Vor der Bund-Länder-Konferenz: Interview mit New Yorker-Chef Friedrich Knapp

"Wir müssen auf die Straße gehen"

New Yorker
Friedrich Knapp
Friedrich Knapp

Für New Yorker-Chef Friedrich Knapp steht fest: Die Politik wird heute eine weitere Verlängerung des Shutdown verkünden. Das macht ihn stinksauer: „Wir dürfen nicht länger zusehen, wie Existenzen vernichtet werden.“ Im TW-Interview fordert er die Unternehmen zu Demonstrationen auf: „Die Bauern fahren ja auch nach Berlin." Außerdem erklärt der Modemanager, warum er trotz des monatelangen Shutdown noch immer „nicht so doof ist, einen Online-Shop zu eröffnen“.

TextilWirtschaft: Herr Knapp, was erwarten Sie von der heutigen Bund-Länder-Konferenz zum Thema Shutdown?

Friedrich Knapp: Leider gar nichts. Es scheint ja mehr oder weniger fest zu stehen, dass der Shutdown bis Ende März verlängert wird. Wir haben schon zweieinhalb Monate hinter uns, jetzt kommt ein weiterer Monat. Das wird kaum ein Unternehmen überleben. Wie es in dem Entwurf der aktuellen Beschlussvorlage steht, soll der dritte Öffnungsschritt – in dem der Einzelhandel berücksichtig wäre - bei einer stabilen 7-Tage-Inzidenz von unter 35 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner vollzogen werden. Mit „stabil“ wird hier ein Zeitraum von 14 Tagen angegeben. Das wäre die absolute Katastrophe und führt eben nicht zu einer baldigen Öffnung. Sollte diese Verordnung so umgesetzt werden, führt das zu immensem operativem Aufwand und einer mutwilligen Verschleppung von Öffnungen. Unvorstellbar, was da in den Köpfen passiert. Es ist unfassbar, dass Politik und Justiz keine Ahnung davon haben, was sie mit ihren Beschlüssen und Urteilen anrichten. 

Woran liegt das Ihrer Meinung?
Ich weiß es nicht. Aber sehen Sie sich doch die ganzen Urteile der vergangenen Tage an. Wenn selbst Richter sagen, dass doch alles halb so schlimm ist und wir Modehändler doch einfach online verkaufen sollen, dann fällt mir dazu nichts ein. Das ist für die allermeisten Unternehmen schlicht und einfach keine tragfähige Alternative.

Wie lautet Ihre Forderung an die Runde der Politiker, die heute entscheiden?
Ich erwarte, dass wir ab sofort unter Einhaltung der Hygienekonzepte aus dem vergangenen Jahr wieder öffnen dürfen. Dass das funktioniert, hat der Modehandel bewiesen. Ich nehme die Corona-Pandemie sehr ernst, habe sogar einen Freund aufgrund einer Covid-Erkrankung verloren. Dennoch fordere ich, dass die Läden unter Berücksichtigung von Hygiene-Konzepten wieder aufmachen. Der Einzelhandel darf nicht Bauernopfer für eine Politik sein, die es vermasselt, Impfstoffe zu besorgen, Testkonzepte zu entwickeln oder die Ältesten der Bevölkerung zu schützen. Ich fordere eine bessere Abwägung zwischen Gesundheitsschutz und öffentlichem Leben. Die Politik muss jetzt handeln, sonst habe wir eine Handelslandschaft in Deutschland, die nie wieder auf die Beine kommt.

Was halten Sie vom vorsichtigen Herantasten mit Konzepten wie Click&Meet, die jetzt in einigen Bundesländern getestet werden?
Dieser Blödsinn bringt gar nichts. Die leidliche Erfahrung haben gerade alle in den Niederlanden gemacht, wo die Kunden telefonisch Termine machen konnten. Die Kunden kommen teilweise nicht, der Umsatz ist zu gering. Das eignet sich für die allermeisten Geschäftsmodelle nicht, höchstens für kleinere Boutiquen, und selbst für die ist es schwierig. Solche Ideen können sich nur Vollpfosten ausdenken, die keine Ahnung von der Branche haben.

Wenn es – wonach es derzeit eher aussieht – nicht zur Wiedereröffnung kommt: Was machen Sie dann?
Wir müssen auf die Straße gehen. Und zwar alle gemeinsam, eine Woche lang alle Städte blockieren, damit jeder aufmerksam wird und versteht, was hier gerade passiert, sonst wird das nichts. Wir können nicht länger zusehen, wie Existenzen vernichtet werden und wir überall gegen Wände laufen. Wir müssen demonstrieren, das ist die einzige Sprache, die die Politik versteht. Auch wir sind Wähler! Die Bauern fahren ja auch mit ihren Treckern nach Berlin, wenn ihnen etwas nicht passt. Ich bin allerdings dafür, dass bei unserem Anliegen jedes Unternehmen dezentral am jeweiligen Standort demonstriert.

Was haben Sie also konkret vor, um für Aufmerksamkeit zu sorgen?
Wie ich schon sagte: Wir müssen uns Gehör verschaffen, in dem der Einzelhandel geschlossen auf die Straße geht. Vielleicht findet sich ein Bündnis, dem wir uns ebenso anschließen, um Demonstrationen in verschiedenen Städten zur selben Zeit zu organisieren. Wir wären definitiv dabei und helfen mit. Eigentlich haben wir solche Initiativen von den Handelsverbänden oder der IHK erwartet. Wir erwarten, dass der HDE sich für die Einzelhändler einsetzt und diese Aktion überregional organisiert. Oder gibt es dort schon Verflechtungen, die die Organisation von Protesten in Form von Demonstrationen verhindern? Unserer Meinung nach reicht es nicht, bundesweite Anzeigen zu schalten. Hier müssen sich alle Unternehmen mit ihrem Personal vor Ort einbringen.

