Interview mit Eugenia Lagemann, FischerAppelt

Worauf es bei Corona-Charity-Aktionen ankommt

FischerAppelt
Eugenia Lagemann, Geschäftsführerin und Managing Director von FischerAppelt
Eugenia Lagemann, Geschäftsführerin und Managing Director von FischerAppelt

Die Corona-Krise fördert neben vielen existenzbedrohenden Entwicklungen auch die Solidarität zwischen Menschen. Diverse Modeunternehmen kündigen jetzt Spenden  und Charity-Verkäufe an. Worauf es bei den Aktionen für den guten Zweck ankommt und ob Maßnahmen unter dem Motto soziales Engagement auch schlecht sein können, beantwortet FischerAppelt-Geschäftsführerin Eugenia Lagemann im TW-Interview.

Ihre Quintessenz: Charity ist glaubwürdig, wenn die gute Absicht im Fokus der Aktion steht. Von Rabattaktionen zu eigenen Produktlinien, die als "guter Zweck" beworben werden, sollten Modehändler aber besser absehen.

TextilWirtschaft: In der Modewelt nimmt das Thema Charity im Rahmen der Corona-Krise mittlerweile extreme Ausmaße an. Viele Unternehmen stellen ihre Produktion auf Masken und Schutzbekleidung um, andere spenden Millionenbeträge an verschiedene Organisationen. Ist Charity gerade "das Marketing-Ding" der Stunde?
Eugenia Lagemann: Die Corona-Krise ist so umfassend, dass jedes Unternehmen sich fragt, wie es seinen Teil zur Bekämpfung der Krise beitragen kann. Dass viele Unternehmen jetzt ihre Kapazitäten dafür nutzen, Masken oder Schutzkleidung für medizinisches Personal herzustellen, ist für mich kein Marketing, sondern ein erforderlicher Beitrag in dieser historischen Zeit. Und das sind Unternehmen mit völlig unterschiedlichen Marketing-Vergangenheiten – von Nike bis zu Karla Colletto Swimwear, einem Unternehmen aus dem Bereich Bademoden. Was man sicher sieht: Mode-Unternehmen sind derzeit schnell in der Lage ihre Prozesse anzupassen.


Worauf kommt es an, um mit seinen Charity-Aktionen glaubwürdig zu sein?
Wie immer gilt, es kommt auf das “Machen” und die Umsetzung an. Wer eine Maßnahme nur ankündigt, der verliert. Es geht zum Beispiel nicht darum, eine bloße Stückzahl an Masken zu produzieren, sondern dass dieser Prozess neu gedacht und umgesetzt wird. Glaubwürdigkeit kommt, wenn die gute Absicht alleine steht. Eine Rabattaktion für die eigenen Produktlinie sollte da nicht noch angedockt werden.

Gibt es beim Thema Charity auch No Gos? Wenn ja, welche?
Der Abverkauf der eigenen Produkte ist in diesem Kontext nicht zielführend.
Zur Person
Eugenia Lagemann ist seit Juli 2018 Geschäftsführerin der PR- und Content-Marketing-Agentur FischerAppelt. Zuvor war sie in der Agentur als Business Director für die Konsumgüterkunden in der Unit FMCG & Retail zuständig und verantwortet diesen Bereich auch in der Geschäftsführung. Zudem zeichnet sie für die Leitung des Kreationsmanagements bei FischerAppelt, relations verantwortlich.

Wenn Sie sich die Aktionen der Modehändler ansehen: Glauben Sie, dass einige der Spenden-/Masken-Aktionen nur aus PR-Zwecken entstanden sind?
Da ich bislang nicht gehört habe, dass es bei Ankündigungen geblieben ist, würde ich spontan sagen: Nein! Die Kommunikation der meisten Unternehmen ist extrem verhalten in dieser Zeit. Bislang sind alle zurückhaltend und kommunizieren sensibel. Das finde ich schon sehr beachtenswert. Es scheint sich keiner abgeschottet in einer eigenen Blase zu befinden, die mit der realen Welt nicht zusammen geht.



Können Charity-Maßnahmen überhaupt "schlecht" sein?
Meiner Meinung nach meint Charity alle Dinge, die unter Nächstenliebe fallen und die das Unternehmen als Corporate Citizen vornimmt. Da würde ich sagen, kann nichts schlecht dran sein. Unternehmen oder Unternehmer haben das seit der Industrialisierung getan, z.B. durch Wohnungsbaumaßnahmen oder die Gründung von Schulen und Kultureinrichtungen im Umfeld von Produktionsstätten. Wir bei FischerAppelt haben selbst vor zwei Wochen die #allefüralle-Initiative ins Leben gerufen, weil wir überzeugt waren, dass es derzeit gute Kommunikation braucht und die wichtigen Botschaften platziert werden müssen. Wir waren erstaunt, wie schnell zahlreiche Medien und Unternehmen ihre Unterstützung angeboten haben und ihren Teil beitragen wollten.

Sollte jedes Unternehmen derzeit mitmischen und sich für den guten Zweck einsetzen? Bleibt man auf der Strecke, wenn man es nicht tut?
Nicht jedes Unternehmen kann die Produktion umstellen, Geld spenden oder Know-how zur Verfügung zu stellen. Aber es gibt immer auch kleine Dinge, die derzeit helfen: Aktionen bekannt machen, die sich für lokale Belange einsetzen oder Mitarbeiter unterstützen, die derzeit auf die Flexibilität des Arbeitgebers angewiesen sind - das kann jedes Unternehmen machen.
„Jedes Unternehmen kann mindestens seine eigene Reichweite nutzen.“
Eugenia Lagemann, FischerAppelt
Können Sie noch ein paar Beispiele nennen, was kleine Unternehmen kommunikativ tun können, die nicht die finanziellen Möglichkeiten zu einer Millionen-Spende wie Ralph Lauren, Gucci und Co haben und nicht selbst produzieren? 
Jedes Unternehmen kann mindestens seine eigene Reichweite nutzen, z.B: um die wichtigsten Verhaltensregeln zu verbreiten oder über Aktionen und Institutionen zu  informieren, die derzeit überall entstehen und helfen. Es gibt aber auch kleine Unternehmen, die mehr tun. Das Start-up Clove hat beispielsweise Schuhe für medizinisches Personal gespendet, weil diese hygienisch gut zu reinigen sind. Das ist ebenfalls ein Schritt, der uns alle derzeit weiter bringt.

Ein aktuelles Beispiel zeigt, dass Licht und Schatten in Sachen Solidarität oft eng beieinander liegen. H&M gab zunächst bekannt, dass es jetzt Schutzbekleidung produziert. Wenige Tage später folgte die Meldung, dass H&M zu den Unternehmen zählt, die Mietzahlungen aussetzen, und erntete einen Shitstorm. Wie bewerten Sie diesen Fall?
Klassischer Fall von schlechtem Timing.
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