Interview mit Henrike Machelett, Director Human Resources bei Marc Cain

"Unseren Mitarbeitern vor Ort gilt unser größter Respekt"

Marc Cain
Henrike Machelett ist Director Human Resources bei Marc Cain in Bodelshausen.
Henrike Machelett ist Director Human Resources bei Marc Cain in Bodelshausen.

Die Marc Cain-Personalchefin steht wie die HR-Manager vieler Bekleidungshersteller zurzeit vor der Herausforderung, ihre Mitarbeiter in der Produktion am Firmensitz mit Sicherheitsabstand zu betreuen, Beschäftigte im Home Office zu motivieren und gleichzeitig Kontakt zu den freigestellten Verkäufern der Monolabel-Stores weltweit zu halten. Mit der TW sprach  Henrike Machelett über die Arbeit des Task Force-Krisenstabes, den Mut zur kreativen Gestaltung und die Helden des Alltags.


TextilWirtschaft: Wie halten Sie zu Ihren mehr als 1000 Mitarbeitern europaweit Kontakt?
Henrike Machelett: Es ist natürlich nicht so einfach, alle Mitarbeiter, auch in den Ländergesellschaften und den Stores, überall zu erreichen. Aber wir haben von Beginn an die gesamte Belegschaft lückenlos und regelmäßig informiert und versucht, so gut wie möglich mitzunehmen. Ein hoher Aufklärungsgrad war von Anfang an wichtig. Es gab wöchentliche, phasenweise sogar tägliche Updates, teilweise auch an die privaten Email-Adressen.

Wie gelingt es jetzt, nachdem die Hälfte der Belegschaft in Kurzarbeit ist, weiter mit den Mitarbeitern zu kommunizieren?
Über Telefonate, Mails, ganz viele Video Calls funktioniert dies wirklich gut. In den Ländergesellschaften läuft viel Kommunikation zusätzlich über unsere Regional Manager, die einen sehr engen Draht zu den Leuten haben. Es gibt eine Mobile-Office-Hotline, an die sich jeder Mitarbeiter jederzeit mit seinen Problemen wenden kann. Wir haben ein Task Force-Krisenstab-Team und regelmäßige Pandemie-Besprechungen, in der neue Facts ausgetauscht sowie Maßnahmen und To Do's entschieden werden, so dass wir hier immer sehr dicht am Krisengeschehen agieren.

Wie motivieren Sie Ihre Mitarbeiter aus der Entfernung?
Das Wichtigste ist für uns, die Spur zu halten, Lasten gerecht zu verteilen und die Helden des Alltags zu identifizieren. Diese zeigen wir deshalb massiv auf unseren HR-Facebook- und Instagram-Kanälen, geben diesen ‚Marc Cain Heroes‘ ein Gesicht und sagen danke. Eine wichtige Botschaft an unsere Mitarbeiter in den Läden war es auch, dass unser Inhaber trotz der Store-Schließungen das März-Gehalt an alle Mitarbeiter freiwillig noch in voller Höhe ausbezahlt hat, um damit einen Beitrag zu leisten und einen sozialverträglichen Übergang in die Kurzarbeit zu schaffen.


Wie sehen die Kurzarbeiter-Regelungen bei Marc Cain aus?
Die betreffen in stärkstem Maß aktuell das Personal in den Läden. Wir schauen auf eine gerechte und ausgewogene Verteilung der Kurzarbeit, handeln über den Vertrieb und die Beschaffung dicht an den jeweiligen Märkten und werden die Kurzarbeit beenden, wann immer wir die betriebliche Grundlage sehen. Unser Fashion-Prozess geht weiter - ohne unseren Mut zur kreativen Gestaltung und unternehmerisches Risiko wird diese Krise nicht gewonnen.

Das heißt, in der Unternehmenszentrale sind fast noch alle Mitarbeiter anwesend?
Maximal ein Drittel der üblichen Belegschaft in der Verwaltung ist da, wir wechseln uns ab. Diese Mitarbeiter ins Home-Office zu schicken, ist ja einfach und alltägliche Praxis. Dies funktioniert mit den üblichen Tools wie Laptop, Emails, Telefon, Video Call sehr gut. Die Mitarbeiter wechseln sich mit Mobile Office und Office ab, so dass jeder auch mal im Betrieb ist und den Kontakt hält. Unsere Belegschaft ist aufgrund unseres hohen Produktionsanteils jedoch sehr heterogen.


