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Interview mit Reserved Deutschlandchef Martin Kanngiesser

„Alle müssen einen Teil übernehmen - auch die Vermieter”

Foto: Reserved
Martin Kanngiesser: "Kurzarbeit ist bei dem allgemeinen Gehaltsniveau im Einzelhandel eigentlich indiskutabel und wollen wir vermeiden."
Martin Kanngiesser: "Kurzarbeit ist bei dem allgemeinen Gehaltsniveau im Einzelhandel eigentlich indiskutabel und wollen wir vermeiden."

„Lieber kürzer öffnen als komplett schließen“, sagte Martin Kanngiesser vor einer Woche im Interview. Das Thema hat sich erledigt. Mit dem Shutdown steht der Deutschlandchef des Fast Fashion-Filialisten - wie alle anderen im Modehandel auch – nun vor ganz anderen Herausforderungen. Zeit für ein Nachfassen.

TextilWirtschaft: Herr Kanngiesser, haben Sie Ihre Läden bis zum letztmöglichen Moment offen gelassen?
Martin Kanngiesser: Nein, wir haben bereits am Dienstag alle Filialen geschlossen. Das unterschiedliche Vorgehen in den Bundesländern war sehr irritierend. Wir haben Verantwortung gegenüber unseren Mitarbeitern und Kunden. Ich hätte es nicht rechtfertigen können, in einem Bundesland länger zu öffnen als in einem anderen.

Worauf kommt es jetzt an?
Wir haben null Einnahmen, aber jede Menge Ausgaben. Also müssen wir schnellstmöglich unsere Kosten senken. Das sind viele Stellschrauben, an denen jetzt gedreht wird. Das beginnt bei relativ kleinen Dingen wie dem Runterfahren der Klimaanlagen und geht bis zu großen Kostenblöcken wie der Miete.

Welche Möglichkeiten gibt es?
Wir haben uns zum Beispiel erkundigt, welche Möglichkeiten für Entschädigung es durch das Infektionsschutzgesetz gibt. Da hat uns der Handelsverband allerdings keine Aussicht auf Erfolg signalisiert. Das Gesetz greife im Modehandel nicht, weil unsere Mitarbeiter ja theoretisch die Betriebsräume – also den Laden - betreten könnten. Dass die Kunden den Laden gar nicht betreten dürfen, zählt dabei offenbar nicht. Aber darüber hinaus ist es wohl ohnehin utopisch, der Staat könnte alle jetzt auftretenden Verluste bezahlen. Ansonsten muss man sagen, dass die Lage, was staatliche Hilfen betrifft, noch sehr unübersichtlich ist.

Wie wollen Sie das Thema Mieten angehen?
Wir werden natürlich auf die Vermieter zugehen. Wir müssen eine gerechte Lösung finden, bei der alle Beteiligten einen Teil des Schadens übernehmen, auch die Vermieter.

Welche Möglichkeiten gibt es bei den anderen Kostenblöcken?
Ich hatte die Idee, ganz pragmatisch einfach mal die Sozialversicherungsbeiträge nicht zu bezahlen. Meine Personalleiterin hat mich allerdings davor gewarnt und gesagt, dass dann ganz schnell unser Konto gepfändet würde. Aber vielleicht kann man ja hier eine andere Lösung finden.

Was ist mit den Mitarbeitern?
Wir versuchen hier alle Möglichkeiten wie Minusstunden und Urlaub auszuschöpfen und gehen jetzt mit den Mitarbeitern in die Gespräche. Kurzarbeit ist bei dem allgemeinen Gehaltsniveau im Einzelhandel eigentlich indiskutabel und sollten wir nach Möglichkeit vermeiden. Unser Fokus liegt ganz klar auf dem Wohlergehen der Mitarbeiter. Wir wollen sie nicht verlieren, denn wenn das Geschäft wieder anläuft, brauchen wir sie ja.

Reserved-Filiale in Frankfurt: "Die Ware bleibt in den Stores, die zwischenzeitlich neu produzierte Ware mischen wir später unter."
Foto: Reserved
Reserved-Filiale in Frankfurt: "Die Ware bleibt in den Stores, die zwischenzeitlich neu produzierte Ware mischen wir später unter."

Was passiert jetzt eigentlich mit der Ware. Bleibt die in den Läden zurück?
Ja. Wenn es wieder weitergeht, werden wir sie mit der bis dahin neu produzierten Ware neu durchmischen. Je nachdem wie lange die Schließung anhält wird dieses Problem natürlich größer.

Stoßen Sie lagermäßig an Kapazitätsgrenzen?
Das könnte durchaus sein. Glück im Unglück ist, dass Sommerteile kleiner und dünner sind und deswegen weniger Lagerplatz benötigen. Aber ja, das ist ein Problem, denn sehr viel neue Ware ist natürlich unterwegs.

Wie regeln Sie aktuell den Betrieb im Unternehmen?
In der Zentrale in Hamburg arbeiten wir in zwei Schichten. Die eine Hälfte kommt morgens und geht dann nach Hause. Dann gibt es eine Pause, bevor für den Nachmittag die andere Hälfte kommt. In den Stores arbeiten die Kollegen in reduzierten Teams an all den Aufgaben und Projekten, die noch anstehen. So können wir uns darauf vorbereiten, die Stores in bestmöglichem Zustand wieder zu eröffnen.

Wie halten Sie Kontakt zu Ihren Filialmitarbeitern?
Wir machen täglich eine Videokonferenz mit den Regionalleitern. Die wiederum machen dann Telefonkonferenzen mit den Store Managern, die sprechen mit den Mitarbeitern. Kommunikation ist jetzt das Wichtigste, es gibt viele neue Herausforderungen und auch ganz individuelle Sorgen und Ängste. Auf all das müssen wir eingehen.

Und wie halten Sie Kontakt mit Ihren Kunden?
Wir verstärken jetzt natürlich unsere Online-Aktivitäten, vor allem auf den Social Media-Kanälen.

Letzte Frage: Halten Sie die strikten Maßnahmen aus wirtschaftlicher Sicht eigentlich für verhältnismäßig?
Darüber zu urteilen darf ich mir nicht anmaßen. Diese Diskussion zu führen, macht keinen Sinn. Wir müssen jetzt mit der Situation umgehen, damit haben wir mehr als genug zu tun.

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