Interview mit Denim Expert Limited-Geschäftsführer Mostafiz Uddin

"Für ganz Bangladesch verheerend"

Denim Expert
Mostafiz Uddin, Gründer der Fachmesse Bangladesh Denim Expo, über die Absagen von Messen: „Virtuelle Präsentationen und Videokonferenzen können dazu beitragen, das Modegeschäft vor dem Stillstand zu bewahren.“
Mostafiz Uddin, Gründer der Fachmesse Bangladesh Denim Expo, über die Absagen von Messen: „Virtuelle Präsentationen und Videokonferenzen können dazu beitragen, das Modegeschäft vor dem Stillstand zu bewahren.“

Die Coronakrise stellt hiesige Unternehmen vor riesige Herausforderungen und zwingt sie zu Sparmaßnahmen. Das trifft in Form von Stornierungen nicht zuletzt die Lieferanten weltweit hart. Was diese Entwicklung für sein Unternehmen und Bangladesch insgesamt bedeutet, erläutert Mostafiz Uddin, Geschäftsführer des Jeans-Produzenten Denim Expert Limited und Gründer der Fachmesse Bangladesh Denim Expo, im Gespräch mit der TW.

TextilWirtschaft: Herr Uddin, Sie hatten sich bereits am 25. März dazu entschlossen, Ihr Werk für mindestens 11 Tage zu schließen, ohne dass es von der Regierung angeordnet wurde.
Mostafiz Uddin: Genau, unsere Premierministerin Sheikh Hasina hatte an diesem Tag in ihrer Rede an die Nation einen landesweiten Urlaub ausgerufen, der mittlerweile bis zum 11. April verlängert wurde. Öffentliche und private Unternehmen mussten ihre Büros schließen und auch der öffentliche Verkehr wurde eingestellt. Maßnahmen zur Schließung von Bekleidungsfabriken wurden aber keine angekündigt. Diese Entscheidung wurde an die jeweiligen Industrieverbände delegiert. Die Bangladesh Knitwear Manufacturers & Exporters Association (BKMEA) hat ihren Mitgliedern empfohlen, die Betriebe geschlossen zu lassen. Es gibt jedoch Ausnahmen.

Welche sind das?
Wer sich an die von der Regierung erlassenen Gesundheitsrichtlinien hält, kann seine Werke weiter betreiben. Diese Option wurde insbesondere deshalb beibehalten, weil einige Fabriken aus dem In- und Ausland Bestellungen für Schutzausrüstung für medizinisches Personal erhalten haben. Ich biete das auf gemeinnütziger Basis auch an.

Andere Aufträge werden ja auch massenhaft storniert. Können Sie uns einen Einblick in Ihre wirtschaftliche Situation geben?
Wir leiden sehr unter der unerwarteten Einkaufspraxis. Im März wurde bereits die Hälfte aller Aufträge storniert, für April wurden 75% der Orders zurückgezogen und die Aufträge für Mai und Juni wurden komplett gestrichen. Die erste tiefgreifende Krise für mich persönlich ist die Frage, wie ich die Gehälter meiner Mitarbeiter bezahlen soll. Wenn meine Angestellten den Lohn nicht zum erwarteten Zeitpunkt erhalten, wirkt sich das nicht nur direkt auf ihren Lebensunterhalt, sondern auch auf den ihrer Angehörigen aus. Ich beschäftige 2.000 Personen, aber sie alle unterstützen weitere 10.000 Familienmitglieder. Ich kann nachts nicht schlafen, wenn ich daran denke, was ich meinen Mitarbeitern sagen soll.

Sie sprachen eben von erster tiefgreifender Krise.
Zweitens wirkt sich das alles auf meinen Cashflow aus. Meine Fähigkeit, Lieferanten zu bezahlen, ist beeinträchtigt. Dadurch sind langfristige, über Jahre entstandene Geschäftsbeziehungen gefährdet. Die Banken sperren meine Konten für die Eröffnung neuer Akkreditive und zu guter Letzt habe ich sogar Schwierigkeiten, die Rechnungen der Versorgungsunternehmen meiner Fabrik zu bezahlen, was meine Beziehungen zu den betroffenen Behörden verschlechtert.

