Interview mit Digital-Experte Richard Hobbs

Was steckt hinter dem NFT-Hype?

Gentle Monster
Das progressive Brillenlabel Gentle Monster hat kürzlich in Kooperation mit AES+F ein NFT des Video-Artworks der Kampagne auf der Plattform auf der Plattform SuperRare.co versteigert. Damit ist die Marke einer der Trendsetter im Hype um digitale Tokens und das Geschäft mit ihnen.
Das progressive Brillenlabel Gentle Monster hat kürzlich in Kooperation mit AES+F ein NFT des Video-Artworks der Kampagne auf der Plattform auf der Plattform SuperRare.co versteigert. Damit ist die Marke einer der Trendsetter im Hype um digitale Tokens und das Geschäft mit ihnen.

Sogenannte Non-Fungible Tokens, oder kurz NFTs, sind das Ding der Stunde. Kürzlich sind Fashion Brands wie Havaianas, Gentle Monster, Rimowa und die Uhrenmarke Hublot hier aktiv geworden. Was steckt hinter den Krypto-Kreationen, bleibt der Hype und was bedeutet er für die Fashion-Branche? Richard Hobbs, Kopf hinter der NFT-Plattform bnv.de beantwortet die wichtigsten Fragen.

Richard Hobbs ist Gründer von bnv.me
Richard Hobbs
Richard Hobbs ist Gründer von bnv.me
Wie würden Sie jemandem der kein Digital Native ist erklären, was ein NFT ist?
Richard Hobbs: Im Grunde ist es ein digitales Zertifikat, dass den Besitz eines virtuellen Produktes belegt. Bis vor kurzem war das vor allem auf verpixelte grafische Gegenstände wie CryptoKitties und CryptoPunks beschränkt, die die meisten "normalen Menschen" gar nicht verstanden haben. Mit der explosionsartigen Verbreitung in der Kunstwelt haben sie jedoch ein viel breiteres Publikum erreicht.

Können Sie das noch etwas konkretisieren?
Vielleicht hilft der Vergleich mit Sneakerheads, die Turnschuhe sammeln und handeln. Sie nehmen die Produkte oft nur kurz aus der Box um sie anzuschauen, tragen sie aber nicht. Sie wissen, dass manche Produkte seltener und möglicherweise wertvoller sind als andere, wie hoch die Auflage eines Modells ist, weiß aber kaum jemand so ganz genau. Bei NFTs sieht es anders aus, hier ist bekannt, wie viele es gibt und wem sie gehören. Jedes Teil, jede Transaktion ist in der Blockchain hinterlegt und für jeden einsehbar. Der Besitz eines NFTs erlaubt es jedem, das Produkt wieder zu verkaufen, ohne sich die Frage zu stellen, wie der tatsächliche Wert ist, wie hoch die Auflage. Das ist der Kern des ganzen, aber der Spaß fängt eigentlich erst beim Verkaufen an.
Vorreiter Gentle Monster
Die progressive koreanische Brillenmarke Gentle Monster ist für außergewöhnliches Store-Design und avantgardistische Kooperationen bekannt. Am 10. März hat die Brand ein mit dem russischen Künstlerkollektion AES+F erstelltes NFT Video Artwork mit dem Titel "The Circle of Life" als Teil der sogennanten Nano-Kampagne auf der Plattform SuperRare.co für 72 Stunden zur Auktion eingestellt. Der Käufer bekommt alle drei Versionen des künstlerischen Films. Im Nachgang der Auktion wollen Gentle Monster und AES+F ein limitiertes Poster vorstellen, das ebenfalls als NFT zu haben sein wird.



Welche Rolle könnten NFTs künftig für die Fashion-Branche spielen?
Wir haben drei Jahre an unserer Plattform bnv.me gearbeitet und dann für 15 Monate die Smart Contract-Struktur geplant und gebaut. Von Anfang an wussten wir, dass das Potenzial digitaler Fashion als Sammlerstücke riesig ist. Aber mit der Entwicklung von maßgeschneiderten Gaming-Skins und Wearables sowie der Geburt verschiedener Metaversen und 5G-Kommunikation gibt es so viel mehr Möglichkeiten. Allerdings sind sind in der Gaming-Welt die Türen für Fremdprodukte (NFTs) derzeit größtenteils verschlossen und im Grunde genommen geben Sie, wenn Sie ein Wearable im Spiel kaufen, ausschließlich den Gaming-Unternehmen Geld. Dort, wo Markenprodukte angeboten werden, wird es von den Marken oft als Marketing-Ausgabe gesehen und es gibt definitiv keine Verknappung des Produkts oder sinnvolle Einnahmen für die Marke.


