Im Sehnsuchtsort der Lockdown-Kritiker waren alle Geschäfte weiter geöffnet

Wie läuft's eigentlich in Schweden?

Foto: Hui Research
Jonas Arnberg: "Die Geschäfte sind zwar offen - es kommen aber keine Kunden. Im März sind die Umsätze im Bekleidungshandel um 38,8% zurückgegangen."
Jonas Arnberg: "Die Geschäfte sind zwar offen - es kommen aber keine Kunden. Im März sind die Umsätze im Bekleidungshandel um 38,8% zurückgegangen."

Schweden gilt als Sehnsuchtsort der Lockdown-Kritiker. Während in Deutschland alle nicht lebensnotwendigen Geschäfte und die Gastronomie rigoros geschlossen wurden, hat Schweden – wenn auch mit Restriktionen – weitergemacht.

Jonas Arnberg ist Geschäftsführer des zum schwedischen Handelsverband gehörigen Beratungs- und Marktforschungsunternehmens Hui Research. Wir haben ihn in seinem Büro in Stockholm erreicht.


TextilWirtschaft: Herr Arnberg, Schweden hat als eines der ganz wenigen Länder auf einen Lockdown verzichtet und halbwegs Normalität bewahrt. Lockdown-Kritiker auf der ganzen Welt blicken deshalb neidvoll auf Ihr Land. Zurecht?
Jonas Arnberg: Das Bild, dass von der angeblichen Normalität in Schweden gezeichnet wird, trügt. Zwar sind Geschäfte, Cafés und Restaurants – wenn auch mit leichten Restriktionen – offen. Es kommen aber keine Kunden.

Wie hat sich das in Zahlen ausgewirkt?
Im März sind die Umsätze im gesamten Bekleidungshandel um 38,8% zurückgegangen. Der Schuhhandel war mit minus 47,1% noch stärker getroffen. Besonders kräftig gingen die Erlöse nach dem 11. März zurück, als die Politik die Corona-Gefahr offiziell als hoch einstufte und Menschenansammlungen von über 500 Personen verboten hat. Für den April rechne ich mit ähnlichen Zahlen.

So voll wie auf diesem Archivbild war es in der Stockholmer Einkaufsmeile Drottninggatan seit Ausbruch der Corona-Krise nicht mehr.
Foto: Imago Images
So voll wie auf diesem Archivbild war es in der Stockholmer Einkaufsmeile Drottninggatan seit Ausbruch der Corona-Krise nicht mehr.

Können Sie das Bekleidungsgeschäft etwas differenzieren?
Grundsätzlich kann man sagen, dass es den Modehandel am schlimmsten trifft. Es gibt nur wenige Bereiche wie Homewear und Outdoor, die etwas besser laufen. Wenn die Menschen nicht mehr rausgehen, gibt es keinen Grund für den Kauf von Mode. Im Übrigen ist auch der Sporthandel mit seinem Bekleidungsangebot stark getroffen.


Welche Branchen entwickeln sich normal bzw. sogar gut?
Der Lebensmittelhandel hat in Schweden im März ein Plus von 13% erreicht. Dort ist das Online-Geschäft, das bislang nur einen äußerst geringen Anteil hatte, um 50% gewachsen. Auch die Baumarkt- und Gartenbedarf-Branche läuft gut.

Welche Entwicklung beobachten Sie hinsichtlich der Einkaufsstätten?
Wir sehen, dass kleinere, inhabergeführte Geschäfte in Nachbarschaftslagen besser funktionieren. Die Menschen sind jetzt mehr zuhause, das heißt, sie gehen auch stärker vor Ort einkaufen und fahren nicht unbedingt in die Innenstädte, die großen Städte und die Malls.

Trotzdem scheint auch der schwedische Handel schwer getroffen. Welche Perspektiven sehen Sie?
Das ist überhaupt nicht absehbar. Die Wirtschaft wird jeden Tag schwächer. Im Moment sind die meisten Menschen zuhause wegen Corona, und künftig vielleicht, weil sie keine Arbeit mehr haben.

Große Einkaufszentren (Foto: Mall of Scandinavia in Stockholm) haben laut Jonas Arnberg besonders stark an Frequenz verloren.
Foto: Unibail-Rodamco-Westfield
Große Einkaufszentren (Foto: Mall of Scandinavia in Stockholm) haben laut Jonas Arnberg besonders stark an Frequenz verloren.

Gibt es bereits größere Unternehmensinsolvenzen im Handel?
Ja, getroffen hat es zum Beispiel MQ, einen der größten Multibrand-Filialisten Schwedens mit über 150 Geschäften oder die Venue Retail Group aus Stockholm. Der Modehandel hat bereits in den vergangenen Jahren durch den großen Shift in Richtung E-Commerce gelitten. Corona beschleunigt jetzt die Krise der ohnehin angeschlagenen Unternehmen, die zu wenig in ihre Zukunftsfähigkeit investiert haben.

Gibt es auch in Schweden die Möglichkeit der Kurzarbeit für Unternehmen?
Ja, dabei zahlen die Unternehmen 20% des Gehaltes, den Rest übernimmt der Staat.

Ein anderer großer Kostenblock sind die Mieten. Wie wird darüber diskutiert?
Alle sind sich darüber einig, dass die Ladenmieten sinken werden. In der aktuellen Situation wird natürlich auch in Schweden zwischen Mietern und Vermietern mit harten Bandagen gekämpft. Gesetzlich ist es in der Corona-Krise so geregelt, dass sich beide Parteien auf einen Mietnachlass einigen und der Eigentümer dann vom Staat die Hälfte des Nachlasses zurückerstattet bekommt.

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