Interview mit Brax-Geschäftsführer Michael Horst

"Man kann nur auf Sicht fahren"

Foto: Brax
Brax-Geschäftsführer Michael Horst: "Wir denken, dass in der verbleibenden Frühjahr/Sommer-Saison wertmäßig ungefähr 30% weniger umgesetzt werden."
Brax-Geschäftsführer Michael Horst: "Wir denken, dass in der verbleibenden Frühjahr/Sommer-Saison wertmäßig ungefähr 30% weniger umgesetzt werden."

"Die Krise gibt Prioritäten vor", sagt Brax-Geschäftsführer Michael Horst und spricht im TW-Interview über Liquidität, Stornos und sinnvolle Lieferungen.

TextilWirtschaft: Herr Horst, in welche Szenarien hinein planen Sie mit Ihren Geschäftsführungskollegen für Brax?
Michael Horst:
In den vergangenen Wochen haben wir uns intensiv mit verschiedenen Szenarien auseinandergesetzt und jetzt auf Folgendes verständigt. Erstens gehen wir davon aus, dass, wenn die Läden Ende April/Anfang Mai öffnen können, dies unter erheblichen Einschränkungen vonstattengeht – ob es die Anzahl der Besucher betrifft, Maskenpflicht oder andere verschärfte Hygienevorschriften.


Und welches ist der zweite Eckpunkt?
Auch wenn wir es nach Kräften unterstützen würden, natürlich im Rahmen der kartellrechtlichen Vorgaben,  befürchten wir, dass die vielbeschworene Disziplin bei den Reduzierungen im Handel nicht eintreten wird. Wir glauben nicht wirklich an den Effekt  all der so richtigen und gut gemeinten Appelle. Es ist auch fraglich, ob die kartellrechtlichen Vorstöße in Richtung reglementierter Schlussverkäufe in Berlin innerhalb dieser kurzen Zeit wirksam werden können.

Sie gehen also von baldigen Sale-Aktionen aus?
Auch wenn ich es mir anders wünsche,  es wird wahrscheinlich so kommen. Das Liquiditätsproblem ist überragend, die  Not ist groß bei der Mehrzahl der Marktteilnehmer. Es ist ja schon schwer, um kurzzeitige  Liquidität als gesundes Modeunternehmen  bei den Banken anzufragen, für angeschlagene Firmen ist es fast unmöglich.


Erklären Sie sich so auch zum Teil die schon erheblichen Rabatte markstarker Anbieter im Netz?
Zu den Aktivitäten anderer kann ich wenig sagen. Doch man darf nicht unterschätzen, was da gerade passiert. Brax ist ein gesundes Unternehmen. Aber mit März und April verlieren wir pro Monat zwischen 30 und 40 Millionen Euro Umsatz, hinzu kommen  Außenstände bei unseren Kunden, das alles bei laufenden Kosten. Und, ganz entscheidend, durch unsere Ready-to-wear-Auslieferungen halten wir  große Mengen am Lager vor, obendrein Nachlieferungen, die seit Wochen nicht abgerufen werden und absehbar teilweise auch nicht im Mai, Juni, Juli. Liquidität ist also ein Thema, selbst für sehr solide Firmen.

Was könnte aus dieser Saison überhaupt noch werden?
Wir denken, dass in der verbleibenden Frühjahr/Sommer-Saison wertmäßig ungefähr 30% weniger umgesetzt werden, in Stückzahlen werden es minus 20% sein, da vieles über den Preis laufen wird. Das könnte sich zum Herbst Richtung minus 10% für den gesamten Markt bewegen, wobei außerdem die Frage hinzukommt, wieviel geht dem Markt durch Insolvenzen verloren?

Wie reagieren Sie darauf?
Wir suchen sinnvolle, partnerschaftliche Lösungen, auch wenn sie uns wirtschaftlich wehtun. So werden wir Liefertermine schieben, erhebliche Mengen stornieren, Warentausch vornehmen und Ready-to-wear-Ware in den Markt liefern. Zugleich liegen werterhaltende Maßnahmen in unser aller Interesse. Deshalb bieten wir den Händlern keine Rabatte an. Stattdessen schauen wir uns individuell mit unseren Flächenkunden ihre Businesspläne an und werden in Absprache mit ihnen noch ausstehende Lieferungen aus der Vororder und Nachversorgung reduzieren, um Warendruck raus zu nehmen. Alles unter der Frage „Was ist jetzt sinnvoll zu liefern?“, denn die Ready-to-wear-Artikel sind ja am Lager.

