Jet Set-Designer Michael Michalsky im Interview

"Es wird bunter − und bewusster"

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Jet Set-Kreativchef Michael Michalsky: "Die Ära der großen Shows mit Millionenbudgets und tausenden Gästen dürfte vorüber sein."
Jet Set-Kreativchef Michael Michalsky: "Die Ära der großen Shows mit Millionenbudgets und tausenden Gästen dürfte vorüber sein."

Das Coronavirus lässt in der Fashion-Welt kaum einen Stein auf dem anderen. Schauen werden abgesagt, Kollektionen liegen auf Eis. Digitales wird unter Hochdruck vorangetrieben. Auch das Premium-Label Jet Set, gerade im Umbruch unter der kreativen Führung von Michael Michalsky, investiert in Technik und E-Commerce. Gerade erst wurde der Web-Auftritt neu gestaltet und live geschaltet. Im TW-Interview spricht Michalsky über die neuen Herausforderungen, warum Schauen künftig anders aussehen müssen und was die Krise mit den Konsumenten macht.

TextilWirtschaft: Herr Michalsky, wird Corona den Blick der Menschen auf die Mode ändern?
Michael Michalsky: Die Mode-Industrie, wie wir sie vor Corona kannten, wird es in dieser Form nicht mehr geben. Konsumenten werden Mode in Zukunft bewusster einkaufen. Vielleicht in einer geringeren Quantität, dafür in höherer Qualität. Ich glaube, dass Schnelllebigkeit nicht zukunftstauglich ist. Saisons müssen zurückfinden zu einem sinnvollen Takt: Sommerkollektionen ab März, die Winterkollektionen ab September.

Messen und Schauen können in bekannter Form aktuell nicht stattfinden. Was kommt auf uns zu?
Die Ära der großen Shows mit Millionenbudgets und tausenden Gästen dürfte vorüber sein. Das ebnet den Weg für neue, kompaktere Formate. Wir können mit einer noch stärkeren Digitalisierung rechnen. Mit virtuellen Showrooms und Avataren, wie wir sie schon jetzt in unserer täglichen Kommunikation verwenden. Genau wie Emojis, helfen sie die Mode und ihre Präsentation emotional aufzuladen.

Die Pandemie trifft alle, aber alle unterschiedlich, oft auch regional differenziert. Was macht das mit der Kundenansprache? Wird sie lokaler, individueller werden?
Wie die Pandemie um den Erdball gezogen ist, werden, vielleicht unterschiedlich, auch seine Bewohner wieder anfangen, Mode zu kaufen. In Asien haben vor Wochen die Geschäfte wieder eröffnet, in Deutschland derzeit. Online-Stores gewinnen an Stellenwert – wo sie doch so viele in Zeiten des Lockdowns für sich entdeckt haben.

Jet Set-Designer Michael Michalsky: "Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass die Menschen nach Corona ihre Lust am Leben und die Freude an der Freiheit durch Mode ausdrücken werden."
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Jet Set-Designer Michael Michalsky: "Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass die Menschen nach Corona ihre Lust am Leben und die Freude an der Freiheit durch Mode ausdrücken werden."

Remote Work, Social Distancing, Isolation – wird das den Wunsch bei Menschen verstärken, mit der Mode dagegen zu halten? Oder sehen Sie eher hygienisch reine, pure Looks? Wie wird der Style?
In der Geschichte der Kultur und Mode gab es immer wieder Beispiele für die Auswirkung von Katastrophen. Auf die Pest folgte der Barock: Die Mode wurde opulent, bunt, luxuriös, extravagant und lebensbejahend. Nach dem zweiten Weltkrieg etablierte Christian Dior den "New Look" und gab Frauen eine bestimmtes Verständnis der Weiblichkeit und Eleganz zurück.


Wie ist ihre Prognose für die kommenden Looks?
Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass die Menschen nach Corona ihre Lust am Leben und die Freude an der Freiheit durch Mode ausdrücken werden. In ihrer Aussage wäre sie dann auch "extremer" als gewohnt. Das Besondere sticht heraus. Bunter, extravaganter, lauter, lebensfroh. Wie nach anderen Krisen. Das Gegenteil also von Minimalismus, bei einem gleichzeitig gesteigerten Bewusstsein.
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