#75JahreTW: Bestsellerautorin und Unternehmerin Fränzi Kühne

"Ein Prozess, der ans Eingemachte geht"

Tom Wagner
"In deutschen Vorständen sind mehr Männer die Thomas oder Michael heißen als Frauen", sagt Unternehmerin, Aufsichtsrätin und Bestsellerautorin Fränzi Kühne.
"In deutschen Vorständen sind mehr Männer die Thomas oder Michael heißen als Frauen", sagt Unternehmerin, Aufsichtsrätin und Bestsellerautorin Fränzi Kühne.

Was sind die großen Zukunftsthemen der Modebranche? Ein Gespräch über den Thomas-Kreislauf und Vorbilder, diverse Teams und Quote, Haltung und Wandel mit Bestsellerautorin und Unternehmerin Fränzi Kühne.

Ich treffe Fränzi Kühne Anfang August, natürlich digital, über Teams. Die langen, blonden Haare trägt sie zu einem verwuschelten, hochsitzenden Dutt, in einer Trage vor den Bauch geschnallt sitzt ihre kleine Tochter Leni.

Fränzi Kühne, Jahrgang 1983, wollte zu diesem Zeitpunkt eigentlich noch in der Welt unterwegs sein. Das waren zumindest die Pläne der gebürtigen Berlinerin, als sie Anfang 2020 das Unternehmen, das sie 2008 mit zwei Freunden gegründet hat, verließ. Torben, Lucie und die gelbe Gefahr, kurz TLGG, war die erste Social Media Agentur Deutschlands.

Schon früh haben Kühne und ihre Mitstreiter festgestellt, dass Veränderung immer vom Kopf eines Unternehmens ausgehen muss, wenn sie nachhaltig und langfristig sein soll. Entsprechend ist das Gründer-Trio ab 2011 mit der Strategieberatung auf Vorstandsebene gestartet. Mit Erfolg: Die Digitalexpertise von Kühne und Kollegen war so gefragt, dass das Trio die TLGG GmbH 2015 an die Omnicom Group verkaufte. Kühne, die 2004 ein Jurastudium begann, blieb als Geschäftsführerin und COO im Unternehmen, das heute mehr als 250 Mitarbeiter:innen beschäftigt.

Kühne ist eine Macherin. Sie entscheidet schnell, nimmt Chancen wahr, wenn sie sich bieten. Wie 2017, als sie in den Aufsichtsrat der Freenet AG berufen wurde und quasi über Nacht Bekanntheit erlangte. Denn: Sie war nicht nur eine Frau, sondern auch die jüngste Aufsichtsrätin Deutschlands. Zunächst vom Spiegel getitelt, übernahmen bald auch andere Medien dieses Attribut. Seitdem sieht man Kühne häufig in den Medien. In den letzten Monaten wieder verstärkt. Der Grund: ihr neues Buch.
„Die digitale Infrastruktur in Deutschland ist eine Katastrophe, unabhängig vom Netzausbau.“
Fränzi Kühne

Ein echtes Herzensprojekt, das sie schon länger plante, aber erst in vier bis fünf Jahren realisieren wollte. Doch als Corona ihre Reisepläne zunichte machte, begann sie kurzerhand daran zu arbeiten. Denn im ersten Lockdown hatten alle plötzlich viel Zeit, auch ihre 22 männlichen Gesprächspartner. Und so erschien bereits Ende Mai ihr Buch unter dem Titel "Was Männer nie gefragt werden. Ich frage trotzdem mal." Spannender Lesestoff, der der Gesellschaft den Spiegel vorhält, unterhaltsam und klug geschrieben. Mittlerweile auch ein Spiegel-Bestseller. Aus der Weltreise wird auch dieses Jahr nichts. Vielleicht Anfang 2022. Bis dahin wird Kühne auf Vortragsreise sein. Sie spricht über Digitalisierung, Diversität, New Work und Nachhaltigkeit. Anlässlich des 75. Geburtstags auch mit der TW.


TextilWirtschaft:
Wie ist es in Deutschland um die Digitalisierung bestellt?

Fränzi Kühne:
Deutschland ist in den verschiedensten Bereichen ein Entwicklungsland. Das hat uns Corona auch noch einmal vor Augen geführt: Im Bildungsbereich ist es uns beispielsweise nicht gelungen, innerhalb eines Jahres zu digitalisieren. Die digitale Infrastruktur ist eine Katastrophe, unabhängig vom Netzausbau. Und das ist in Unternehmen im Großen und Ganzen nichts anderes.
„Der typische deutsche Vorstand ist männlich, weiß, Wirtschaftswissenschaftler um die 50 Jahre. “
Fränzi Kühne

Wie sieht denn die Situation in den Modeunternehmen aus?