Und das wollen Sie ändern? Was stellen Sie sich genau vor?
Stellen Sie sich vor, Sie hätten in Ihrem digitalen Kleiderschrank eine Jacke oder ein Paar Turnschuhe eines angesagten Designers oder einer Marke und könnten diese in Fortnite oder NBA2K oder Minecraft tragen − und Sie und Ihre Freunde und Konkurrenten wüssten, dass es sich um eine echte limitierte Auflage − nachweisbar via Blockchain − und einen höchst begehrten Gegenstand handelt? So wie Sie es beim Ausgehen in einem Club oder einer Bar tun würden, wenn wir das wieder tun dürfen.


Was macht Sie so sicher, dass es nicht beim kurzen Hype bleibt?
Das Leben und Arbeiten im Internet wird uns weiter begleiten, und mit der Eröffnung von Metaversen wie Decentraland, Sandbox, Cryptovoxel und Somnium Space, wo man als persönlicher Avatar online sein und einkaufen kann, Galerien und Konzerte besucht, sich in Ausstellungs- und Konferenzzentren treffen und sich einfach mit Menschen und Veranstaltungen beschäftigen kann, sind die Möglichkeiten endlos. Speziell für die Mode sind wir der festen Überzeugung, dass jede Marke eine virtuelle Produktpräsenz haben sollte. Es wird natürlich genauso gut sein wie das Angebot in der realen Welt, aber es gibt jede Menge Möglichkeiten für rein digitale Marken, die mit einer massiv anderen Ökonomie als in der realen Welt erfolgreich sein können. Wir bauen eine Unterplattform für genau diesen Zweck.


Gibt es bestimmte Modesegmente, die für NFTs besser geeignet sind als andere?
Auf der Hand liegen Brands aus dem Segment Streetwear und Athletic/Sports-Marken. In ein paar Jahren, wenn einige der Brücken gebaut und einige der Herausforderungen rund um ETH-Preise und Gasgebühren gelöst sind, kann es definitiv für mehr kommerzielle Marken geöffnet werden. Luxus wird auf jeden Fall wichtig sein, und wir sind tatsächlich in Gesprächen mit einigen Leuten aus dieser Welt, die sehr daran interessiert sind, als Investoren in das Unternehmen einzusteigen.


Was ist dabei genau das Geschäftsmodell von bnv.me?
Wir arbeiten mit Marken zusammen, um extrem hochauflösende und detaillierte 3D-Kleidung, Schuhe und Accessoires zu erstellen. Wenn alle zufrieden sind, erstellen wir den Smart Contract für diesen Style und entscheiden, wie viele Stücke (NFTs) wir produzieren und bei einer ersten Auktion anbieten. In dem Vertrag haben alle Parteien, die einen Beitrag geleistet haben, ihre Geldbörsen festgelegt. Die Marke sowie der 3D-Designer und alle anderen, die bei der Zusammenstellung oder Werbung geholfen haben, erhalten also sofort nach Abschluss der Auktion eine Zahlung. Gleichzeitig wird de Bieter, der den Zuschlag erhalten hat, der Token in die Geldbörse übertragen. Die Tantiemenstruktur ist auch für alle Sekundärverkäufe festgeschrieben, so dass es ein lebenslanges Einkommen gibt, anstatt eines einmaligen Groß- oder Einzelhandelspreises für die Marke, was sicherlich für einen Designer attraktiver ist, der auf der Grundlage des Erfolgs dessen, was er mitgestaltet hat, belohnt wird. Unser Hauptunterschied besteht darin, dass wir aus der Modewelt kommen und nicht aus der Technologiebranche, so dass wir die Bedenken verstehen, die Marken haben, wenn sie virtuell arbeiten.

Das Interview erschien zuerst in englischer Sprache auf the-spin-off.com.


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