Es gab bzw. gibt ja bereits einige Aktionen von Unternehmen. Warum hat das Ihrer Meinung nach nicht den erhofften Erfolg gebracht?
Das sind zu viele verschiedene Töpfe, in denen gerührt wird. Die Aktionen verlaufen im Sand. Ich halte auch nichts von einer Verfassungsklage, wie sie teilweise angestrengt wird. Bis die durch ist, ist das Jahr vorbei und alle sind pleite.

New Yorker ist sehr international aufgestellt. Welche Erfahrungen machen Sie in anderen Ländern?
Da läuft es deutlich besser in allen Bereichen. Österreich, Schweiz, Finnland, Schweden, Polen: Überall sind die Läden wieder offen, obwohl die Werte im Vergleich zu Deutschland teilweise höher sind. Und das RKI hat ja neulich auch bestätigt, dass der Einzelhandel kein Hotspot ist. Das können wir aus unseren Erfahrungen bestätigen. Uns ist kein Fall einer Ansteckung unserer Kollegen in den Filialen bekannt.

New Yorker – das Unternehmen

Friedrich Knapp ist alleiniger Inhaber des vertikalen Young Fashion-Filialisten New Yorker mit Sitz in Braunschweig. Weltweit betreibt das Unternehmen 1140 Läden in 40 Ländern. Wichtigster Markt ist Deutschland mit 270 Stores. Hierzulande werden rund 7000 der insgesamt 18.000 Mitarbeiter beschäftigt. New Yorker betreibt keinen Online-Shop.

Wie sehr trifft der Shutdown Ihr eigenes Unternehmen?
Die Corona-Krise hat uns mehrere hundert Millionen Euro Umsatz gekostet. Wir haben mittlerweile gigantische Warenbestände, welche mit jedem Monat Lockdown zu nicht fassbaren Verlusten führen, und jeden Monat kommt mehr Ware dazu. Wenn jetzt sogar – wie geschehen – Lieferanten aus Bangladesch einen Brief an die Bundeskanzlerin schreiben und um Lockerungen bitten, sieht man, welche weltweiten Auswirkungen der Shutdown in Deutschland hat.

Ein Großteil Ihrer Mitarbeiter ist in Kurzarbeit. Stocken Sie das Gehalt auf?
Grundsätzlich ja. Wir gehen dabei flexibel vor. In den unteren Gehaltsgruppen in den Filialen zum Beispiel stocken wir bis zu 100% auf, in höheren Gruppen weniger.

Zahlreiche Unternehmen mussten Insolvenz anmelden. Ist das auch eine Option für New Yorker?
Auf keinen Fall, da muss sich niemand Sorgen machen. Wir hingegen machen uns Sorgen um die anderen Händler. Wenn jetzt noch mehr von ihnen aufgeben müssen, dann funktionieren die Innenstädte nicht mehr, und dann sind auch wir bedroht.

Inwiefern konnte New Yorker staatliche Hilfen in Anspruch nehmen?
Überhaupt nicht. Und das Vorhaben, auch größeren Unternehmen über 750 Mio. Jahresumsatz zu helfen, wurde ja jetzt auch gerade kassiert. Der Politik ist offensichtlich dann doch noch eingefallen, dass sie das, was sie versprochen hat, gar nicht bezahlen könnte. Diese wirtschaftliche Inkompetenz ist erschreckend. Es gibt dort keine Ahnung davon, wie unser Geschäftsmodell funktioniert. Die sagen sich ‚Ach, irgendwann ist der Laden doch wieder auf, dann wird doch alles gut‘. So ist es aber nicht. Die Politik lässt uns alle im Stich. Hier werden Existenzen, die über Generationen aufgebaut wurden, mit einem Schlag vernichtet.

Sie sind bekannt als Online-Verweigerer. New Yorker ist einer der wenigen internationalen Modehändler, der keinen Online-Shop betreibt. Haben Sie Ihre Meinung dazu nach all den Wochen im Shutdown geändert?
Keinesfalls, so doof könnte ich gar nicht sein. E-Commerce im Modehandel bedeutet, dass die Hälfte der Teile zurückkommen. Ich möchte mir nicht mal ansatzweise vorstellen, wie aufwändig es ist, das wieder aufzubereiten. 50% der Retouren - das sagt Ihnen jeder - sind unbrauchbar und kann man nur noch wegschmeißen. Die anderen 50% wird man noch nicht mal mehr zum Einkaufspreis los. Und dann kommen noch die Kosten für Handling und Wiederaufbereitung. Das kann sich nie und nimmer rechnen, und an den sinkenden Margen von zum Beispiel Inditex, H&M und Bestseller lässt sich das ja auch deutlich erkennen. H&M hat mittlerweile so niedrige Margen wie ein Lebensmittelhändler.

Warum setzen dann so viele Unternehmen trotzdem auf den Ausbau des Online-Kanals?
Weil sie von Aktionären, die Angst haben, dass ihr Unternehmen die Entwicklung verpassen, dazu gedrängt werden. Für mich ist E-Commerce die Wette auf eine Zukunft, die nie eintreffen wird. Überall schlummern riesige Mengen an unverkäuflicher Ware, die meisten Bilanzen der Unternehmen halte ich noch für geschönt. Wenn Online-Händler mal eine richtige Inventur machen würden, dann wäre das Geschäftsmodell nicht mehr zu halten. Davon bin ich überzeugt.

Sie bleiben also bewusst und freiwillig zu 100% abhängig von der Öffnung der Läden?
Ja, und deshalb muss jetzt endlich was passieren. Wir müssen jeden Tag auf die Straße, alle bei sich vor Ort. Bis es die Regierung merkt.

stats