Große Konzerne sind schon früh mit kleinen digitalen Schnellbooten gestartet, um Dinge zu testen und auszuprobieren. Die Kultur und die Behäbigkeit in den Strukturen von Konzernen stehen aber einer schnellen Digitalisierung entgegen.

Und der modische Mittelstand?
Der Mittelstand hat dagegen sehr spät den Handlungsbedarf erkannt. Die Strukturen sind allerdings weniger behäbig und Unternehmen damit beweglicher. Das ist ein Vorteil. Ich glaube, vielen Unternehmen geht es immer noch zu gut, um Veränderungen anzustoßen. Aber wenn sie jetzt nicht anfangen, wird es sie in zehn Jahren nicht mehr geben.

Warum liegt noch so Vieles im Argen?

Die Köpfe der Unternehmen müssen Veränderungen vorantreiben und auf Innovationen setzen. Die Unternehmensspitze muss es wollen, obwohl es natürlich gut ist, wenn auch die Mitarbeiterschaft auf Veränderung getrimmt ist. Da helfen auch junge Leute, die ein Team bereichern. Dann muss es allerdings eine Kultur geben, die einen Austausch zulässt.

Wie sieht denn die typische Unternehmensspitze bzw. der typisch deutsche Vorstand aus?

Der typische deutsche Vorstand ist männlich, weiß, Wirtschaftswissenschaftler um die 50 Jahre. 1,5% stammen aus Ostdeutschland, der Rest aus Westdeutschland und dem Ausland. Gerade mal 16% der Vorstände sind Frauen aktuell. Das ist der so genannte Thomas-Kreislauf. Demnach gibt es in den deutschen Vorständen mehr Männer die Thomas oder Michael heißen als Frauen.

Und bei den Start-ups?
Auch bei den jungen Unternehmen sieht das leider nicht anders aus. Thomas heißt nun Christian, doch strukturell hat sich nicht viel geändert. Wenn man sich die Unternehmen anschaut, die die letzten fünf Jahre an die Börse gegangen sind, lässt sich feststellen, dass Gewinnmaximierung immer noch im Vordergrund steht. Und nicht Diversität oder Kultur.

Wenn der typisch deutsche Vorstand doch bislang gut funktioniert bzw. gewirtschaftet hat, warum dann mehr Diversität?
Die Gesellschaft befindet sich im Umbruch. Die Themen, mit denen wir uns auseinandersetzen müssen, werden immer komplexer. Auch in Modeunternehmen. Wenn diese komplexen Fragestellungen immer von denselben Menschen am selben Tisch sitzend bearbeitet werden, kommen immer dieselben Lösungen heraus. Logisch, der Blickwinkel ist ja immer derselbe. Und genau hier greifen die Vorteile von diversen Teams. Der Blickwinkel auf die Sache wird vielfältiger, neue Perspektiven kommen hinzu. Ich bin überzeugt, dass Diversität bessere Ergebnisse erzielt.
„Vielen Unternehmen geht es immer noch zu gut, um Veränderungen anzustoßen. Aber wenn sie jetzt nicht anfangen, wird es sie in zehn Jahren nicht mehr geben.“
Fränzi Kühne

Was sind die neuen Themen, denen sich u.a. auch Modeunternehmen heutzutage stellen müssen?

Neben der Auseinandersetzung mit Zukunftstechnologien wie beispielsweise Künstliche Intelligenz müssen sich Unternehmen definitiv mit dem Thema New Work beschäftigen. Das ist ein Prozess, der Jahre in Anspruch nehmen wird und ans Eingemachte bei jedem einzelnen geht. Denn hier geht es um Haltung und um Kulturwandel. Darauf müssen Unternehmen jetzt den Fokus legen, um zukunftsfähig zu werden. Sonst bekommen sie irgendwann auch ein Recruiting-Problem.

Wie wichtig ist Nachhaltigkeit?
Die ganze Bandbreite an CSR-Themen muss ganz oben auf der Agenda stehen. Hier sehe ich viele Parallelen zur frühen Digitalisierungsphase. Damals hatte man eine Website und war digital. Genauso ist es aktuell mit der Nachhaltigkeit. Aber Mülltrennung und E-Mobilität reichen nicht. Ein ganzer Mind-Shift ist notwendig. Es kommen viele neue Themen auf die Unternehmen zu. Den anstehenden Veränderungen sollte mit offenem Visier begegnet werden.