Wer gehört zu Ihren Kunden?
Ich arbeite für Marken und Einzelhändler in Europa und den USA. Es fällt mir jedoch schwer, Namen zu nennen, da dies meine Geschäftsbeziehungen gefährden könnte. Als Hersteller bin ich der einzige in der Welt, der schon lange gegen unethische Einkaufspraktiken protestiert. Dadurch hat mein Geschäft bereits stark gelitten. Die Covid-19-Krise hat nun wahrscheinlich den schlimmsten Teil dieser unethischen Praktiken in der Bekleidungslieferkette zum Vorschein gebracht.



Welche Unterstützung kommt jetzt von der Regierung?
Sie kündigte ein 50-Milliarden-Taka-Konjunkturpaket (535 Mio. Euro) für exportorientierte Industrien an, um die Auswirkungen des Coronavirus auf die Wirtschaft des Landes zu mildern. Die Bekleidungsfabriken können die Mittel aus dem Paket zu 2% Zinsen nutzen, um die Gehälter ihrer Beschäftigten bis zu drei Monate lang zu bezahlen. Ab dem siebten Monat nach Erhalt des Geldes müssen die Unternehmen mit der Rückzahlung in Raten an die Regierung beginnen. Aber die Stornierung der Aufträge hat für die Arbeiterinnen und Arbeiter schon jetzt katastrophale Konsequenzen.

Können Sie das noch einmal konkretisieren?
Laut einem Bericht des Zentrums für globale Arbeitnehmerrechte der Penn State University und des Worker Rights Consortium (WRC), eines unabhängigen Arbeitsrechtsüberwachungsinstituts, wurden bereits mehr als eine Million Menschen entlassen oder beurlaubt. Insgesamt beschäftigt die Bekleidungsindustrie Bangladeschs 4,1 Millionen Menschen. Tatsache ist, dass der Textilsektor die Lebensader der hiesigen Wirtschaft ist. 84% der gesamten Exporterlöse des Landes entfallen allein auf die Bekleidungsindustrie. Ihr Niedergang könnte also für ganz Bangladesch verheerend sein.

„Bei allen Fortschritten, die der Bekleidungssektor in Bangladesch in den letzten Jahren gemacht hat, macht uns insbesondere die fehlende vertikale Integration sehr anfällig, also die Tatsache, dass wir nur einen Teil des Lieferkettenprozesses durchführen. Das ist eine Achillesferse für unsere Industrie.“
Mostafiz Uddin, Denim Expert Limited


Zusätzlich sind Sie auch stark davon betroffen, dass Sie keine Ware mehr aus anderen Ländern bekommen können.
Ja, wir importieren Rohstoffe und Accessoires unter anderem aus China, Indien und Pakistan. Dass der Ausbruch von Covid-19 die Lieferkette unterbrochen hat, bringt uns also auch in dieser Hinsicht in eine schwierige Situation. Bei allen Fortschritten, die der Bekleidungssektor in Bangladesch in den letzten Jahren gemacht hat, macht uns insbesondere die fehlende vertikale Integration sehr anfällig, also die Tatsache, dass wir nur einen Teil des Lieferkettenprozesses durchführen. Das ist eine Achillesferse für unsere Industrie.

Können Sie dieser Krise dennoch etwas Positives abgewinnen, etwa eine Lehre, die sich daraus ziehen lässt?
Diese globale Pandemie macht deutlich, wie dringend wir ein Sicherheitsnetz zur Unterstützung der schwächsten Mitglieder der Bekleidungsindustrie brauchen. Vernünftig wäre, wenn als Ergebnis dieser Situation ein kollektives Gremium aus Vertretern von Regierung, Nichtregierungsorganisationen und Bekleidungsindustrie gebildet wird, das die in der gesamten Branche spürbaren Schockwellen analysiert und einen Unterstützungsfonds einrichtet, der im Fall zukünftiger internationaler Krisen eingesetzt werden kann.


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