Mit wie vielen Ihrer Kunden werden Sie das bewerkstelligen?
Im Grunde sind es fast alle, denn rund 80% unserer Kunden sind Flächenpartner. Würde man aber Ware stornieren und den Rest mit relativ hohen Rabatten liefern, wäre das für kein Unternehmen  in der Industrie wirtschaftlich aushaltbar. Außerdem braucht der Handel Hosen dringend, speziell sommerliche Hosen. Also, wir sind bereit zu stornieren und Ware auszutauschen, wo es sinnvoll ist, aber genauso liefern wir auch, wo es sinnvoll ist. Außerdem werden wir, wie viele Hersteller, Dinge weghängen für die nächste Saison.  Die Komplexität der Situation ist einfach gigantisch. Logistisch und IT-technisch sind das riesige  Herausforderungen.

Alle brauchen zusätzliche Lagerfläche…
Das kostet richtig Geld. Da wird die nächste Schlacht geschlagen. Die Krise gibt Prioritäten vor.

Aber was ist solch einer Saison überhaupt angemessen?
Man kann allenfalls Strategien entwickeln, die nicht völlig panisch sind, die Sinn ergeben und die Situation nicht weiter  eskalieren lassen. Wie das aufgeht – das wird sich zeigen.

Lassen Sie uns nach diesen deutlichen Worten wieder zum Geschäft zurückkehren, von  Alltagsgeschäft kann ja keine Rede sein. Doch wäre es sinnvoll, mit Blick auf den Herbst, die späteren Liefertermine ausfallen zu lassen, wie es viele Firmen gerade in Betracht ziehen?
Viele Lieferketten sind derzeit unterbrochen und die Produzenten  auch nicht gerade auf Rosen gebettet. Wir müssen einfach sehen, welche Ketten ausfallen werden und wie es gelingt, mit Blick auf 2021 globale Wertschöpfungsketten zu erhalten und versuchen, den Kunden vernünftige Produkte und Sortimente zur Verfügung zu stellen. All das hängt aber auch vom weiteren Verlauf ab. Wenn der Handel im Mai nicht öffnen kann, dann stehen die späteren Liefertermine unter großem  Druck. Öffnen sie den Lockdown, dann könnte es nach hinten raus bessere Chancen geben. Man kann momentan nur auf Sicht fahren – was für uns als strategisch aufgestelltes Unternehmen wahrlich schwer auszuhalten ist.

Sie sind ja nicht nur Lieferant, sondern betreiben auch noch Läden. Wie planen Sie da vorzugehen?
Wir haben europaweit Stores und mit unseren 40 Stores in Deutschland ist es eine überschaubare Größenordnung, so dass wir auch hier individuelle Lösungen suchen. Sie müssen bedenken, auch im E-Commerce erzielen wir zurzeit nicht die geplanten Umsätze, so dass sich hier ebenfalls  Ware staut. Bislang folgen wir nicht dem ersten Impuls, zu reduzieren. Doch wie lange wir das durchhalten, kann ich jetzt nicht sagen. Wir haben immer dafür gekämpft, dass Reduzierungen möglichst spät kommen, aber in diesem Frühjahr geht es schlicht darum, den Schaden so gering wie möglich zu halten – und ich denke, das geht kaum ohne gezielte Reduzierungen.

Wie beurteilen Sie die vielbeschworene Verschiebung der Saisons nach hinten?
Wenn es grundsätzlich gelänge, die Wareneinsteuerung ein Stück weit näher an den Bedarf hinzukriegen, würden wir es begrüßen. Allerdings haben wir das für uns ja schon ein Stück weit über die Gestaltung der Liefertermine und unsere Nachlieferungssysteme im Sinne der Händler gelöst. Unter diesem Aspekt trifft uns der Shutdown in besonderem Maße, verglichen mit einem Unternehmen, das seine Frühjahr/Sommer-Ware weitgehend ausgeliefert hat und wenige Teile am Lager hält. Auch deshalb bekommt man alle Beteiligten kaum unter einen Hut – jede Firma hat ihre eigenen Herausforderungen. Unser gesamtes System ist auf Drehung ausgerichtet. Ein Stopp ist da nicht vorgesehen.

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