Händlerstimmen zur Corona-Krise

"Valuta hilft uns nicht"

imago images / Ralph Peters

Woche 1 des Shutdowns ist überstanden. Überall im Land beschäftigt sich der Modehandel mit den gleichen Fragen: Wo bekomme ich in der Corona-Krise Hilfen, Kredite? Wann wird das Kurzarbeitergeld ausgezahlt. Zentral aber bleibt die Frage: Wie das Warenproblem lösen?

Viele Händler bemängeln, dass es bislang nicht gelungen sei, eine einheitliche Lösung auf Seiten der Lieferanten zu finden. "Von unseren 120 Lieferanten hat jeder eine andere Strategie. Von gar nichts tun über melden bis zu täglichen Wasserstandsmeldungen posten.  Auch hier wären einheitliche Regelungen hilfreich", schreibt ein Mitglied des TW-Testclubs. 

"Eine Verlängerung der Zahlungsziele hilft uns nicht"

Andere kritisieren den teils rüden Ton. "Was mich besonders bewegt hat, sind all die Mails die aktuell von Lieferanten an uns Händler gehen. Teilweise verständnisvoll und hilfreich, teilweise aber auch unterirdisch und am Thema weit vorbei. Wenn wir so mit unseren Kunden sprechen würden, bräuchten wir die Ladentüre nach der Krise nicht mehr aufschließen", schreibt ein Händler. "Wir sind mittlerweile so weit, dass wir bei einem Lieferanten Stornogebühren bezahlt haben um die Ware nicht zu bekommen. Partnerschaft / Hilfsbereitschaft Fehlanzeige. Die Rechnung dafür kam mit sofortiger Wirkung, nicht dann, wenn die Ware eigentlich kommen sollte."

Einigkeit herrscht, dass die Gewährung von Valuta nicht ausreiche. Die Rufe nach einer gemeinsamen, partnerschaftlichen Lösung werden immer zahlreicher. So schreibt etwa ein Mitglied des TW-Testclubs: "Eine Verlängerung der Zahlungsziele hilft uns nicht. Auch die Verschiebung auf Lieferantenseite hilft uns nicht weiter. Wir müssen den Ausfall gemeinsam tragen und den Verlust teilen. Wir haben für uns entschieden, die Hälfte des Umsatzes, der wegbricht, wird zu unseren Lasten sein. In Höhe der anderen Hälfte müssen all unsere Lieferanten Orders stornieren. Ganz egal ob April, Mai, Juni, Juli oder August. Wir haben die Tür zugeschlossen bekommen. Die Industrie kann nicht einfach weiter machen wie letzte Woche. Hier muss geholfen werden und wer das nicht tut, hat bei uns im Laden nach der Krise keinen Platz mehr."

Optimismus in der Krise 

Und dann gibt es auch Händler, die sich auch in diesen Zeiten den Optimismus bewahren. So schreibt Michael Heinen, Inhaber Strandbasar Borkum: "Ich habe einen kleinen Laden in Ostfriesland, der Einzelhandel, Großhandel, Produktion und Onlinehandel macht – wirklich keine einfache Zeit. Dennoch gilt es, optimistisch in die Zukunft zu schauen, denn sonst könnten Sie die Bude gleich zu machen."

Michael Heinen wendet sich mit einem ehrlichen optimistischen Schreiben an seine Kunden.
Michael Heinen
Michael Heinen wendet sich mit einem ehrlichen optimistischen Schreiben an seine Kunden.


Auch in Vechta will man positiv bleiben. "Wir von Leffers in Vechta musst natürlich auch auf die neue Situation reagieren. Deswegen haben wir vor 10 Tagen einen Lieferservice für unsere Kunden eingerichtet. Wir bringen die schöne Frühjahrsmode bis an die Tür. Wir sind auch sehr glücklich, das man sich regional hier sehr unterstützt und unser Lieferservice gut angenommen wird. Wir bleiben optimistisch und hoffentlich alle gesund", heißt es in einer E-Mail an die TW. 
„Die größte Sorge ist, dass die Kollegen nach der Wiedereröffnung nicht die Nerven behalten und wir uns dann gegenseitig mit Rabatten fertigmachen.“
Tobias Eierund, Eierund, Hildesheim

Sorge vor Rabattschlacht

Andernorts blickt man mit skeptischer in die nahe Zukunft. "Die größte Sorge ist, dass die Kollegen nach der Wiedereröffnung nicht die Nerven behalten und wir uns dann gegenseitig mit Rabatten fertigmachen." Tobias Eierund von Eierund in Hildesheim. 

Viele seiner Kollegen halten eine Rabattschlacht für unausweichlich. Vor allem, wenn die Geschäfte tatsächlich erst Anfang Mai wiederöffnen dürften, sei die Gefahr groß, glaubt Heinz-Peter Böker, Geschäftsführer von Kaiser in Freiburg. "Das gibt ein Hauen und Stechen auf dem Markt. Ende Mai machen wir in der Regel unsere erste große Couponaktion für Stammkunden und das werden wir in diesem Frühjahr auf jeden Fall nutzen müssen." Lesen Sie hier das ausführliche Interview mit Kaiser-Geschäftsführer Heinz-Peter Böker.

Und die Frage, wie nach der Wiedereröffnung die Folgen des Shutdowns aufgefangen werden kann, treibt viele Händler um.
„In der ersten Welle, also ab sofort, werden viele Geschäfte, ob klein oder groß, ohne ausreichende Liquidität in die Insolvenz geraten. Dieser Prozess hat bereits begonnen. Viel schlimmer jedoch wird die zweite Welle sein, die im Herbst beginnt.“
Harald Heldmann, Classico, Hamburg
So schreibt Harald Heldmann, Geschäftsführer von Classico in Hamburg: "In der ersten Welle, also ab sofort, werden viele Geschäfte, ob klein oder groß, ohne ausreichende Liquidität in die Insolvenz geraten. Dieser Prozess hat bereits begonnen. Viel schlimmer jedoch wird die zweite Welle sein, die im Herbst beginnt." Dann nämlich würden die jetzt aufgeschobenen Mietzahlungen für viele Einzelhändler fällig.

"Der Aufschub der Mietzahlungen führt dazu, dass diese spätestens ab August oder September 2020 dann doppelt neben den laufenden Mietzahlungen anstehen. Das ist aber der Zeitpunkt an dem die Herbst/Winter Ware 2020/2021 geliefert wird. Es wird nahezu unmöglich sein, dann auch die Winterware zu bezahlen!", schreibt Heldmann. Sein Vorschlag:  Der größte Teil der kommenden Insolvenzen könne vermieden werden , wenn, ähnlich wie in Österreich, die Mieter durch das deutsche Bürgerliche Gesetzbuch in Kriegs-, Seuchen- oder anderen Katastrophenzeiten abgesichert seien.

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