Gesprächsanalytiker Achim Pothmann zur Mitarbeiter-Kommunikation in der Krise

"Personalarbeit entscheidet, wie die Unternehmen aus der Krise hervorgehen"

Lutz Tölle
Dipl. Kfm. Dr. phil. Achim Pothmann ist promovierter Gesprächsanalytiker. Er war 20 Jahre lang geschäftsführender Gesellschafter des Schuhfilialisten Schuhhouse mit acht Standorten in NRW, der mehrfach für seine Unternehmenskultur ausgezeichnet wurde. In seinem Buch „Jobglück“ schreibt er über eine neue Arbeitswelt mit konkreten Ratschlägen für zufriedenere Mitarbeiter und Führungskräfte.
Dipl. Kfm. Dr. phil. Achim Pothmann ist promovierter Gesprächsanalytiker. Er war 20 Jahre lang geschäftsführender Gesellschafter des Schuhfilialisten Schuhhouse mit acht Standorten in NRW, der mehrfach für seine Unternehmenskultur ausgezeichnet wurde. In seinem Buch „Jobglück“ schreibt er über eine neue Arbeitswelt mit konkreten Ratschlägen für zufriedenere Mitarbeiter und Führungskräfte.

Der Kaufmann und Gesprächsanalytiker Achim Pothmann sieht in der Corona-Krise viele Chancen für eine neue Unternehmenskultur mit einer engeren Mitarbeiter-Bindung und einem besseren Betriebsklima. Er hat konkrete Vorschläge zur Mitarbeiter-Motivation und Personalführung auf Distanz. Für einen idealen Neustart, im besten Fall mit zufriedeneren, motivierteren Mitarbeitern als vorher.

TextilWirtschaft: In einem Video auf Youtube sprechen Sie über das "Gute an der Corona-Krise". Sie haben selbst als Geschäftsführer eines Schuhfilialisten 20 Jahre lang im Einzelhandel gearbeitet. Hier kämpfen die Unternehmer gerade um ihre Existenz. Was soll daran gut sein?
Achim Pothmann:
Auch die Händler und Unternehmer insgesamt können diese Krise als Zäsur nutzen, um Entscheidungen zu treffen, wie sie in Zukunft arbeiten und aufgestellt sein wollen. Jeder Einzelne hat jetzt Zeit aus der Ferne darüber nachzudenken, wie er künftig sein Unternehmen führen will.

Inwieweit können die Geschäftsführer und Personalchefs die Krise nutzen, um den Zusammenhalt zu ihren Mitarbeitern zu stärken?
Dazu bietet diese Krise tatsächlich mehr Chancen denn  je. Gerade die Personalarbeit entscheidet jetzt darüber, wie das Unternehmen aus dieser Krise hervorgehen wird. Wer es jetzt versteht, mit seinen Mitarbeitern richtig zu kommunizieren, ihnen Ängste zu nehmen und Empathie zu zeigen, kann sie enger an sich binden, ein größeres Gemeinschaftsgefühl und besseres Betriebsklima schaffen als je zuvor.

Also ist Personalarbeit jetzt wichtiger denn je?
Ja. Gerade die Neurobiologie hat in den letzten Jahren eindrucksvoll bestätigt, dass Situationen mit extremen Gefühlslagen erheblich intensiver wahrgenommen und vor allen Dingen abgespeichert werden. Insofern kann eine Führungskraft in Krisenzeiten, in denen bekanntermaßen die Emotionen extremer sind, besonders nachhaltig Eindruck hinterlassen, im Positiven allerdings auch im Negativen. Ihre Mitarbeiter werden diesen Eindruck, den die Führungskraft in der Krisenzeit hinterlässt nicht vergessen und jahrelang Bezug darauf nehmen. Diese besonderen Zeiten wird Keiner jemals vergessen. Jede Botschaft zählt hier umso stärker.

Und wie sendet man die richtige Botschaft an seine Mitarbeiter?
Am wichtigsten ist es zuallererst, ihnen zu zeigen, dass man für sie da ist, ihre Nöte, Sorgen und Ängste versteht. Sie ernst nimmt, auch selbst Emotionen zeigt. Persönliche Ansprachen, Videobotschaften, Emails sind in diesen Zeiten wichtiger denn je. Auch von ganz oben. 

Was raten Sie im Umgang mit diesen Sorgen und Ängsten?
Wichtig ist es, intensiv die Mitarbeiter zu informieren, so dass nicht durch ein Informationsdefizit zu der problematischen Gefühlslage, auch noch Ärger hinzukommt. Die Herausforderung liegt darin, den besonderen emotionalen Zustand seiner Mitarbeiter zu erkennen, ihn ernst zu nehmen und sich darum zu kümmern. Dies nicht zu beachten, würde zum Hemmnis jeglichen Arbeits-Engagements führen.

In vielen Unternehmen geht es in diesen Tagen ums Überleben. Inwieweit sollten die Chefs diese existenziellen Sorgen mit den Mitarbeitern teilen?
Das ist zweifellos schwierig, vor allem wenn man den Geschäftsbetrieb dennoch irgendwie aufrechterhalten will. Denn Menschen mit Existenzängsten werden durch sie so blockiert, dass sie natürlich nicht mehr vernünftig arbeiten können. Aber es ist wichtig, sie offen über den Ernst der Lage zu informieren. Denn nur dann gewinnt man echte Mitstreiter, die bereit sind, mitzukämpfen. Und wenn alles nichts hilft, ist es am besten, den Mitarbeiter darauf vorzubereiten und nicht vor vollendete Tatsachen zu stellen.

