Interview mit Armedangels-CEO Martin Höfeler

"Wir für den Handel, der Handel für uns"

Foto: Armedangels
Armedangels CEO Martin Höfeler
Armedangels CEO Martin Höfeler

Armedangels will dem Handel entgegenkommen und seine Lieferanten schützen, "ohne aber uns selber komplett zu vergessen, schließlich müssen auch wir als Unternehmen überleben", sagt CEO Martin Höfeler.

TextilWirtschaft: Herr Höfeler, Ende März haben Sie einen offenen Brief an Ihre Lieferanten verschickt unter der Headline "Why we do not cancel our orders". Was haben Sie damit bezweckt?
Martin Höfeler:
Zur Zeit versucht jeder seinen eigenen Hintern zu retten. Das ist absolut nachvollziehbar, aber wir versuchen ganzheitlich zu denken und unseren Partnern Sicherheit zu geben. Die Probleme werden für alle kleiner, wenn alle ein Stück daran mittragen. Wir für den Handel, der Handel für uns und wir für die Produzenten. Deshalb wollten wir ihnen signalisieren: Ihr könnt euch auf uns verlassen. Wir produzieren europanah, aber grundsätzlich sind die Auswirkungen der Krise in Produktionsländern wie China, Indien, Bangladesch schon jetzt dramatisch. Das ganze Kartenhaus der billigen Beschaffung bricht zusammen. Die großen Abnehmer stornieren Orders in Milliardenhöhe, was zu enormen sozialen Problemen führt.


Blicken wir in die andere Richtung: Wie helfen Sie Ihren Kunden?
Der stationäre Handel hat jetzt das größte Problem. Selbst wenn die Läden wieder öffnen können, wird nicht auf Anhieb der gleiche Traffic sein wie zuvor, auch wegen möglicher Schutzmaßnahmen. Trotzdem: Wir werden die Krise überwinden, davon bin ich überzeugt. Und wir haben sehr früh unsere Warenlieferungen proaktiv gestoppt, weil wir ab Freitag, den 13. März, gedacht haben wie ein Händler. Uns war sofort klar, dass niemand einen weiteren Warendruck vertragen kann. Und auch keine weiteren Rechnungen.

Um wie viel der Frühjahr/Sommer-Ware handelte es sich denn?
Ungefähr noch um ein Drittel, wir wollten April/Mai ausliefern. Diese Themen liegen jetzt auf Lager – es kommt uns zugute, dass wir normalerweise nichts im Juni bringen. Insofern können wir diese Sommerthemen ausliefern, sobald die Öffnung beschlossen ist.

Aber inwiefern helfen Sie dem Handel damit?
Wir haben in den vergangenen Tagen ein Retailmodell entwickelt unter der Frage, was können wir tun, um dem Handel entgegenzukommen? Wir haben Umsatz-Szenarien als Händler nach dem Exit  durchgespielt, ebenso mögliche Kosten und den Cashflow. Daraufhin haben wir ein Paket geschnürt, das Corona-Support-Paket, das wir unseren Kunden anbieten.

Wie sehen die Eckpunkte dieses Pakets aus?
Wir geben auf die noch ausstehenden F/S-Lieferungen einen Rabatt von 15%, um dem Handel mehr finanzielle Flexibilität zu ermöglichen. Außerdem verlängern wir das Zahlungsziel für alle Rechnungen ab April 2020 bis Ende des Jahres  von 30 auf 60 Tage netto. So können wir die Last ein wenig teilen.
„Wir sind ein riesiges Netz aus Herstellern, Händlern und Lieferanten. Man darf die Probleme in der Kette nicht einfach durchreichen, sondern muss Verantwortung übernehmen! Wir wollen dem Handel entgegenkommen und unsere Lieferanten schützen, ohne aber uns selbst komplett zu vergessen, schließlich müssen auch wir als Unternehmen überleben.“
Martin Höfeler
Starten Sie dann wie geplant mit der Herbstauslieferung?
Nein, wir verschieben sie um zwei Wochen nach hinten, je nachdem, wie die Händler es wünschen, um den Abverkaufszeitraum für Sommerware zu verlängern. Andererseits muss der Handel im Herbst ordentliche Umsätze machen, sonst wird sich das Problem nur fortsetzen, also verdoppeln.

Manche Unternehmen streichen gerade ihre winterlichen Liefertermine oder verkleinern sie drastisch. Auch für Sie ein Thema?
Wir verschieben die Order der winterlichen Termine von April auf Mai und haben digitale Ordertools entwickelt. Außerdem machen wir dem Handel ein Angebot: Wer seine Winterorder auf der Auftragshöhe seiner Sommerorder realisiert, erhält 15% on Top Ware obendrauf. Mit diesem Angebot verbessert der Handel seine Eingangskalkulation von fünf Monatsauslieferungen erheblich und verschafft sich etwas Luft. Wir fokussieren uns dabei auf nicht saisonabhängige Styles.

Ja, aber dann packen Sie den Handel ja voll mit Ware?
Wir müssen leider davon ausgehen, dass einige Häuser die Situation nicht überleben werden, genauso wie einige Marken. Deshalb werden wir vermutlich nicht alle georderte Ware an den POS bringen können, zugleich könnte es in den Sortimenten zu Lücken kommen. Da unsere Produkte aber gut und ganzjährig tragbar sind, kann man sie auch über einen längeren Zeitraum werthaltig verkaufen. Eines muss doch allen klar sein: Dieses Jahr wird mit Sicherheit für niemanden in der textilen Kette das beste Jahr werden. Wichtig ist nur, dass möglichst viele unserer Partner es überstehen. Und es gibt, das zeigt sich gerade jetzt, eine Menge agiler Händler mit Zukunft. Sie  müssen geschützt werden.

Was sonst noch können wir aus der Krise mitnehmen?
Wir lernen, gezwungenermaßen, dass längst nicht alles notwendig war, was wir bislang für selbstverständlich hielten. Denken Sie alleine an die vielen unnötigen Reisen zu Konferenzen. Ich hoffe, dass wir nachhaltig daraus lernen. Und dass es eine Beschleunigung im Umdenken gibt. Dass sich mehr Unternehmen mit den Partnern zusammentun, auf die sie sich verlassen können. 

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