Kennen Sie ein Modeunternehmen, das auf einem guten Weg ist?
Da fällt mir die Otto Group ein. Ich war sehr überrascht, wie reflektiert und offen der CFO auf einer Veranstaltung über den Prozess gesprochen hat. Das kann man nur, wenn man an sich selbst und in der ganzen Vorstandsgruppe gearbeitet hat. Der Prozess ist langwierig und unbequem, da er jeden einzelnen persönlich und intensiv fordert.

Auch auf die Gefahr hin hier Rollenklischees zu bemühen: Glauben Sie, dass sich mit Frauen in der Führungsebene der Kulturwandel einfacher realisieren lässt?

Frauen scheinen in vielen Dingen reflektierter zu sein. Denn sie können in Führungsfunktionen nicht auf tradierte Muster zurückgreifen. Ihre Rolle ist per se neu, während sich Männer an anderen Männern orientieren. Die Karrierewelt ist von Männern für Männer gemacht. Männer sind sich ihrer Rolle als Vorbild oftmals gar nicht bewusst, das habe ich auch in Gesprächen für mein Buch erfahren. Frauen scheinen eher in der Lage zu sein, neue Wege zu gehen und sich von außen Hilfe zu holen, wenn es notwendig ist.
„Ein Mind-Shift ist notwendig. Den anstehenden Veränderungen sollte mit offenem Visier begegnet werden. “
Fränzi Kühne

Mit diesem Wissen – brauchen wir dann noch eine Frauenquote?
Leider ja. Die Frauenquote ist zwar eine furchtbare Krücke. Aber wir brauchen sie, um eine Änderung herbeizuführen. So sind wir immerhin auf dem Weg zu 30 %.

Sie haben für Ihr Buch mit 22 Männern gesprochen und ihnen die Fragen gestellt, die Ihnen gestellt wurden. Was sind Ihre Top-5-Fragen?
Da sind zum einen die Fragen zum Aussehen. Was ziehen Sie zur nächsten Sitzung an? Ist das Ihr Standard-Outfit? Und die Fragen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie: Wie hat denn Ihr geschäftliches Umfeld reagiert, als Sie gesagt haben, dass Sie Vater werden? Haben Sie mal zwischen Kind und Karriere abgewogen? Und haben Sie diese Entscheidung mit Ihrer Partnerin besprochen? Und eine wirklich sehr krasse Frage, die ich Joe Kaeser, der als Vorstandsvorsitzender von Siemens für tausende Mitarbeiter:innen verantwortlich ist, gestellt habe. 'Herr Kaeser, wurden Sie in Ihrer Rolle als Vorstandsvorsitzender immer ernst genommen?' Im ersten Moment dachte ich: 'Oh Gott, wie anmaßend ist es eigentlich, so einem gestandenen Manager eine solche Frage zu stellen.' Und dann kam der Gedanke: 'Warum wird Dir eigentlich diese Frage gestellt?'
„Auch Männer bringen große Opfer für ihre Karriere. Da gibt es viele Momente und Situationen, die sie verpassen. Das sollte thematisiert werden, damit Männer wissen, worauf sie sich einlassen. “
Fränzi Kühne

Was sind Ihre größten Erkenntnisse aus den Gesprächen?

Es gab sehr viele Reaktionen und interessante Antworten. Viele Männer haben auf die Fragen unglaubliche Dinge gesagt. Es gab viele sehr nachdenkliche und emotionale Antworten, auch einige Erinnerungen. Denn auch Männer bringen große Opfer für ihre Karriere. Da gibt es viele Momente und Situationen, die Männer verpassen. Das sollte auch thematisiert werden, damit Männer wissen, worauf sie sich einlassen. Bei einigen Gesprächen waren wir beide verdutzt, welche Tiefe und Themen wir innerhalb einer halben Stunde erreicht hatten. Auch Amüsantes gab es. Als ich Heiko Maas zu seinem Äußeren befragte, ist er mit seinem Stuhl nach hinten gerollt, um zu zeigen, dass er Sneaker trägt. Kommentiert hat er sein Outfit mit den Worten: 'Die ganz normale Verwahrlosung eines Ministers im Lockdown.'

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