Wie können Mitarbeiter in diesen schwierigen Zeiten überhaupt motiviert werden?
Die Antwort ist menschlich: Kontakt halten, Mitarbeiter betreuen und durch diese Phase begleiten. In so einer Zeit ist es wichtig, dass die Mitarbeiter erst recht das Gefühl bekommen, nicht alleine zu sein, sondern Teil einer Gemeinschaft zu sein, die grade gemeinsam eine Krise zu bewältigen hat. Dies stellt neben der akuten operativen Herausforderung für die Führungskraft noch mal eine besondere dar.

Wie sehen diese besonderen Herausforderungen aus?
In Krisenzeiten stehen alle unter Druck, natürlich im Besonderen die Führungskräfte. Sie sind dann meist so auf die Krisenbewältigung fokussiert, dass sie das Kümmern um ihre Mitarbeiter vergessen. Um diesen eklatanten Führungsfehler zu vermeiden, fordere ich die Führungskräfte immer auf, sich folgenden Gedanken permanent vor Augen zu halten: Die Führungskraft, die in Krisenzeiten ihre Mitarbeiter alleine lässt, wird von diesen Mitarbeitern in Zukunft alleine gelassen. Denn wir alle wissen: Gerade in schwierigen Zeiten zeigt sich der wahre Charakter eines Menschen, einer Führungskraft und eines ganzen Unternehmens.

Was raten Sie den Führungskräften konkret?
So nah dran bleiben, wie auf die räumliche Distanz möglich. Zeitnah Updates senden und jeden Mitarbeiter so informieren, als wenn man im Büro nebenan sitzen würde.

Aber Keiner weiß, wie es weiter geht. Viele sind selbst verunsichert.
Und genau darum ist es wichtig, zu kommunizieren. Klarheit zu geben, selbst über das, was noch unklar ist, zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht geklärt werden kann aber sobald es geht, auch wird. Und natürlich ganz viel guten Zuspruch geben, Verbindung halten, nah dranbleiben, sogar etwas mehr in diesem Punkt leisten, als im Normalgeschäft.

Wieviel ist richtig? Jeden Tag eine Videobotschaft?
Auch da gibt es keinen pauschalen Rat. Das muss jede Führungskraft für jeden Mitarbeiter individuell und aus dem Bauch heraus entscheiden. Auch hier geht es wieder darum, sich in den Mitarbeiter hineinzuversetzen. Und wer seine Leute nicht so gut kennt, der wird sie eben jetzt kennenlernen. Auch dazu bietet diese Krise und der damit verbundene Zeitgewinn Chancen.

Wie wichtig ist das Bild?
Die Modebranche ist eine visuelle Branche. Ich denke, eine Videobotschaft, eine Online-Konferenz ist sehr viel direkter. Aber auch das muss Jeder für sich entscheiden. Und manchmal ist es ja technisch auch gar nicht möglich, visuell zu kommunizieren. Aber auch hier können jüngere Mitarbeiter den älteren oder manchmal sogar den Führungskräften helfen. Auch das schweißt zusammen.

Sollte sich der Chef persönlich melden?
Das kommt natürlich auf die Unternehmensgröße an. In der Regel sollten die Führungskräfte einen Kreis von bis zu 15 Mitarbeitern intensiv und direkt betreuen. Aber auch von ganz oben sollte regelmäßig, mindestens einmal wöchentlich ein Lebenszeichen kommen. Und stellen Sie sich bitte mal vor, ein Mitarbeiter erhält von seinem direkten Vorgesetzten eine handgeschriebene Postkarte oder eine persönliche Email mit aufmunternden und wertschätzenden Worten. Dann ist das in dieser Zeit von unschätzbarem Wert und ein Signal mit Langfristwirkung, sozusagen eine Pille mit Depoteffekt. Ein Zuviel gibt es in diesem Fall und dieser Zeit nicht.

Sehen Sie kreative Ansätze und Ideen für die Kommunikation in diesen Zeiten?
Alle digitalen Medien zu nutzen, ist ja in der heutigen Zeit keine kreative Explosion mehr, sondern entwickelt sich, auch beschleunigt durch diese Situation, zum Standard. Die besten Ideen werden ihnen einfallen, wenn Sie sich die konkrete Situation der Mitarbeiter mit seinem "Gefühlsbauch" vor Augen führen. Und binden Sie doch die Mitarbeiter ruhig ein. Sie haben vielleicht die besten Ideen für Social Media-Events.

Inwieweit sollten die Mitarbeiter schon jetzt auf den Tag X, an dem die Geschäfte hoffentlich wieder anlaufen, vorbereitet werden?
Ganz konkret mit den Vorbereitungen und der mentalen Einstimmung sollte man spätestens eine Woche vorher beginnen. Und dann wenn möglich auch persönlich. Im Laden, der Filiale, dem Headquarter. Aber vorher ist es wichtig, kreative Ideen zu sammeln. Im Homeoffice, auf Kurzarbeit kann man so viel kreatives Potenzial heben. Alle können zu Marketingstrategen werden, wenn sie sich dazu ermuntert fühlen. Noch nie gab es so viel Zeit, Muse und Abstand über Strategien, über das Kundenverhalten nachzudenken und zu reflektieren. Die Langeweile und der Perspektivwechsel zu Hause fördert im besten Fall die Kreativität. Für einen idealen Neustart, im besten Fall mit zufriedeneren, motivierteren Mitarbeitern als vorher.

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