Highsnobiety-CEO zum Tod von Virgil Abloh

"Unvorstellbar, dass er nicht mehr da ist"

Highsnobiety
Highsnobiety-CEO David Fischer über den verstorbenen Virgil Abloh: "Man kann schon sagen, dass kein anderer Designer mehr Raum bei uns hatte als er."
Highsnobiety-CEO David Fischer über den verstorbenen Virgil Abloh: "Man kann schon sagen, dass kein anderer Designer mehr Raum bei uns hatte als er."

Wohl kaum ein Portal hat so engmaschig über Virgil Abloh und sein Wirken berichtet wie Highsnobiety. Jetzt ist der Fashion- und Streetwear-Pionier im Alter von gerade einmal 41 Jahren verstorben. Im TW-Interview spricht Highsnobiety-Gründer und CEO David Fischer über den Ausnahmedesigner.

TextilWirtschaft: Die Nachricht vom Tod Virgil Ablohs hat die meisten in der Branche sehr überrascht. Sie haben ihn mit Highsnobiety schon seit langem begleitet. Wissen Sie noch, wann Abloh das erste Mal bei Ihnen auf den Schirm trat?
David Fischer: Einer der ersten Texte über ihn auf Highsnobiety handelt von einem T-Shirt, das er mit Colette gemacht hat, der ist von 2007. Von den 16 Jahren die es Highsnobiety jetzt gibt, ist Abloh also etwa vierzehn Jahre dabei. Man kann schon sagen, dass kein anderer Designer mehr Raum bei uns hatte als er. Daher ist es auch unvorstellbar, dass er nicht mehr da ist.

Wie haben Sie Abloh wahrgenommen?
Wenn eines klar ist, dann, dass er ein unfassbar sympatischer Mensch war, der jedem eine Chance gegeben hat. Überhaupt war es das, was er sich zur Aufgabe gemacht hatte: jedem eine Chance zu geben und jeden zu motivieren. Das macht seinen Tod jetzt noch viel trauriger, denn ich bin sicher, dass sehr viele Menschen positive Erfahrungen mit Abloh gemacht haben und keine negativen.

Abloh hatte einen sehr hohen Output. Was war sein Antrieb?
Seine wohl wichtigste Botschaft war: Jeder kann es schaffen. Es war ihm extrem wichtig, der amerikanischen schwarzen Jugend diese Message mitzugeben. Er hat immer gesagt: Lasst es euch von niemandem sagen, dass ihr etwas nicht könnt. Und er hat es selbst bewiesen, kam als jemand von außen in die Mode, jemand der kein gelernter Designer war, und hat die Szene revolutioniert. Hat die Mode diversifiziert. Hat gezeigt, dass man Designer und gleichzeitig DJ sein kann. Wir haben immer gerne gesagt, dass er wahrscheinlich noch viel mehr als ein guter Designer oder DJ ein unfassbar guter Kommunikator war.

Was hat ihn so besonders gemacht?
Virgil Abloh hat immer auch polarisiert. Am Anfang hat er für seine Arbeit auch viel Negatives einstecken müssen. Aber er hat diese Negativität nicht zugelassen, hat stattdessen diese Negativität durch eine noch viel größere Positivität niedergeschlagen. In der Sekunde, in der du ihn getroffen hast, konnte man eigentlich nichts Schlechtes mehr empfinden, da er unfassbar positiv, sympatisch und vor allem auch sehr intelligent war. Er hat einfach auch die Spiele der Mode nicht mitgespielt. Er ist als Gast bei der Bottega Veneta-Party im Berghain gewesen, man hat ihn auch in Prada oder mit Hermès-Tasche gesehen. Und er ist natürlich auch immer der Streetwear-Szene unfassbar treu geblieben. Er ist ihr nicht nur treu geblieben, sondern hat seinen stetig wachsenden Einfluss genutzt, um Talente aus der Szene zu fördern. Abloh hat Leute aus der Streetwear zu Louis Vuitton als Designer geholt, hat DJs und Skateboarder engagiert. Umso mehr Power er bekommen hat, umso mehr hat er sie reingeholt. Anders als andere, hat er die Szene am Luxus-Business partizipieren lassen und sich nicht von ihr abgekoppelt. Das alles ging immer zurück auf diese Idee: Schaut mich an, ihr könnt es alle auch schaffen.

Gibt es einen besonderen Moment, den Sie mit ihm verbinden?
Ein sehr emotionaler Moment ist sicher seine erste Show für Louis Vuitton gewesen, mit dem Rainbow Catwalk. Am Ende der Schau gab es diese unfassbar emotionale Szene als er weinend den Catwalk runterläuft und Kanye West umarmt. Diese Show zeigt im Kleinen ganz viel, was Abloh ausmachte: Er ist der erste schwarze Designer an der Spitze der wichtigsten Luxusmarke – und das als Nicht-Designer. Außerdem sind bei der Show so viele schwarze Models gelaufen wie vorher noch nie. Das war schon ein unglaublicher Moment, der viele zu Tränen gerührt hat.

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Welches Erbe hinterlässt Abloh? Viel wurde über seine Philosophie der 3%-Regel gesprochen.
Diese Regel hat für ihn funktioniert, ich bin mir aber nicht sicher, ob sie auch für andere funktionieren kann. Dieses Prinzip des Remixens kommt ja auch stark aus der Streetwear-Welt, aus der Musik. Wahrscheinlich sind tausende Streetwear-Designer von diesem Ansatz Ablohs inspiriert, aber ob es jemand auf seinem Niveau ausführen kann, da bin ich mir nicht sicher. Klar ist aber, dass er mit seiner Arbeit bei Louis Vuitton ein neues Zeitalter eingeläutet und in der ganzen Branche viele Barrieren niedergerissen hat. Und die kommen jetzt auch nicht wieder, nur weil Virgil Abloh nicht mehr da ist.
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