem Finanzinvestor Robus Capital, wie verhält sich Ihr Inhaber?
Mit unserem Gesellschafter sprechen wir nahezu stündlich und agieren eng abgestimmt. Die Krisenerfahrung des Robus Teams hilft sehr. Unser Unternehmen hat ja bekanntlich eine schwere Zeit hinter sich. Diese war gerade überwunden. Wir sind nicht mehr der Patient auf der Intensiv-Station sondern schon in der Reha und müssen jetzt irgendwie durchhalten.



Wie managen Sie die Ware, jetzt da alle Läden zu sind und man nicht weiß, wann es weitergeht?
Die Lieferungen an unsere Handelspartner haben wir sofort gestoppt. Aber es ist noch Ware unterwegs und das sind in einem vertikalen Modell wie dem unseren keine kleinen Mengen. Diese Ware nehmen wir natürlich an, besprechen aber mit unseren Lieferanten, in welchem Umfang wir direkt bezahlen müssen. Gleichzeitig reden wir darüber, was nicht mehr in die Produktion geht.

Und die Zeit nach dem Shutdown?
Wir gehen von einem Shutdown von bis zu zwei Monaten aus. Danach wird, ob wir das wollen oder nicht, rabattiert werden. Denn jeder wird dringend Liquidität brauchen.

Die Läden öffnen und die Kunden kaufen sofort Mode?
Nach der Finanzkrise 2008 haben wir gesehen, dass die Kundinnen in der Tat Mode gesucht haben und zwar neue Themen. Das ist unser Asset.

Es gibt ja noch den Online-Shop, für den regelmäßig Themen per Newsletter verschickt werden. Funktioniert das?
Bis vor zwei Wochen war der E-Shop stabil. Dann ist der Traffic signifikant nach unten gegangen. Kurz gesagt, damit können wir aktuell überhaupt nichts kompensieren. Sicher, gibt es Zugriffe, wenn wir was Neues anbieten, aber die Menschen haben gerade andere Themen als Mode. Trotzdem wollen wir die Aufenthaltsqualität hoch halten. Wir bespielen unseren Blog noch intensiver, machen viel Social Media. Und da interagieren die Kundinnen auch.

Normalerweise würden jetzt Planung und Produktion für den Herbst beginnen.
Die Herbstware ist eine riesige Management-Herausforderung. Wie viel Ware kommt? Welcher Umsatz ist möglich? In welche Kanäle geht das Ganze? Wir setzen im Herbst sehr stark auf modische Impulse. Und die Stoffproduktion läuft, es geht um Wolle, Cashmere und auch schon um Daunen.

Woher kommt die Ware?
Unsere Wollstoffe für die Konfektion kommen komplett aus Italien. Konfektioniert werden diese Artikel ausnahmslos in der EU. Das könnte uns jetzt sogar helfen. Wenn Italien wieder auf die Beine kommt, ist die Produktion zu schaffen. In Asien läuft die aktuelle Produktion wieder recht ordentlich. Dort erwarte ich aber zum Herbst eher neue Probleme, weil die Vorprodukte nicht kommen.

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