Und die Produktion bei Marc Cain läuft ja weiter.
Genau, auf Hochtouren, speziell die Musterung. Home-Office funktioniert natürlich für diese gewerblichen Mitarbeiter an der Maschine, im Lager, in den Reinigungsteams nicht. Dies ist eine echte Herausforderung. Dieser Präsenz unserer Mitarbeiter vor Ort gilt unsere Hochachtung und unser größter Respekt, da sie die Wertschöpfungsprozesse unserer Produktion am Laufen halten.

Haben Sie besondere Vorsichtsmaßnahmen getroffen?
Natürlich. Unsere Strategie war von Beginn an, über lückenlose und regelmäßige Informationen, Newsletter, Merkblätter, Aushänge für die gesamte Belegschaft einen hohen Aufklärungsgrad zu erreichen. Es zeigt sich, dass dieser Weg richtig ist. Alle verstehen so besser, was passiert und werden dabei unterstützt, auch in der Krise besonnen zu agieren und sich unter Einhaltung von Hygiene- und Meeting-Regeln weiterhin sicher zu fühlen. Das gelingt bis jetzt hervorragend. Alle halten sich strikt an die Maßnahmen und halten Abstand zueinander. Die Schichtwechsel wurden entzerrt, die Schichten, übrigens bei vollem Lohnausgleich, verkürzt - zwischendurch wird flächendeckend ganz viel gereinigt und desinfiziert.   

Gab es auch Schwierigkeiten?
Natürlich lief nicht alles gleich rund. Und wir verstehen uns immer auch als Lernende. So haben wir viele Themen – wie zum Beispiel das Tragen eines Mundschutzes - durchaus auch kontrovers diskutiert, am Ende jedoch über eine gute Abstimmung einhellige Entscheidungen getroffen.

Wie gehen Sie mit Ängsten und Unsicherheiten um?
Die nehmen wir natürlich sehr ernst. Wir haben immer ein offenes Ohr. Für Risikopersonen oder Leute, die sich unwohl fühlen, finden wir individuelle Lösungen. Und ich möchte nur nochmal betonen: Unsere Helden sind die Mitarbeiter vor Ort, besonders in den fertigungsnahen Bereichen. Diese mitzunehmen, war uns ein besonders Anliegen. Und es ist zugleich unser Ansporn, nicht nachzulassen und die Extrameile zu gehen.

Welche besonderen Herausforderungen gibt es menschlich insgesamt und wie geht Marc Cain damit um?
Optimismus und Power zeigen, Lösungen für die alltäglichen Fragen und Probleme finden, tun, was angemessen und angebracht ist - das ist aktuell die größte Herausforderung für unsere Führungskräfte, die alle sehr stark kooperieren und kreativ neue Prozesse im Gang setzen - bei aller Krise, eine schöne und spannende Erfahrung.

Wie wichtig ist Personalarbeit in dieser Krise?
HR-Arbeit ist immer auch ein Stück weit Krisenmanagement. Wir sind ein tolles, eingespieltes Team. Jetzt ist unsere Abteilung natürlich zentrale Anlaufstelle für die vielen neuen Fragen. Mein Team ist aktuell mehr gefordert denn je, recherchiert und telefoniert den ganzen Tag mit Ämtern, Behörden, Gesundheitsämtern. Wir können die Krise nicht verändern, aber wir können als Vorbild agieren und zeigen, dass wir da jetzt gemeinsam durchgehen und das auch durchstehen werden. Freundlichkeit, Mitgefühl, ein Lächeln und ein gutes Wort sind auch in Krisenzeiten möglich und setzen Zeichen für ein unaufgeregtes und unerschrockenes Miteinander. Dies ist gerade jetzt besonders wichtig.

Inwieweit wird die Krise die Personalarbeit langfristig verändern?
Diese Krise führt uns wieder eindrucksvoll vor Augen, wie wichtig ein gutes Miteinander und gegenseitige Wertschätzung ist. Wie wichtig es ist, zuzuhören und achtsam zu sein. Für viele wird die Zeit im Home-Office auch zeigen, wie bereichernd die Arbeit im Team ist, wie sehr sie ihre Kollegen vermissen. Viele reden jetzt von einem neuen Miteinander, darüber, Überflüssiges weglassen und von Entschleunigung, was sicher seine Berechtigung hat. Aber wir sind ein Fashion-Unternehmen und die schnelle Taktung ist unser Business. Das wird auch in Zukunft so bleiben.

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